und musste sich ihn mit eigner Hand antun. Es ist der jüngste Bruder des itzigen Sultans, Prinz Amurat. – Ihre Zuhörer erstaunten. – Sie wissen, dass der Despotismus eine grausame Vorsicht erfodert, die jeden Tronbesteiger nötigt, allen Empfindungen der Bruderliebe, des Blutes zu entsagen, und unbarmherzig jeden Verwandten niederzumetzeln, den ein unglücklicher Einfall verleiten könnte, dem Despoten seine Macht streitig zu machen. Kaum hatte der gegenwärtige Tirann den ersten Schritt zu der herrschaft über die Ottomanen getan, als er um seiner Sicherheit willen seine ein und zwanzig Brüder, Vettern und andre Anverwandten ermorden liess: alle erlagen unter ihrem Schicksale, nur dieser Prinz, der sich durch sein Naturell über seine Erziehung erhoben hatte, rührte durch seine einnehmenden Bitten den abgeschickten Mörder, der schon den Dolch auf ihn gekehrt hielt, dass er einen Sklaven an seiner Stelle umbrachte und ihm im Sklavenkleide auf die Flucht verhalf. Er kam in dem kläglichsten Zustande vor drei Tagen an meine Tür, bat mich ihn einzunehmen, und hatte den edlen Mut, sich mir geradezu zu entdecken, mit der Erklärung, dass er einen Dolch bei sich trage, den er sich augenblicklich ins Herz stossen wolle, so bald er in Gefahr geraten werde, in die hände seiner Feinde zu fallen. Sie wissen, dass eine Französinn zu schwach ist, den Bitten einer schönen Mannsperson zu widerstehn – Mitleid und Liebe sind die Elemente unsers Wesens – ich nahm ihn auf; ich habe ihn erhalten, verborgen, so bald die mindeste Gefahr drohte: ich verbarg ihn bei Ihrer Ankunft in diesem Fasse. Vermutlich glaubte er, als er uns so lange in einer für ihn unverständlichen Sprache reden hörte, dass Sie Ausspäher wären, dass ich ihn verriete und hinterlistig in Ihre Gewalt liefern wollte: vermutlich durchbohrte er sich darum mit dem schon längst bereiteten Dolche, den er nie von seiner Seite liess: darum zitterte ich für ihn, und mögen Sie Kundschafter sein oder nicht, Sie haben meine Tat entdeckt: sind Sie ausgeschickt ihn auszuforschen – eh bien! hier ist mein Kopf: ich tat eine Pflicht der Menschlichkeit, begehn Sie an mir eine Tat der Unmenschlichkeit. – Mit dieser witzigen Antitese fiel sie auf die Kniee und legte ihren Kopf in Bereitschaft zum Abhauen auf einen Sessel.
Da sie bei dieser gelegenheit ein sehr hübsches witziges Ende hätte nehmen können, was einem Franzosen gerade das ist, was wir Deutsche ein erbauliches nennen, so war sie beinahe unzufrieden, dass sie von den beiden Fremden in der Erwartung des Todes getäuscht und ihres Lebens teuer versichert wurde. Beide huben sie auf und vereinigten sich mit ihr, den toten Körper bei Seite zu schaffen, den sie in möglichster Eile verscharrten und die blutigen Spuren seines Todes auf dem Boden auftrockneten.
Nach Endigung dieser tragischen Begebenheit war die Französinn ganz frei und ungehindert, den Fremden les honneurs de la Turquie zu machen, welches sie auch mit vielem Eifer tat, woran sie vorhin die Gegenwart des Prinzen verhindert hatte, den sie durch ihre Mine zu verraten fürchtete: denn, sagte sie, einem Franzosen liegt sein Leben weniger am Herzen als Wort und Ehre. Sie bot ihnen sogar freiwillig ein Nachtlager an, welches sie mit der erkenntlichsten Freude annahmen.
Des Abends wurde sie ersucht, ihnen zu melden, wie sie ein Land der Menschlichkeit und feiner Sitten, wie ihr Vaterland, mit diesem Wohnhause der Barbarei und der Grausamkeit habe vertauschen können. Schreckliche Schicksale mussten Sie hieher verschlagen, Madam, sagte Belphegor.
Ja, schreckliche Schicksale! war ihre Antwort. Ich bin die bekannte Markisinn von E., die den grossen Kriminalprozess verlor, die überführt wurde, ihren Mann vergiftet zu haben, und doch vor Gott und ihrem Gewissen unschuldig war; und davon wissen Sie nichts? – Wie ist es möglich, dass sie auf der Welt sind und eine Sache nicht wissen können, die in Frankreich vorging? – Mein Mann starb plözlich, und alle Merkmale der Vergiftung machten die Art seines Todes unzweifelhaft. Ich hatte nicht allzu wohl mit ihm gelebt: er war ein mürrischer, eigensinniger, harter Ehemann, so unfreundlich und tükisch, dass er mich mit seinem Vorwissen keine Freude geniessen liess, und sie zu hindern oder doch zu verbittern suchte, wenn mir der Zufall eine ohne sein Zutun zuwarf. Sein finstres menschenfeindliches Gemüt konnte unmöglich jemanden froh, zufrieden und glücklich sehen, ohne sich selbst für minder glücklich zu halten, und weil er keines Vergnügens fähig war, so war ihm alles verhasst, was ihn hierinne übertraf: die Munterkeit eines Tiers gab ihm schon schlimme Laune. Da ich ein beträchtliches Vermögen zu ihm gebracht hatte, so trennte ich mich auf eine Zeit lang von ihm; und er war untröstlich und arbeitete mit allen Kräften, mich wieder zu einer Aussöhnung zu bringen: – vermutlich war es ihm unerträglich, niemanden zu haben, an dem er seine böse Laune befriedigen konnte. Das Herz einer Dame vergiebt schon, indem es über die Beleidigung zürnt: die dringenden Bitten seiner Anverwandtinnen beredeten mich, wieder zu ihm zurückzukehren. Im Anfange war er, wenigstens so sehr ER es sein konnte, ein erträglicher und beinahe gütiger Gemahl: doch in vier Wochen war er durch diesen Zwang erschöpft; er warf ihn ab: seine Gütigkeiten waren nur, so zu sagen, pattes de velours gewesen, und er zog jetzt seine ganzen Krallen hervor. Mitten unter unsern Unzufriedenheiten starb er plözlich an einer Vergiftung, die durch die gültigsten Beweise gerichtlich dargetan wurde.