mittelländischen Meere zu transportiren. jetzt tat sie weiter nichts, so viel wenigstens unsre geschichte angeht, als dass sie sich von einem starken Winde herbeirollen liess, unsre Reisenden mitten in ihren Schooss fasste, mit ihnen sich in die Höhe zog, sie in der Luft forttrug, zerplazte und sie in einer Gegend niedersezte, wohin sie ihre Beine in vielen Wochen nicht gebracht haben würden.
Belphegor und Medardus, die sich während des Transportes unablässig umarmt hatten, befanden sich izo an den Donaustrom in die Wallachei versezt: doch Akante war von ihnen getrennt. Sie schöpften Atem und konnten vor Verwunderung und Erstaunen kaum zum Worte kommen; besonders schien es ihnen ganz unbegreiflich, wie sie von einer solchen Höhe ohne die mindeste Verletzung herabstürzen konnten. Nichts an ihnen hatte bei dieser Luftfahrt eine Veränderung gelitten, als ihre Kleidung, die durchaus nass war, welches aber keiner andern Ursache, als der gewaltigen Ergiessung von Regen zugeschrieben werden musste, die bei ihrer Niedersetzung herabströmte; und weil sie in Schlamm fielen, den eine Ueberschwemmung der Donau zurückgelassen hatte, so diente ihnen dieser statt eines weichen Bettes, das ihre Gebeine vor aller Beschädigung bewahrte. Doch der Strom ergoss sich von dem übermässigen Plazregen von neuem, und nötigte die beiden Ankommenden, sich unverzüglich auf eine Anhöhe zu retten, wo sie ihre Kleider an der Sonne trockneten, ein jeder sich auf ein Ohr legte, und beide einschliefen.
Nach ihrem Erwachen riet ihnen Klugheit, Hunger und Selbsterhaltung ihren Weg zu einer menschlichen wohnung fortzusetzen, bis sie an eine Hütte kamen, wo sie anklopften. Man liess sie lange warten, bis endlich ein altes Weibchen sie aus dem Fenster in verschiedenen europäischen Sprachen weiter gehen hiess. Da sie unter den vielen eine getroffen hatte, die die beiden Reisenden verstunden, so taten sie ihr in der nämlichen ihre Bedürfnisse zu wissen, und versicherten sie, dass sie höchstdringend wären. Als die Alte merkte, dass Bitten nichts vermochten, sie wegzukomplimentiren, und die Fremden schon nach dem Türriegel griffen, in dessen Widerstand sie kein sonderliches Vertrauen setzen konnte, und vielleicht auch aus wirklichem Mitleid kam sie ihren Gästen entgegen und bewillkommte sie sehr höflich. Das ganze Gebäude hatte nur Ein Zimmer, und sie fanden also gleich ohne besondre Anweisung den Plaz, wo sie leben und weben sollten. Bei genauerer Erkundigung zeigte sich es, dass ihre Wirtinn eine Christinn, eine geborne Französinn war, welches sie auch vor ihrem eignen Geständnisse schon aus zwei Gründen schlossen; weil sie französisch hurtig und alle übrige Sprachen stotternd sprach, und weil sie sich einmal über das andre aus dem Fenster entschuldigte, dass sie nicht im stand wäre, les honneurs de la Turquie zu machen, so gern sie wollte.
Sie verschwendete den ganzen Rest ihrer vaterländischen Politesse, den ihr die Walachei übrig gelassen, um ihren Gästen begreiflich zu machen, dass sie ihre baldige Abreise sehnlich wünschte; sie sezte ihnen einen Tisch voll Teller und etwas weniges Essen auf, das man unter der Menge Teller kaum finden konnte, und liess mit einer schüchternen Behutsamkeit die Fremden niemals aus den Augen, die ihres Appetites ungeachtet aufmerksam darauf wurden und ein geheimnis argwohnten. Der Argwohn ging in ihre Mine über, und dies vermehrte die Behutsamkeit der Dame bis zur sichtbarsten ängstlichsten Besorgniss. Um sie nicht wahrnehmen zu lassen, schwazte sie ihnen in einem unaufhörlichen Strome vieles von der schönsten Stadt de l'Univers, von den diners und soupers, assemblées, bals und festins vor, die sie mit Pairs, Herzogen, Markis und schönen Geistern in Paris genossen haben wollte: doch ihre Sprache war wegen ihres innerlichen Aufruhrs jetzt nicht halb so fliessend mehr, als sie es ehedem über dergleichen Materien in Paris gewesen sein mochte. Medardus brach endlich die Rückhaltung durch und offenbarte ihr aufrichtig, was er von ihrer Mine und stimme argwohnte; sie erschrak bis zur Ohnmacht. Man suchte sie zu beruhigen, als man aus einem Winkel der stube eine schnelle Bewegung und darauf das Röcheln eines Sterbenden vernehmlich hörte.
Belphegor rennte sogleich nach dem Orte zu, indessen dass Medardus sich mit der Beruhigung der Wirtinn beschäftigte. Jener eröffnete ein nicht allzugrosses Gefäss, aus welchem ihm der Schall zu dringen schien, und entdeckte voller Entsetzen darinne einen Knaben, der in seinem Blute schwamm und mit dem tod rang. Er wusste vor Bestürzung nicht, was er zuerst tun sollte, bald griff er nach dem sterbenden Knaben, ihn herauszuziehn, bald sezte er sich in Positur, zur Französinn zu laufen, bald wollte er jenem helfen, bald diese zur Rechenschaft ziehen. Unter dem Gewühle eines so vielfachen Wollens und der höchsten Unentschlossenheit, fasste er endlich plözlich die kürzeste Partie und zog den von Blute triefenden Jüngling heraus, der unter fürchterlichen Konvulsionen in seinen Händen das Leben ausbliess. Die Rettung war also unmöglich, und Belphegor, der die Französinn völlig im Verdachte des Mordes hatte, sprang mit seinem gewöhnlichen Feuer auf sie los, um ihr – was weis ich? – die Kehle zuzudrücken, wenigstens den vermeinten Mord empfindlich zu rächen: doch Medardus schüzte sie wider den Eifer seiner strafenden Gerechtigkeit. Brüderchen, sprach er und hielt ihn von ihr zurück, erst wollen wir hören, was sie zu sagen hat. – Darauf fing er das Verhör an, und sie versprach ihm, jede seiner fragen zu beantworten, so bald ihre Ruhe wiederhergestellt sein würde.
Ach, fing sie darauf an, der Unglückliche, den Sie hier im seinem Blute erblicken, wollte dem unseligsten tod entfliehen,