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Ich hatte keine sonderliche Ursache, betrübt zu sein, ich war es nicht, und fand auch keine, es mehr zu sein, als ichs war. Ich wollte mein Vermögen zurückziehn und seinen Erben das seinige überlassen, denen es gebührte, weil wir keine Schenkung errichtet hatten: doch dieses war mit jenem in den lezten Jahren so verwebt worden, dass eine Absonderung ohne weitläuftige Streitigkeiten nicht geschehen konnte. Eine Dame ist für die Kämpfe der Liebe, aber nicht für die Kämpfe der Gerechtigkeit gemacht: ich liess von meinem Rechte bis zu einer beträchtlichen Schmälerung meines Vermögens nach, um zur Ruhe zu gelangen. Umsonst schmeichelte ich mir mit dieser Hoffnung: seine Erben machten auf einmal, schon einige Zeit nach dem tod meines Mannes, einen Prozess wider mich anhängig, worinne sie MIR die Vergiftung meines Mannes schuld gaben. So rein ich mein Gewissen fühlte, so wenig fürchtete ich von dem Ausgange etwas mehr als einen Verlust meines Vermögens: doch die Sache bekam die unglücklichste Wendung wider mich. Advokaten, Schreiber, Richter parlirten, schmierten, referirten, dekretirten so lange, bis ich für schuldig erkannt, und mir Vermögen, Leben und Ehre abgesprochen wurden. Ich Unglückliche! um dem traurigsten Schicksale zu entgehn, floh ich aus meinem vaterland und liess die Schande auf meinem Namen zurück, die ich nicht selbst tragen wollte. Ich wurde von einigen Kaufleuten, die meinem Vater grosse Verbindlichkeiten schuldig waren, nebst einem kleinen Reste meines Vermögens hieher gerettet. Ich kaufte diese elende Hütte und eine Sklavinn, mit welcher ich hier in der Einsamkeit lebte und noch lebe. Vor einem Jahre besuchte mich einer von diesen edelmütigen Männern, der mir die angenehme Nachricht brachte, dass mein Name von der Schande des Mordes befreit sei, und dass ich ungehindert und ohne Gefahr in mein Vaterland zurückkehren könne. Durch die Aussage eines Mädchens, das unter neun Vergiftungen auch diese bekannt hatte, waren einige meiner Freunde veranlasst worden, die Sache von neuem in Bewegung zu bringen. Nachdem mein Name zwanzig Jahre lang unter der entehrendsten Schande gelegen hatte, nachdem ich meines Vermögens, meiner Freunde, meines Vaterlandes, meiner Ruhe, meiner Glückseligkeit beraubt war, nachdem ich meine besten Tage in der Einsamkeit, dem Kummer, der Verachtung, der Dürftigkeit verseufzt hatte, liess man mir die Gerechtigkeit widerfahren, mich für unschuldig zu erklären, fand man, dass einer meiner ehemaligen Richter, der einen von mir wenig geachteten Anspruch auf mich machte, den ich mit einiger Verachtung von mir wies, der Anstifter der Vergiftung war, dass er durch tausend listige Kunstgriffe der Sache eine solche Wendung zu geben gewusst hatte, wodurch der Verdacht wider mich bis zur höchsten Wahrscheinlichkeit erhöht und dadurch von ihm desto weiter entfernt wurde, welches um so viel leichter geschehn konnte, weil niemand als das Mädchen und Er um den Mord wussten, und jenes mit einem Offiziere ausser Landes geflüchtet war. Die Treulose war, wie ich mich nachher besonnen habe, zu der Zeit, als mein Mann starb, mein Kammermädchen; und entfloh denselben Abend, als die Vergiftung bekannt wurdeein Umstand, den man wider mich nüzte und mich beschuldigte, mit Bestechungen das Mädchen vermocht zu haben, durch ihre Flucht meine Schuld auf sich zu nehmen. – Gütiger Gott! Meine Ehre, meine Unschuld, mein Name ist gerettet: aber zwanzig Jahre lang unter dem drückenden Joche der Schande zu schmachten, das, meine Herren, das nagt das Herz. Kann eine so spät, so zufällig erlangte Gerechtigkeit den langen Kummer, Schmerz, Schande wieder ersetzen? kann sie mir zwanzig unglückselige Jahre wiedergeben und glücklich machen? – Nein! – Wehe dem Unterdrückten, dem Unrecht leidenden! Seichter Trost, dass man ohne Verschuldung leidet! Er erhält das Leben, dass es der Schmerz nicht gleich zerfrisst, um desto länger daran zu nagen. –

Belphegor konnte von seinem Erstaunen nicht zurückkommen, dass man in einem land, welches die Gesezgebung der Manieren, der Moden und Ergözlichkeiten in ganz Europa an sich gerissen hat, die gesetz, welche das Eigentum, die Ehre und das Leben des Einwohners sichern sollen, in einer Verfassung lässt, die eine solche Unterdrückung, eine solche Uebersehung der Unschuld möglich macht. Die gesetz, die Art des gerichtlichen Verfahrens, die Verfassung muss doch die einzige Quelle sein, aus welchem Ihr Unglück herfloss, sagte er. Leicht bleibt der Schuldige ungestraft: tausend Umstände, ohne die menschliche Schwachheit, machen es möglich; aber wehe, wehe! wenn es möglich ist, dass der völlig Unschuldige mit dem Schuldigen verwechselt und an seiner Stelle gestraft wird!

In Deutschland würde das nicht geschehn, sprach Medardus; das ist gar ein braves Ländchen, Madam. Wenn mich nur der unglückliche Sturm nicht so weit von meiner Heimat verschlagen hätte! – Sie sollten wahrhaftig bei mir wohnen und allen meinen Apfelwein mit mir teilen. Wenn Sie wollen, noch ist es Zeit: in dem land hier könnte ich so nicht bleiben: es geht ja so barbarisch, wie unter den Menschenfressern, zu. –

O, mein Herr, erwiderte die Markisinn, hier hat die Unterdrückung ihre natürliche grause wilde Mine: doch anderswo trägt sie tausend betriegerische Larven, wovon einige das Ungeheuer ganz unkenntlich machen, nicht eher darunter vermuten lassen, als bis man von seinen Zähnen gewürgt wird. Einer meiner Brüder ist exilirt, der andre verbrannt worden.

Beide Gäste exklamirten laut vor Erstaunen. – Der eine war ein Hugenott, fuhr sie fort,