ganz ausser sich selbst gesezt war, biss vor Zorn und Wut so heftig in seine Ketten, dass ihm zwei Zähne blutig aus dem mund sprangen, und gern hätte er das ganze Tribunal mit den übrigen zerrissen, wenn ihm nicht nach seiner ersten Invasion in die Knotenperucke, zu Verhütung alles Schadens, der Hals vermittelst einer dauerhaften Kette mit den Knieen zusammengeschnürt worden wäre.
Den Tag darauf wurde das Urteil an ihm vollstreckt, das ihm der kalterzige Richter prophezeit hatte: er wurde an einem der ansehnlichsten Plätze der Stadt in Ketten aufgehangen, die man in Ermangelung derselben in Stricke verwandelte: da man aber seinen Namen erfuhr, und aus dem fremden Klange desselben schloss, dass er keines lettomanischen Ursprungs sein könnte, so wurde beschlossen, ihm, als einem Ausländer, die schuldige Ehre anzutun, und ihn eine Viertelelle höher zu hängen, als den Lettomanier, der neben ihm seine Stelle finden sollte, und dieser musste ihm aus Höflichkeit die rechte Hand lassen. Der Lettomanier, der dies als eine Beleidigung gegen seine einheimische Abstammung und gute Geburt ansah, wurde neidisch auf Belphegorn: er bestach den Scharfrichter, diesen Nebenbuhler der Ehre so schwach zu befestigen, dass ein mässiger Sturm ihn entweder in gleiche Linie mit ihm bringen oder ganz unter ihn daniederwerfen könnte. Es geschah. Kurz darauf entstund ein Erdbeben, der Himmel überzog sich mit fürchterlichen Wolken, es donnerte und blizte, regnete und stürmte – welches alles die Lettomanier nunmehr, da sie durch den Ausgang belehrt waren, wer Recht hatte, als einen Beitrag der göttlichen Rache zur Bestrafung der umgebrachten Rebellen betrachteten. Der Sturm warf den schlecht befestigten Belphegor herunter, der Blitz traf ein Haus in der Nachbarschaft, das sogleich in hellen Flammen aufloderte, das Feuer verbreitete sich von Haus zu Haus, von Gasse zu Gasse, und verheerte fast die halbe Stadt. Während des Tumultes, da alles winselte, schrie, lärmte, lief und rennte, erwachte Belphegor, an dem der Scharfrichter sein Amt überhaupt schlecht verwaltet hatte, von seiner bisherigen Betäubung, da Blut und Lebensgeister wieder ihren ungehinderten Lauf bekommen hatten; er erblickte nicht so bald den Aufruhr und das allgemeine Schrecken, als er ohne Anstand die Entschliessung nahm, die gelegenheit zur Flucht zu nützen. In Eile arbeitete er sich los, so gut er konnte, und floh zur Stadt hinaus: niemand bemerkte ihn, und niemand wollte ihn bemerken.
Die ganze Nacht hindurch lief er, ohne ein einzigesmal auszuruhen, und kam in der Morgendämmerung mit der Angst eines Gehängten, der nicht gern eine zweite Erfahrung machen möchte, wie es sich zwischen Himmel und Erde wohnt, an eine Priesterwohnung, wo er mit so grosser Verwunderung als Bereitwilligkeit aufgenommen wurde. Sein Gefährte war nebst Stricken und Galgen verbrannt, und weil man ihn gleichfalls in Asche und Staub verwandelt glaubte, so blieb er vor der Nachstellung desto sichrer.
Zweites Buch
Der ehrliche treuherzige Magister MEDARDUS war gegenwärtig der Besitzer dieser einsamen ländlichen wohnung – ein Mann, der alle Menschen Brüder nennte und als Brüder behandelte, der ärmste und doch der freigebigste gastfreieste Seelenhirte des ganzen Landes, der mit Unglück und Gefahren gekämpft hatte und noch täglich von ihnen herausgefodert wurde, sieben lebendige Kinder besass und eine Vorsehung glaubte.
zwei Unglückliche bedürfen keiner Mittelsperson, in Bekanntschaft oder Vertraulichkeit zu geraten: bei dem guten Medardus war sie noch viel weniger nötig. Ein Krug voll Apfelwein, das sein täglicher und liebster Trank war, vertrat die Stelle derselben und wurde häufig unter beiden gewechselt; Belphegor klagte und jammerte dabei über den Neid und die Unterdrückung der Menschen, und Medardus ermahnte ihn, mit der Welt zufrieden zu sein, so lange es noch Apfelwein und eine Vorsicht gebe.
Brüderchen, iss und trink heute noch! Morgen ist es vorbei; morgen muss ich fort, sprach er. –
Morgen fort! warum das? –
Die Leute sind böse darauf, dass mir mein Apfelwein so gut schmeckt. Du weisst, Brüderchen, dass Bauernkrieg ist –
Ja, leider weis ichs! unterbrach ihn sein Gast mit einem tiefen Seufzer. Ja, Freund, der unglückliche Belphegor –
Was? Bist du Belphegor, Brüderchen? der Belphegor, der dem Richter die weisse Knotenperücke schüttelte? – Du bist ein braves Kerlchen! Der brave Belphegor soll leben! – und dabei tat er einen herzhaften Schluck. – Siehst du, Brüderchen? die Bauern haben Unrecht behalten, das weisst du! Ich bin einer von ihren Pfarrern; morgen muss ich fort. –
Aber was hat denn der Pfarrer mit dem Baurenkriege zu schaffen? –
Je, Närrchen, ich habe ein Wörtchen fallen lassen – nicht viel! gar nicht viel! darüber sind sie böse geworden; und weil sie denken, sie könnens, so plagen sie mich so lange, bis ich fortgehe. Meine Kinder sind versorgt; mein Apfelwein ist diesen Abend alle; und morgen geht die Reise fort. Die Vorsicht ist überall. Meine Frau ist vor Kummer gestorben – Hier hielt er schluchzend inne: sogleich heiterte sich sein Gesicht wieder auf: aber die Vorsicht lebt noch, sezte er ruhig hinzu. – Es war eine herzensgute Frau – er weinte – gar ein goldnes Weibchen – er weinte noch mehr. – Da, Brüderchen! fuhr er auf einmal auf, indem die Tränen noch über sein erheitertes Gesicht herabliefen – da Brüderchen! Ihr Andenken! – und brachte ihm den Krug zu. –
Ach Akante! du grausame Akante! rief Belphegor, indem er den Krug dem