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zuerst: wir sind beede Betrieger. –

Der Andre war wegen der grossen Anzahl der Anwesenden etwas betroffen. – Ihr Christen, fuhr der Jude, der deswegen Herz schöpfte, in der nämlichen Sprache fort, ihr seid saubere Leute; wenn ihr einen armen Juden anführt, so glaubt ihr, ihr habt noch so viel getan; und wenn wir uns rächen, so bestraft ihr uns als Missetäter: ihr habt uns doch das Beispiel dazu gegeben. Ihr verachtet uns, als die elendesten Kreaturen, und wenn ihr Geld braucht, sind wir doch die liebsten schönsten Leute. Sind wir nicht Menschen? Wenn ihr immer an uns zapft, so müssen wir euch betriegen, um beständig voll zu sein, wenn ihr zapfen wollt. –

Da er sah, dass sein Gegner immer verschämter wurde, so wuchs sein Herz zusehends. Er drohte, ihn bei einem halben Dutzend Excellenzen und ein Paar Durchlauchten zu verklagen, die er insgesamt sehr genau, wie Brüder, kennen wollte, und doch weiter nicht, als jeder unter den Anwesendendem Namen nach kannte; und da er in der grössten Hitze seinen Gegner zur Tür hinausgedonnert hatte, so wandte er sich mit ruhiger Höflichkeit zu Belphegorn: hat der Herr nicks zu schackern? zu schackern? fragte er und nannte ihm eine Menge Materialien her, mit welchen er zu schackern wünschte: da er aber keine Antwort erhielt, so tat er an andre noch etlichemal ähnliche vergebliche Anfragen und begab sich fort.

Belphegor, der eine Heldenstärke gebraucht hatte, um seine Zunge und seinen Unwillen zurückzuhalten, fasste seinen Freund bei dem arme und bat ihn, mit ihm an die frische Luft zu gehen. – O, rief er, als sie in einem kleinen Baumgarten angelangt waren, und schlug mit Bewegung die hände zusammenist das der Mensch, der edle, freundschaftliche, gesellige Mensch, dies empfindende, denkende, mitleidige Tier, wie ich mir ihn sonst abmahlte? So viel ich ihrer bis hieher gesehen habe, alle waren Raubtiere; alle laurten auf einander, sich mit List oder Gewalt zu schaden: einer war, wo nicht der Feind des andern, doch nur so lange sein Freund, als er unter ihm war, und gleich weniger, so bald er über ihn stieg: alles misbrauchte seine Stärke zur Unterdrückung. Bedenke, wie ungerecht war dieser Mann, einen Elenden zu mishandeln, weil er zu einer Nation gehörte, die wir zum Ziele unsrer Verachtung und Eigennützigkeit hingestellt haben: die wir gezwungen haben, Betrieger zu werden, weil wir ihnen alle Mittel abschneiden, ehrlich sich zu erhalten, weil wir sie zu einer Geldquelle bestimmen, aus welcher jedermann schöpfen will, und verlangen, dass sie nie versiegen soll. –

Siehst du, Brüderchen? antwortete ihm Medardus, das ist immer so gewesen. Die Christen, die sich über alle Völker des Erdbodens, über die weisesten Griechen und Römer erhoben haben, weil diese kein Wort von der Nächstenliebe sagendie barmherzigen, sanftmütigen Christen, die es bis auf diese Stunde den Heiden vorwerfen, dass sie ihren Feinden nicht, wie Teaterhelden, grossmütig vergaben, sondern Beleidigungen auf der Stelle ahndetendiese Christen haben von jeher es für ihre heiligste Pflicht gehalten, die armen Hebräer zu peinigen, zu quälen, auszusaugen, und noch jetzt, in unserm lichtellen Jahrhunderte sieht es ein grosser teil als eine Wohltat an, diesem irrenden volk menschlich zu begegnen. –

Die Nation hat sich freilich selbst unter die Würde der Menschheit herabgesezt

Siehst du, Brüderchen? durch unsre Schuld! Wir schwatzen an allen Enden und Orten von Mitleid und edlen Empfindungen und hassen die armen Israeliten auf den Tod. WIR haben angefangen zu hassen; das kann ich ihnen nicht übel deuten, dass sie ein Geschlecht, das sie hasst, nicht lieben. Weil wir die Mächtigern waren, unterdrückten wir sie: da sie sich durch die Stärke nicht verteidigen konnten, führten sie den Krieg mit uns durch Hass und Betrug. Jedes Menschengeschöpf ergreift zu seiner Selbstverteidigung die Waffen, die es erhaschen kann. Mit Schauern denke ich noch daran, Brüderchen; betrachte nur! Ein König von Frankreich trat einem Juden in höchsteigner person einstmals seine Zähne aus, um Geld von ihm auszupressen, und liess sich für die Operation eines jeden Zahns eine ungeheure Summe bezahlen. Man liess die Juden Geld entrichten, weil sie Juden waren, und strafte sie um Geld, wenn sie Christen wurden. – Höre, Brüderchen, wie hiess denn der Grafbei den Kreuzzügen? – Ach, Graf Emiko! Der Barbar liess ihnen die Bäuche aufschneiden, liess die armen Teufel vomiren, purgiren, um zu sehen, ob sie ein Paar elende Goldstücken in sich zurückgelegt hatten. Siehst du, Brüderchen? In Spanien ist kein Auto da Fe Gott angenehm, wenn nicht ein Jude dabei lodert; und am Ende sollen sie gar, wie die Aliden ihnen prophezeihn, auf den Türken, wie auf Eseln, in die Hölle traben. – Siehst du, Brüderchen? Ich liebe zuweilen so etwas aus der Historie: wenn wir nur ein Glas Apfelwein hier hätten, so wollt' ich dir manch Anekdotchen von der Art erzählen. –

Freund, ich habe genug! sagte Belphegor; ich habe genug gesehen und gehört, um zu wissen, dass Fromal, dass der kalterzige Richter Recht hatten: es ist immer so gewesen, dass Menschen Menschen quälten, und der Stärkre den Schwächern zermalmte. – O könnte