Medardus. –
Je so hätten wir es gemacht, wie die meisten unsrer Vorgänger: die Schwachen und Furchtsamen hätten wir angefahren und sie unter die Füsse getreten, und den Starken und Herzhaften wären wir zwischen den Beinen durchgekrochen. List oder Gewalt! –
Um eines solchen eitlen leeren Vorzugs willen so viele vernünftige Kreaturen umbringen oder unglücklich machen zu wollen! – seufzte Belphegor.
Auf das Glück der Menschen ist es niemanden noch angekommen. Die Menschen, lehrte mich Fra Paolo, wollen über einander, das ist der Endzweck ihres Daseins: da aber nur wenige über die andern sein können, so müssen die meisten unter andern sein: folglich muss sich jeder bestreben, so sehr als möglich sich der Klasse "über" zu nähern, wenn er nicht ganz darein rücken kann: das gilt nun gleich, wie er dahin kommt und andre unter sich bringt; kann er sie nicht bereden, dass sie ihm weichen, so drängt er sich mit Gewalt durch: wer im Gedränge erdrückt wird, wird erdrückt; warum geht er nicht freiwillig aus dem Wege? So haben die Menschen von Ewigkeit her gehandelt, und es ist nichts löblicher, als dass man eben so handelt. – So belehrte er mich, als ich noch zu furchtsam war, die Leute mit giftigen Federn zu füttern. Als ich in der Folge die Kirchengeschichte etwas mehr studirte, so fand ich, dass Fra Paolo die reine Wahrheit gesagt hatte. Wenn man nicht weiter kann, fand ich, so muss man die Leute tumm machen: dann lässt sichs ihnen tausendmal leichter befehlen: sie gehorchen auf den Wink. Das war auch grossenteils in unserm Plane mit eingeschlossen. Den Chinesern hätten wir ihre ganze weitläuftige Sternkunde untersagt, den KONFUT-SEE und MENT-SEE verboten und alle ihre KINGS verbrannt: so viel albernes und gemeines Zeug sie auch mit unter entalten, so ist doch nicht zu trauen, ob sich nicht ein Funken gesunder Menschenverstand zu viel darein geschlichen hat: allen gescheidtern Büchern hätten wir durch unsre Aufpasser den Zugang schon verwehren wollen. In Japan hatten wir besonders gute Hoffnung für unser Kommerz: da die Japaneser ganz ungeheure Sünder sind, so wäre dort ein herrlicher Absaz von Indulgenzen und andern geistlichen Galanteriewaaren zu erwarten gewesen. –
O traurige entehrende Grösse, rief Belphegor aus, die auf das Verderben und die Erniedrigung der Menschheit gebaut wird! Möchte ich doch lieber im Staube, in der Bettlerhütte, unbekannt, dürftig und elend vermodern, als nur mit Einem Tropfen Menschenblute, nur mit Einer Unterdrückung der Menschheit befleckt, in Ruhm und Ehre auf einem diamantnen Trone glänzen! – Ihr Unmenschen! –
Nein, Belphegor, wir haben sehr menschlich gehandelt: das ist immer so gewesen, dass Menschen durch Morden, Rauben, Betriegen, Plündern sich Anbetung und Ehrfurcht erkämpft haben. War das nicht ein viel grösserer Aufwand von Menschen, als unsre Vorfahren ganz Europa nach dem gelobten land zum Aprile schickten, um kahle Berge, steinichte Felder und ungebaute Gegenden zu erobern, die sie zu haus im Ueberflusse hatten? da sie Kaiser und Könige, wie Klopffechter, auf einander loshezten? – Nur Schade, dass Alexander so schnell starb! durch seinen Tod wurde ich ausser aller Geschäftigkeit und von meiner Würde herabgesezt: es kränkte mich; aber Ruhms genug für mich, an der Seite einer Teodora, Marozzia, Matildis, Olympia zu prangen, die den höchsten Gipfel des menschlichen Ruhms erstiegen, über die fürchterlichsten Weltbezwinger zu herrschen! – Ich entwischte heimlich aus Rom, weil ich alle Ursache hatte zu befürchten, dass man mich in Verwahrung bringen werde, um mich die anvertrauten Geheimnisse nicht ausschwatzen zu lassen: doch warum entwischte ich? – um den schrecklichsten Bedrängnissen entgegen zu gehen. In Neapel wurde ich vom Pöbel fast zerrissen, weil ich mich zu nahe zum Blute des heil. Januars hinzudrängte und beinahe wahrgenommen hätte, dass man die Leichtgläubigen mit einer Taschenspielerei betrog: ich kam eben dort an, als man einen Hund zum fürchterlichen Exempel aller Hunde öffentlich entauptete, weil er die Gottlosigkeit begangen hatte, ein Kind umzubringen. Ob ich gleich viel freies über diesen Gebrauch sagte, so kam ich doch glücklich durch: aber meine Guterzigkeit, den Pöbel klüger zu machen, hätte mich beinahe ums Leben gebracht. Ich entkam voller Löcher und Wunden vom Wirbel bis auf die Fusssolen, und ging nach Venedig, um dort erdrosselt zu werden. Ich sagte einem Nobile, dessen Mätresse ich war, dass ich mich wunderte, wie ein Paar tausend Leute dazu kämen, so viele Menschen unter sich stolz niederzudrücken, und ihnen allein, mit Ausschliessung aller andern, zu gebieten. Er gab mir zwar ganz gelassen die Ursache an, weil wir die Mächtigern sind. Also gesteht ihr doch, dass Euer Recht sich auf Unterdrückung gründet? – sezte ich hinzu; aber er schwieg, und morgens darauf sollte ich erdrosselt werden, doch kam ich mit einer leichten Züchtigung von dreihundert Rutenstreichen auf den blossen rücken davon. –
Nun sehe ich doch, dass Gerechtigkeit in der Welt ist, rief Medardus. Wir sind quitt, Akante; das ist die Wiedererstattung der dreihundert, die ich um deinetwillen als Jesuitenschüler zugezählt bekam. Waren Sie recht frisch und munter, Schwesterchen? –
O so frisch, dass ich zwei Monate über zweifelte, ob ich jemals wieder einen rechtschaffnen rücken bekommen würde! Ich wurde darauf die Mätresse des Markgrafen von SALOCCA, der sich ein kleines Serail hielt. Da ich die neueste und folglich die