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der Zeit an, als die gesammten Bürger derselben in Furcht und Aengsten waren, dass der päbstliche Legat, sie unter das Joch seines Herrn zwingen möchte. Alles, Junge und Alte, Weiber, Kinder und Männer waren in tiefer Trauer um ihre Freiheit und baten den lieben Gott mit Beten und Fasten inständigst, dass er sie in Gnaden vor der herrschaft seines Vikars bewahren möge. Doch kurz darauf wurde ihr Kummer in die höchste Freude verwandelt, als der Pabst das Unternehmen seines gewissenlosen Legaten misbilligte und der Republik ihre alte Freiheit und also auch ihre Glückseligkeit wiederschenkteeine Handlung von Menschenliebe und Uneigennützigkeit, die meines Erachtens mehr als eine ganze Ladung Indulgenzen wert ist. –

Das war ein braver Pabst, rief Belphegor.

dafür wird ihm aber auch sein Apfelwein alle Tage recht herrlich schmecken, und wenn er heiraten dürfte, so wünschte ich ihm oben drein eine Frau, wie meine verstorbne. So eine Belohnung könnte schon anreizen, dass man mehrmal so eine gute Handlung tät und von dem System der Unterdrückung abginge. Der abscheuliche Legat! so ein Häufchen, das sich nicht wehren kann, unterdrücken zu wollen! –

Der Bösewicht verdiente eher zu hängen, sprach Belphegor, dass er ein ungerechtes Joch auflegen wollte, als die Bauern, die mich zugleich an den Strang brachten, dass sie unwillig ein drückendes Joch abwerfen wollten. O wer nur mehr Macht hätte! –

Ich hielt mich kurze Zeit, fuhr Akante fort, bei einem Landmanne des päbstlichen Gebiets auf, der mich von Armut, Auflagen, Aussaugen, Beschwerungen und verwandten Materien unterhielt, worauf ich meinen Weg nach Genua nahm. Ich fand daselbst jedermann mit Anstalten zu einem Kriege wider die Korsikaner beschäftigt, die jedermann verfluchte, dass sie keine Narren sein und sich das Bischen Freiheit nehmen lassen wollten, worauf sie doch nicht den mindesten Anspruch machen könnten, da die Genueser Lust hätten, ihre Herren zu sein. Ich verliess diese fühllose Stadt und ging in einer Verkleidung durch die Schweiz und Deutschland hieher, wo ich dich, edler Belphegor, unvermutet fand, wo ich Vergebung von dir für eine Beleidigung erwarte, zu welcher mich mein Schicksal und dein arglistiger treuloser Freund zwangen, wo ich diese Vergebung erlangen muss, sollte ich sie auch durch den Verlust meines halben Ichs erkaufen müssen. Belphegor! könntest du unerbittlich, könntest du unversöhnlich sein? – Du, dessen Herz nur von Edelmute schlägt? – Belphegor! – und so fiel sie vor ihm auf die Kniee. –

Siehst du, Brüderchen? Die Hüfte ist ja wieder heil: vergieb ihr doch! Du hast ja gehört, dass ihr das Herz weh genug tat, als sie dich zur Tür heraus warf: aber der gottlose Fromal! wenn er nur damals gehängt worden wäre, als ich ihn zum tod bereiten sollte: der Galgen wäre ihm doch nur pränumerirt worden. – Nu, Brüderchen, vergieb ihr! dann, Akante, komm und trinke in meinem neuen haus einen Krug Apfelwein mit mir! –

O du Listige! rief Belphegor; dass du so glatt ins Herz schlüpfen und ein Ja auch wider meinen Willen wegstehlen kannst! Gern vergeb' ich dir: nur rechtfertige meinen Fromal! Beweise mir, dass er nicht ungetreu ist, und du hast mehr als meine Vergebungmeine Liebe! –

Wenn die Wahrheit mir deine Liebe raubt, so muss ich mein trauriges Schicksal tragenrechtfertigen kann ich ihn nicht: ich löge, um mich selber zu hassen.

Drittes Buch

Die Gesellschaft trat ihren Marsch an; Belphegor beschenkte seine gefährten unterwegs mit öftern Klagen über Akantens Untreue und die neuen Beispiele von dem Neide und der Unterdrückung der Menschen, die er aus ihrem mund empfangen hatte; und Medardus ermahnte sie zur Zufriedenheit und Frölichkeit, indem er sie oft einen guten Krug Apfelwein in seinem neuen haus erwarten hiess, oft über seine liebe Frau weinte und oft ein Anekdotchen aus der Historie erzählte.

Eben war er bei einem Geschichtchen von der unkeuschen Messaline, als sie von fern sich etwas nähern sahen, das sie nach aller Wahrscheinlichkeit für den aufgeregten Staub einer marschirenden Armee hielten. – Himmel! rief Belphegor, hast du mich bestimmt, abermals Zeuge von der Grausamkeit und Ungerechtigkeit der Menschen gegen Menschen zu sein. kommt! lasst uns fliehen, das nahe schreckliche Blutbad nicht anzusehn! Mein Herz bricht mir schon. – Wir können nicht fliehen, Brüderchen, sagte Medardus, es rückt so schnell näher, dass wir kaum den nächsten Hügel erreichen werden, ehe uns schon der Staub auf dem Nacken liegt.

Sie eilten zwar, aber wurden schon eingeholt, als sie noch nicht am fuss des Hügels hinangingen. Die vermeinte Staubwolke war eins der fürchterlichsten Phänomene der natureine sogenannte Wasserhose4, dergleichen zwar bisher nur in Holland und andern wasserreichen Gegenden wahrgenommen worden sind; da aber in der Gegend, wo unsre Gesellschaft gegenwärtig vor Erwartung zittert und zagt, und die ich meinen Lesern mit gutem Vorbedachte nicht genannt habe, das Meer in der Nähe war, so sehe ich keinen Grund, warum man mir die wahrscheinliche Existenz derselben läugnen wollte. Diese Wasserhose war eine der grössten, so lange Zeitungsschreiber eine Presse beschäftigt haben; und ein gewisser Gelehrter, Namens †††, demonstrirte mit A B X Y Z, dass besagte Wasserhose, die er zwar nicht gesehen aber doch in seiner Studierstube sehr natürlich nach dem verjüngten Maasstabe auf französischem Papiere abgebildet hatte, nur noch 3 [Pfund] Kraft gebraucht habe, um ein preussisches Regiment von der Ostsee zum