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getroffen fühlt, und eben als Belphegor die Moral zu seiner Erzählung hinzusetzen wollte, brach er ab und entschuldigte sich mit dringenden Geschäften, dass er sich von ihm beurlaubte. Sein Gesezprediger war zwar mit dieser entwicklung des Gesprächs nicht sonderlich zufrieden, doch hoffte er einen glücklichen Ausgang seines Vorhabens, weil sein Freund noch Gefühl hatte.

Er wiederholte seinen Besuch' zum zweiten, zum dritten und mehrmalen: allemal wurde es mit der grössten Höflichkeit beklagt, dass unaussezbare Geschäfte die Annehmung seines Zuspruchs nicht verstatteten, und wenn der gute Mann von der Vortreflichkeit seines Unternehmens nicht zu sehr geblendet gewesen wäre, so hätte er leicht darauf verfallen können, dass man jemanden oft abweist, um ihn nicht wieder zu sehen: allein eine so ruhige Bemerkung verstattete ihm die Hitze, womit er seinen Zweck verfolgte, nicht zu machen: er liess sich getrost abweisen und setzte getrost seine Anfragen fort. Endlich merkte er wohl, dass er mehr Schwierigkeiten bei Fromals Bekehrung fand, als bei dem ehrlichen treuherzigen Medardus, und begriff den Bewegungsgrund, der den Befehlshaber gegen eine Unterredung mit ihm abgeneigt machte: seinen Plan aufzugeben, war für ihn der Tod; er entschloss sich kurz und nahm seine Zuflucht zur Feder. Er schrieb ihm die lebhafteste angreifendste Vorhaltung seiner Ungerechtigkeiten, bat, beschwor, drohte in schauernden Ausdrücken, und verlangte nichts als eine Wiedererstattung aller begangnen Bedrückungen. – Gieb, schloss er, gieb den Bedrückten, die Du vor Räubereien schützen solltest und selbst beraubt hast, gieb ihnen alles wieder, sei künftig gerecht, billig, menschenfreundlich! – und Du bist wieder mein Freund; wo nicht, so soll Dich meine Nachkommenschaft bis in Ewigkeit verfluchen, und jeder Tropfen meines Blutes, so lange er noch in einer Ader fliesst, um Rache wider Dich schreien. –

Der Brief tat seine wirkung. Belphegor hatte sehr sorgfältig verhelt, dass er der Urheber von ihm war, und Fromal, der diess nicht vermutete, hatte bereits zu viel gelesen, um wieder aufhören zu können, als er den Verfasser desselben erriet. Er las ihn unruhig und zitternd durch, musste es noch einmal tun und wurde in ein tiefes Nachdenken versenkt, las ihn wieder und sann, konnte nicht essen und nicht schlafen. Die schauerhaften Beschwörungen seines Freundes schlichen unaufhörlich, wie Gespenster, vor seiner Seele vorüber: er wünschte, sich bei dem mann rechtfertigen zu können, der einen solchen Aufruhr in ihm gemacht hatte, und doch schämte er sich, ihm in die Augen zu sehen. In dieser unruhigen Unentschlossenheit liess er zwei Tage verstreichen, und Belphegor seufzte und trauerte schon, dass ihm sein Zweck so ganz fehl gegangen, und sein Freund so verhärtet sei. Mitten in seiner Unzufriedenheit darüber bekam er die Nachricht, dass der Befehlshaber ihn zu sprechen verlange: er ging nicht, er flog. Ob sich gleich eben so leicht vermuten liess, dass seine Vorstellung beleidigt habe, und dass man ihn nur rufen lasse, um ihn den Unwillen über seine Besserungssucht zu empfinden zu geben, so war doch bei allen schmähenden Deklamationen, die ihm eine gegenwärtige Mishandlung wider den Menschen auspresste, noch zu viel Rest guter Meinung von der menschlichen natur aus den ersten Jahren der Einbildungskraft bei ihm übrig, als dass er insbesondre seinen ehmaligen Freund einer gänzlichen Verhärtung fähig halten sollte.

Seine gute Erwartung wurde zum teil erfüllt: Fromal dankte ihm für die wohlmeinende Absicht seines briefes und verbarg ihm keine von den Regungen, die er in ihm erweckt hatte; er erkannte sich aller Vorwürfe wert, die ihm darinne gemacht wurden, hatte aber auch für jede eine schöne Entschuldigung in Bereitschaft, und bat Belphegorn, sein Freund wieder wie vormals zu sein, welches gewissermassen ein stillschweigender Vertrag sein sollte, ihn ins künftige mit solchen Unruhen zu verschonen. – So legte es auch Belphegor aus und sprach daher mit dem ganzen Ernste eines Bekehrers: Nicht Eine Minute kann ich Dein Freund sein, so lange Deine Reue nicht wirksamer ist: nicht bloss vergessen, sondern wieder gut machen musst Du Deine Ungerechtigkeiten, nicht bloss unterlassen, sondern besser handeln. – Fromal wiederholte die Versichrung seiner Reue nochmals und glaubte damit wegzukommen, allein Belphegor wich auch nicht Einen Punkt von seinen Foderungen ab und ging in dem Feuer der Unternehmung so weit, dass er von ihm, wie ehmals vom Medardus, verlangte, seine Befehlshaberstelle aufzugeben, um sich vor neuen Missbräuchen zu hüten. Die Anfoderung war übertrieben, und verdarb darum die Hälfte der gemachten guten wirkung: Fromals Eigenliebe fühlte etwas zu widriges dabei, um ihm nicht ein Vorurteil wider den Mann einzuflössen, der sie tun konnte. Aus dieser Ursache brach er kurz darauf abermals das Gespräch ab, ohne weiter einen Anspruch auf Belphegors Freundschaft zu machen, der ihn ungern verliess, weil er von dieser Unterredung den entscheidenden Ausschlag gehoft hatte.

Indessen blieb doch Fromaln, so schwer es ihm fiel, sich mit seiner Eigenliebe ganz zu entzweien, ein Stachel zurück, der ihn von Zeit zu Zeit an Belphegors Vorhaltungen erinnerte: er liebte ihn wegen seines Eifers für seine Besserung, er wollte ihn gern oft sehen, und gleichwohl fürchtete er eben diesen Eifer zu sehr, um ihn oft sehen zu können. Endlich schlug seine Eigenliebe einen Mittelweg ein: er bemühte sich, ihn durch Liebkosungen, Geschenke und Ehrenbezeugungen zu gewinnen, oder seine ernste Beredsamkeit einzuschläfern: er zerstreute ihn durch verschiedene Vergnügungen; er kützelte ihn durch Wohlleben und dachte seine ernste Tugend im Weine zu ersäufen. Zur Hälfte gelangs ihm; aber