seine Vorstellungen, so viel er sich bewusst ist, einen schwarzen Schleier geworfen: er sah die Welt an, so weit sein blick in gegenwärtige und vergangne zeiten reichte, und sagt aufrichtig, was er gesehen hat.
Die übrigens lieber ideale Schilderungen von ganz guten Menschen und ganz glücklichen Welten lesen, denen kann dieses Büchelchen keine taugliche Speise scheinen; und wenn sie lieber solche von ihm verlangten, so könnte er sie damit bedienen: denn er hat Risse zu vollkommnen Republiken und vollkommnen Welten fertig, in denen sichs aber vielleicht, wenn sie durch eine schaffende Kraft zur Wirklichkeit gebracht würden, sehr schlecht wohnen liesse: wenn es sein soll, kann er auch träumen. Bis hieher hat er aber mehr Beruf gefühlt, zu sagen, was ist, als was er wünschte oder sein sollte.
Doch fehlt es ihm auch nicht an guten und liebenswürdigen Zügen der menschlichen natur, und er hat, um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, schon längst eine idee im kopf herumgewälzt, die idee eines Gemähldes, das alles, was sich mit Wahrheit Gutes vom Menschen und der Welt sagen lässt, in sich schliessen soll, und nichts wird ihn von der Ausführung abhalten, es wäre denn Gefühl der Unfähigkeit, oder Mangel an Lust und Musse. Dieses wunderbare Kompositum, das wir Menschen nennen, ist im einzelnen und im Ganzen ein wahrer JANUS, eine Kreatur mit zwei Gesichtern, eins abscheulich, das andre schön – eine Kreatur, bei deren Zusammensetzung ihr Urheber muss haben beweisen wollen, dass er die streitendsten Elemente vereinigen, Geselligkeit und Ungeselligkeit verknüpfen und auch ein Etwas formen kann, dessen Masse aus lauter Widersprüchen bereitet ist und durch diese Widersprüche besteht. –
Denen sein Buch ganz misfällt – was sollte er diesen weiter sagen? – 'Tis too much to write books and to find heads to understand tem – sagte Sterne, und sagte auch er, wenn man IHM nicht als unbescheidnen Stolz anrechnen würde, was man Sternen als Wahrheit gelten lässt. –
Chronologische und geographische Fehler mögen Kenner der geschichte und Erdkunde berichtigen.
Wezel
Erster teil
– Bellum omnium contra omnes.
Erstes Buch
Geh zum Fegefeuer mit deinen Predigten, Wahnwitziger! – rief die schöne Akante mit dem jachzornigsten Tone, und warf den erstaunten, halb sinnlosen Belphegor nach zwei wohlabgezielten Stössen mit dem rechten fuss zur tür hinaus.
Der arme Vertriebne schleppte sich mit stummer Betrübniss bis zu einem nahen Hügel an der Landstrasse, wo er sich niedersezte, das Gesicht nach dem haus zugekehrt, aus welchem er eben jetzt so empfindlich relegirt worden war, dass ihn die Schmerzen des linken Hüftbeins nicht einen Augenblick an der Gewissheit des Unfalls zweifeln liessen, ob ihn gleich seine Verweisung so unvermutet überraschet hatte, dass ihm die Begebenheit wie im Traume vorgegangen zu sein schien. Aus Liebe zu der grausamen Akante hätte er gern die Wahrhaftigkeit ihrer harten Begegnung geläugnet, wenn nicht der Schmerz jede Minute sie unwiderlegbarer gemacht hätte. Mit einem tiefen Seufzer gab er sie also zu, liess eine Träne fallen, und machte seiner Beklemmung durch eine wohlgesezte Klage Luft.
Ach, rief er, so ist auch Akante ungetreu? Auch sie tut, was ich sonst als die Beschuldigung eines bösen Herzens verwarf, das mir das edelste schönste Geschlecht zu verläumden schien – SIE widerlegt mich? SIE beweist mir, dass diejenigen Recht hatten, die zu meinem grossen Aergernisse ihr Geschlecht wankelmütig, treulos, veränderlich, unbeständig nannten? So empfindlich muss ich überführt werden, dass ich in einer blinden Bezauberung lag, als ich diese verkleideten Ungeheuer ohne Fehler, ohne Laster glaubte? – O Akante! warum rissest Du mir die Augen auf, statt sie mir zu öffnen? – Nein, es ist nicht möglich! DU warst es nicht; ich habe geträumt. Breite deine arme aus! ich komme zu dir zurück. –
Er wollte in der Begeisterung aufstehen, um sich an ihren Busen zu werfen, und er konnte sich nicht einen Zoll hoch von der Erde erheben: die gelähmte Hüfte zog ihn wieder zurück, dass er vor Schmerz laut schrie. Zur Vergrösserung seines Kummers musste die ungetreue Akante ihm gleich gegenüber, von seinem Nebenbuhler umschlungen, am Fenster stehen und mit der ausgelassensten Frölichkeit seiner spotten: wenigstens gab ER ihrem lachen diesen Sinn.
Ja, sie war es, sagte er endlich leise zu sich, sie war es, die Tigerinn! Sie hat mir meine Hüfte zerbrochen; sie hat mich zum Krüpel gemacht. – In diesem Tone fuhr er noch lange Zeit fort und sagte sich mancherlei von den herzbrechenden Dingen, die meine Leser in jedem Romane oder Trauerspiele nachschlagen können. Mitten in dem Selbstgespräche näherte sich ihm ein Mann, auf einem Grauschimmel – zwo Gestalten, die er schon von weitem hasste, weil der Reuter eine so fröliche Mine in seinem gesicht trug, als wenn die Glücksgöttinn seine leibliche Schwester wäre, und das Pferd in einem so leichten sorglosen Trabe daher tanzte, dass er mit seinem Herrn von Einem frohen Mute belebt zu sein schien.
Der Reisende redte ihn an, und erhielt lange keine Antwort, bis endlich seine muntre Freundlichkeit Belphegors Herz öffnete, zu dem jede Empfindung leicht und bald den Schlüssel fand. – Ich merke, Freund, sagte der Fremde, dass du ein unzufriedner oder ein unglücklicher Mensch bist: in beiden Fällen bist du kein Mann für mich; denn ich kann dir nicht helfen, und mich mit dir zu grämen, habe ich keine Lust. Sei munter und lustig! und ich setze