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hören. Ich möchte doch gern wissen, wie wir hier zusammenkommenhier, gerade hier und nicht anderswo! das ist doch wahrhaftig sonderbar. Warum nur gerade hier? – Ich weis wohl, warum Alexander, der Grosse, und Scipio gerade auf dem Flecke zusammenkamen, wo sie mit einander redten: aber Akanten hätte ich mir hier nicht vermutet, so wenig als meine gute verstorbene Frau. – Nu, Kind, erzähle du nun! –

Akante fuhr darauf in ihrem Berichte fort.

Ein böser Geist trieb mich an, in Gesellschaft eines deutschen jungen Herrn eine Wallfahrt nach Rom zu tun. Er hatte bisher in der Begleitung eines Arlekins, der vom toskanischen Hofteater abgedankt worden war, die vornehmsten Städte Italiens besehen, und wünschte auf seiner zweiten Reise, weil er auf der ersten demungeachtet Langeweile genug gehabt hatte, mehr Gesellschaft mitzunehmen, um desto weniger einsam zu sein: ich nahm die Partie an. Ob ich gleich nicht um meiner Sünden willen reiste, so war ich doch die ganze Reise über niedergeschlagen: die Possen des Narren, der mit uns reiste, und das lachen seines Herrn, der den Mund bis an beide Ohren bei jedem Einfalle zu dem unsinnigsten Gelächter aufriss, ermüdeten mich: weswegen ich die meiste Zeit der Reise geschlafen habe, besonders da mein Liebhaber ein so schwerfälliger deutscher Wizling war, dass ich tausendmal lieber den Narren von Profession anhörte. Da ich ihm auf der Reise so wenig Dienste getan, vornehmlich so wenig über seine Einfälle gelacht hatte, so ward er im höchsten Grade unwillig über mich; und da er eines Tages etwas sagte, das ihm vorzüglich gefiel, und ich ganz ungerührt fortschlief, so stieg sein Aerger über meine Kaltblütigkeit so hoch, dass er mich aus Rachsucht in den rechten Backen biss und wenigstens eine gute Quente Fleisch hinwegnahm, weil nach seiner Meinung jedes seiner Worte den Leuten auch im Schlafe gefallen müsste. Zu haus bei mir, sagte er oft, sind die Leute wahrhaftig tausendmal klüger, als in Frankreich und Italien. Alle Damen haben die Mäuler schon offen, wenn ich nur die Lippen bewege; und über meine Erzählung vom weissen Bäre haben in Einem Nachmittage drei fräulein hysterische Zufälle bekommen; bei meiner geschichte vom vogtländischen Pfannkuchen überfiel eine meiner Niecen vor lachen ein so heftiger Schlucken, dass sie ihn noch bis diese Stunde nicht verloren hat; eine von meinen Tanten hat sich bei einer andern Erzählung von dem Wolfsmuffe eine Ader an der Lunge gesprengt und ist wahrhaftig daran gestorben; alle meine Leute vom Verwalter bis zum Küchenmensche lachen, wenn sie nur Ein Wort von mir hören: aber ausser meinem vaterland sind die Leute wahrhaftig so schwachköpfig, so trocken, dass sie kaum die Lippen verziehen, man mag sich tot und lebendig schwatzen. Wozu vertut man unter den Schurken sein Geld, wenn man nicht einmal den Gefallen von ihnen erlangen kann? Das soll aber auch gewiss meine letzte Reise sein: mein Geld sollen Leute bekommen, die besser dafür zu danken wissen. – Ein solcher niedlicher Ritter war es, den ich jetzt als meinen Liebhaber behandeln sollte, und dem ich kaum die Ehre gegönnt hätte, mein Bedienter zu sein. Doch der Himmel bescherte mir eine Schlafsucht, die bis vor die Tore von Rom dauerte. Den Tag nach seiner Ankunft wurde ich entlassen, und nahm statt der Belohnung eine Wunde auf dem Backen und allentalben blaue Flecken mit mir hinwegalles Merkmale seines mörderischen Witzes!

Ich war mir selbst überlassen und hatte zu arbeiten und zu kämpfen, bis ich endlich die Vertraute Pabst Alexanders des sechsten wurde

Pabst Alexanders des sechsten! rief Medardus. Brüderchen, das ist wohl wider die Chronologie? –

Sei es, was es wolle! sagte Belphegor ungeduldig; nur weiter! –

Ich wurde es; doch der Kardinal BESSARABIO wurde bald sein Nebenbuhler

Der Kardinal Bessarabio! unterbrach sie Medardus. Brüderchen, hast du von einem solchen Kardinale etwas in der geschichte gelesen? –

Nicht Eine Silbe! aber nur weiter! rief Belphegor.

Bessarabio war sein heimlicher Nebenbuhler, und GRIMALDI teilte meine Liebe auch mit ihm, auch KOLOMBINO und SACOCCIO, und SAMUELE ISBENICO

Nur weg mit den Namen! schrie Belphegor. –

Die er aber alle vergiften liess

Alle vergiften liess! rief Medardus und Belphegor zusammen. –

O wir haben in Einem Jahre dreissig vergiftet, achzig durch Banditen ermorden lassen und acht und zwanzig zu tod geärgert, weil sie sich einem gewissen Projekte widersezten oder im Wege waren, das auf nichts weiter als auf die Unterdrückung der ganzen Christenheit abzielte. Mit unsern Vasallen gelang es uns zur Not, was, wie ich höre, unser Nachfolger vollends zu stand gebracht hat: aber wir wollten weiter: unsre geheimen Absichten stiegen bis zur Universalmonarchie: was Hildebrand nur zur Hälfte getan hatte, sollte durch uns vollendet werden. Es ist nichts edleres, habe ich gehört, als der Trieb, über Menschen zu herrschen: sonach sind die Nachfolger Petri gewiss die edelsten Sterblichen auf dem ganzen Erdenkreise: denn sie wollten nicht bloss über den ganzen Erdboden, sondern auch über den Himmel, nicht bloss über die Körper, sondern auch über den Verstand herrschen. Auch habe ich gehörtdenn ich bin bei dieser Bekanntschaft etwas politisch gewordendass nichts erhabner unter den Menschen ist, als alle seines Gleichen unter sich herabzusetzen, sich über alle emporzuschwingen und Menschen durch Mord, Blutvergiessen oder andre Mitteldas gilt nun gleichunter seine Füsse zu treten. Wenn der Eroberer