eine ganze Stufe über ihn war.
Aber, Brüderchen, es war doch nicht zu dulden: ich wurde auch bei meiner Gemeine wegen grosser Irrlehren verdächtig gemacht; ich nahm kurz weg meine Partie, bewarb mich um ein ander Amt und kam hieher. Meine gute Frau liess ich hier begraben; siehst du, Brüderchen? hier in der Ecke starb sie – – – sieben Kinder – – – er stockte vor Wehmut. – Doch die Vorsicht lebt noch, fuhr er erheitert fort, meine Kinder sind versorgt: morgen wandre ich fort: meine Möbeln sind voraus. – Siehst du, Brüderchen? wie ich dir sagte, ich liess ein Wörtchen zu viel fallen; und ich bin geplagt worden! ich bin geplagt worden! Ich dachte, lange sollt ihr mich nicht plagen; ich fand ein andres Aemtchen, und so lebt wohl! Morgen geh ich; aber trink, Brüderchen! der Apfelwein muss heute alle werden. – Ich habe erzählt; nun, Brüderchen, erzähle du! Willst du mit mir, so steht dir mein künftiges Haus offen. Nu, erzähle! –
Belphegor erzählte ihm darauf seine ganze tragische geschichte von Akantens unbarmherziger Verweisung bis zu seiner Einquartirung zwischen Himmel und Erden. Den Beschluss machte eine klägliche Apostrophe an Akanten, die er ein Demanterz, einen Feuerstein, eine Tigerinn, Löwinn schimpfte, und versprach ihr als ein ehrlicher Mann, sie von Herzen zu hassen, und wenn es sein könnte, gar zu vergessen.
Des Morgens darauf wanderte Medardus mit Belphegorn aus, um ihre Reise bis an den Ort zusammen zu tun, wo jener sein neues Amt antreten sollte. Belphegor ging mit schwerem Herzen und traurigen Ahndungen wieder in die offne Welt aus, und würde vermutlich noch tausendmal unmutiger diese Ausflucht unternommen haben, wenn er nicht einen so wohlmeinenden guterzigen Freund an seinem Begleiter gehabt hätte. Medardus nahm von der wohnung und dem Orte, wo er sein Liebstes zurückliess, mit den weichmütigsten Tränen Abschied, und ehe er noch ausgeweint hatte, kehrte er sich um, fasste seinen Reisegefährten bei der Hand und sagte mit lebhafter Frölichkeit zu ihm, als er seine verstörte Mine erblickte: Brüderchen, sei gutes Mutes! Die Vorsicht ist überall. –
Aber auch die Welt! unterbrach ihn Belphegor. O Fromal! dass du Recht hattest, als du mich lehrtest, überall sei Krieg. Ich, Elender, trage die traurigsten Beweise, dass du die Wahrheit sagtest: doch dies sollen die lezten sein. – Freund, rief er, indem er den Medardus hastig ergriff, Freund, wo ich bei den hässlichsten Ungerechtigkeiten mehr als mitleidiger traurender Zuschauer bin, wo ich nur Ein strafendes Wort über meine Lippen kommen lasse, so löse, reisse, schneide, senge mir meine Zunge von der Wurzel aus, wie du willst! Mag die ganze Erde sich um mich in Faktionen zerteilen und sich um das elendeste Nichts, um Seifenblasen herumschlagen– ich schweige, ich hülle mich nach deinem Rate, Fromal, in die dickste Unempfindlichkeit und – sehe zu.
Ja, Brüderchen, sagte Medardus, ich lasse auch gewiss kein Wörtchen wieder fallen, und wenn die Stärkern die Schwächern lebendig ässen. –
Ihr Weg war viele Tagereisen lang, deren Anzahl um so viel stärker wurde, da sie jeden Tag nur langsam ein Paar Meilen fortgingen. Bei ihrer zweiten Einkehr fanden sie einen heftigen Krieg in dem wirtshaus, der einen grossen Trupp Zuschauer herbeigelockt hatte. Ein Mann von ehrbarem Ansehn mishandelte einen Juden auf das härteste, dem er unaufhörliche Vorwürfe machte, aus welchen man schliessen konnte, dass ihn der Hebräer betrogen haben musste.
Freund, zischelte Belphegor seinem gefährten leise ins Ohr, siehe! wo der Mensch nicht mit Gewalt unterdrücken kann, da unterdrückt er mit List, da betriegt er. Immer Mensch wider Menschen! –
Als der tätlichste teil des Streits vorüber war, liess sich der Zorn in Worte aus: man legte die Waffen nieder und kehrte sich zu einem mündlichen Prozesse.
Der Mann, der den Juden mishandelte, war der Stattalter und Justizpfleger des Orts. Nachdem er dem Israeliten, der jetzt mit den empfangenen Schlägen noch zu viel zu tun hatte, um seine Einreden anders als in den Bart zu murmeln, seine Titel und Macht umständlich explicirt und ihm dabei begreiflich gemacht, dass, obwohln er anbefugter massen ihn mit härterer Strafe hätte belegen können, er doch sich nicht entbrochen habe, ihm die Ehre anzutun und seinen rücken in eigner hoher person den tragenden Richterzepter empfinden zu lassen. Schliesslichen sezte er hinzu, dass er aus Christenpflicht schon verbunden gewesen wäre, ihn für seine Betriegerei so kurz weg zu bestrafen, da er ohnehin so bettelarm wäre, dass es nicht die Mühe belohnte, ihn in der gehörigen Form zu bestrafen. – Du Hund von Juden! Du Betrieger! –
Was? rief der Jude mit seinem jüdischen Tone, hott der Herr nit mich zuerst betrogen? Hott er mir nit ä Pfärdel verkoft, ä Pfärdel, das war blind, das war steif, das hotte ein angeleimt Schwanz, das war nit zwä Täller wert, und hobe gegäben dem Herrn, hobe gegäben achzig Reichställer! achzig Reichställer, so wahr ich lebe! –
Nachdem und alldieweiln du ein Jude bist, als kann dir mit einem solchen Traktamente nicht Unrecht geschehen. –
Nu, wohl! weil der Herr ä Christ ist, so dorf mir es der Herr nit übel nähm, dass ich ihn wieder betrieg: der Herr hott mich betrogen