in Deiner stube spekulirtest, wurden vielleicht unter oder neben Dir der Wohllust die schändlichsten Opfer gebracht. Sie hat mich, sie hat Dich hintergangen, durch Lügen und durch Tat: wie führte Dich nur das liebe Schicksal wieder zu ihr?
Belphegor erteilte ihm darüber die gehörige Nachricht, und am Ende seiner Erzählung rief Medardus aus: Da sieht man doch, dass die Vorsicht noch lebt! Betrügerei und Laster finden am Ende allezeit solchen Lohn.
Aber, unterbrach ihn Belphegor, ist das Vorsehung, ein geschöpf, das tausend andre unglücklich gemacht hat, mit einer Keule vor den Kopf schlagen zu lassen? Wenn heute, wenn morgen einen unter uns ein herabfallender Stein quetscht, oder die Keule eines Räubers verwundet, dass wir unter langen Schmerzen sterben müssen, so sind wir Akanten gleich: was ist aber bei uns die Absicht der Vorsehung? – Ist es Strafe? – warum soll ICH oder DU, die wir nicht zur Hälfte so viel Böses begangen haben, warum sollen WIR mit jener ungleich grösseren Verbrecherinn gleich gestraft sein? und das ist eine üble Gerechtigkeit, wo alle Vergehungen auf gleichen Fuss behandelt werden: wenn wenig oder viel mit Einem Grade von Bestrafung wegkömmt, so hätte ich Lust, lieber viel zu begehen. – Ist es in unserm Falle keine Strafe? – desto schlimmer! warum trift den Unstrafbaren mit dem Strafbaren ein Gleiches? Woher weiss ICH das, dass Einerlei Begebenheit in einem Falle es ist, im andern nicht? und wie kann ich aus Akantens Vorfalle schliessen, dass eine Vorsicht mit Absicht ihr dieses Schicksal wiederfahren liess? –
Brüderchen, Du disputirst mir nichts aus dem kopf. Vielleicht würden wir von einem Steine erschlagen, um grossen Lastern und Unglückseligkeiten zu entgehen. Wer weiss! wozu es gut ist? –
Elende Ausflucht! Warum wurde denn Akante, die dadurch von ungeheuren Lastern und vielem Unglückke hätte bewahrt werden können, wie man nun deutlich sieht, nicht im sechsten oder siebenten Jahre erschlagen? und warum geschah diess so vielen, deren wohlgeführtes Leben es nicht vermuten liess, dass ihnen durch ihren Tod grosse Laster erspart wurden? Sollten WIR Akantens Geschick erfahren, um grossem Unglücke zu entgehn? – Wahrscheinlich keinem grösseren als wir schon erduldet haben! – Nach Deiner Philosophie, Freund, wäre es der höchste Grad der Vorsehung, alle Kinder unmittelbar nach der Geburt vor den Kopf schlagen zu lassen. –
Aber, Brüderchen, wenn viele, die es nicht verdienten, eben so gestorben sind, so ist ja das nichts sonderbares: es braucht nicht Strafe zu sein: sie mussten einmal sterben, so galt es ja gleich, ob ihnen eine Krankheit die Kehle zudrückte, oder ein Stein den Kopf zerquetschte.
Alles gut, Freund! Aber woher weisst Du, dass diess bei Akanten nicht eben derselbe Fall war? Woher weisst Du, dass Eine Begebenheit in zwei Fällen zwo verschiedene Absichten hatte? – Das kannst Du nicht beweisen; Du kannst gar nicht beweisen, dass eine Absicht dabei war, Du kannst –
Freund, unterbrach ihn Fromal, darf ich auch meine Meinung sagen? – Ich erblicke in den begebenheiten der Erde und jedes einzelnen Menschen einen Zusammenhang, der sie so zusammenkettet, dass eine wirkt, und die andre gewirkt wird, um wieder zu wirken. Diess ist das einzige, was ich mit Gewisheit sehe, und wenn ich daran zweifeln wollte, so würde ein Stein, der auf meinen Kopf fällt, mich lebhaft davon überzeugen: es ist eine Bemerkung, die eine leichte Aufmerksamkeit macht, und sie hat, deucht mich, die nämliche Evidenz, die das zeugnis unsrer Sinnen gibt. Dieser bemerkte Zusammenhang soll einen Namen bekommen: richte ich meinen blick bloss auf die notwendigkeit und Unwiderstehlichkeit dieses Zusammenhangs, dass ein Glied in der langen Kette der begebenheiten genau an das andre schliesst, dass ich keins herausnehmen kann, ohne die Ordnung und Folge des Ganzen zu ändern und also eine andre Kette zu machen, dass durch lange Vorbereitungen eine günstige und widrige Begebenheit, der Sturz vom Pferde und der Gewinnst eines grossen Looses seit dem Anbeginne der Dinge schon gewiss war und jetzt, wenn sie geschieht, unvermeidlich ist: so nennen wir den Zusammenhang der Dinge, von dieser Seite betrachtet – Schicksal, Falum. Betrachten wir ihn aber auf einer andern, in so fern eine jede wirkung die abgezielte Absicht von dem Urheber der Dinge bei der Anordnung aller vorhergehenden Ursachen sein konnte: so nennen wir es Vorsehung. In beiden Fällen bleibt der Zusammenhang derselbe, gleich notwendig und unausweichbar, nur der Name und die Vorstellungsart wird geändert. In dem ersten Gesichtspunkte ist die Welt ein von dem Urheber der Welt veranstaltetes Spiel der natürlichen Kräfte: er warf Schwerkraft, Centralkraft, elektrische, magnetische und andre Kräfte der Körperwelt zusammen, er warf denkende und wollende Vermögen, Neigungen und Leidenschaften in die Geister, und gab einer jeden Kraft eine bestimmte Regel für ihr Wirkungen. Das Spiel begann: Ideen, Neigungen, Leidenschaften kämpften unter einander, Körper stritten mit Körpern: die Maschine der Welt ist ein perpetuum mobile, wo Stoss auf Stoss, wirkung auf wirkung unausbleiblich folgen, der Gerechte und Ungerechte von einem Steine zerquetscht wird, wenn er gerade vorübergeht, indem ihn seine Schwerkraft zur Erde herabzieht, wo der Böse und Gute von der Kanonenkugel weggerissen wird, wenn sie ihn auf ihrem Wege antrift – kurz, wo aus dem verwirrten streitenden Haufen der Weltkräfte eine wirkung nach der andern hervorsteigt, und jede der ihr angewiesnen Regel allein folgt