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. Wenn er nur oft käme, und von Ihnen spräche! Mir ist so wohl dabei, und so bang. Ich wünschte immer, dass man davon anfienge; und fängt man an, so wünscht ich wieder, dass ich weit davon wäre! Aber nachher freu ich mich doch immer recht drüber.

Von unangenehmen Dingen spricht man nicht gern; sonst könnt ich Ihnen viel sagen, von den Spöttereien und Sticheleien, die ich von meiner Schwägerin anhören muss; doch so etwas ist zu gering, sich darüber zu ärgern. Ich kann Ihnen nicht mehr schreiben, weil ich recht viel wegen der Habererndte zu tun habe; aber wenn das vorbei ist, so werde ichs gewiss nachholen. Ich habe Ihnen noch so viel zu sagen, so viel! Aber ein Brief ist immer nur eine halbe Unterredung. Leben Sie so glücklich, mein Teurester, als es mein stündlicher Wunsch ist! Meine Seele ist oft bei Ihnen.

T. Siegwart.

Als Kronhelm diesen Brief gelesen hatte, ging er ans Fenster, und die hellen Zähren stürzten ihm aus den Augen. Sein Herz machte ihm tausend Vorwürfe. Gott! Was ist das für ein himmlisches Mädchen! dachte er; und was bin ich für ein Kerl! Lauter Zärtlichkeit und Liebe! Und ich tat dem Engel Unrecht! Tat ihm teuflisches Unrecht! – O vergib, vergib, Engel, wenn ichs wert bin! – Ich habe vorhin recht gerast, sagte er zu Siegwart. Das ist was Entsetzliches um die Liebe, wie sie mir dem Menschen umgeht, und so alles aus einem macht, was sie will! Da wollt ich mitgebracht, und da war es, als ob ich auf Einmal ein ganz andrer Mensch wurde. Ich raste, und hätt einen umbringen können, der mir in Weg gekommen wäre! Ich sah und hörte nichts; oder, was ich sah, das war mir ärgerlich. Ich lief, wie ein Unsinniger beim Tor hinaus; fluchte bei mir selbst, und hätte darauf geschworen, deine Schwester hab mich schon vergessen! – Und nun schreibt sie mir da einen so herrlichen und lieben Brief. O ich möchte mich vor den Kopf schlagen, dass ich so ein Tollkopf bin, und ihr so Unrecht tat! – Da siehst du, sagte Siegwart, dass der P. Philipp Recht hat: Man soll sich von der Liebe nicht so ganz beherrschen lassen! Du bist seit der Zeit viel ungeduldiger und auffahrender. Alles ärgert dich, wenn es nicht immer gleich nach Wunsch geht. – Freilich; sagte Kronhelm; aber hab nur Geduld mit mir, Bruder! Ich will mich warlich bessern! Deine Schwester ist so ein sanftes, nachgiebiges Mädchen; sie weis sich in alles so zu schicken; und ich bin so ein aufbrausender Kerl der gleich mit dem Kopf durch die Wand will. O sie soll mich noch Gelassenheit und Sanftmut lehren, oder ich wär ihrer Liebe nicht wert! schreibe ihr nur nichts davon! Ich müsst mich schämen! – Da kannst du ihren Brief lesen. Es ist der Wiederschein ihrer Seele. Die Zärtlichkeit hat ihr ihn selbst eingegeben. Siegwart liess ihn auch den Brief lesen, den sie ihm geschrieben hatte. – Es ist herrlich, wie das Mädchen schreibt! sagte Kronhelm; so natürlich und so wahr! Man sieht doch gleich, was natur ist! –

Kronhelm und Siegwart schrieben nun wieder an Teresen und an ihren Vater. Kronhelm ward oft sehr bewegt, und musste inne halten, so gegenwärtig stellte er sich das Mädchen vor. Er konnte es nicht ganz lassen, und schrieb ihr doch einiges von seiner Ungeduld, in die er über ihr vermeintes Schreiben geraten war. Auf den Nachmittag schickten sie die Briefe fort.

Den Sonntag darauf besuchten sie den jungen Grünbach, und erzählten ihm von ihrer Reise. Seine Schwester Sophie kam, unter dem Vorwand, Musikalien zu holen, auch aufs Zimmer, und blieb über eine Stunde da. Das arme Mädchen hieng mit ihren Augen immer an Siegwart, und litt recht viel dabei, dass er so wenig auf sie zu achten schien. Die Jünglinge sprachen viel von Klopstock, und als sie Siegwarten mit solcher Wärme von ihm sprechen hörte, bat sie sich den Messias von ihrem Bruder zum Lesen aus. Ihr Vater kam, und sie musste in den Laden hinab. Der alte Grünbach erkundigte sich mit vielen Umständen bei Siegwart nach dem Befinden seines Vaters und seiner Familie.

Die Schulstunden wurden nun wieder angefangen, und die beiden Jünglinge beschäftigten sich mehrenteils mit den Büchern; zumal, da man bei den unbeständigen und rauhen Herbsttagen wenig mehr aufs freie Feld hinaus konnte. Kronhelm liebte zwar die Wissenschaften sehr, und brannte vor Begierde, seine Kenntnisse zu vermehren; aber der Gedanke an Teresen überraschte ihn alle Augenblicke über den Büchern, und dann war es ihm unmöglich, weiter zu lesen. Er fing an zu phantasiren, stellte sich ihr Bild ganze Stunden ganz lebendig vor, und hielt, wenn er allein war, laute gespräche mit ihr. Sie schrieb ihm, wo nicht alle 8 Tage, doch wenigstens alle 14 Tage gewiss. Sie wurden, auch in der Entfernung, immer noch genauer mit einander verbunden. Sie liessen ihre Seele in den Briefen reden; sagten sich ihre innersten Gedanken, und so entdeckte eines immer mehr Vorzüge und Vollkommenheiten an dem andern. Kurz, sie waren das glücklichste Paar, weil Tugend und Weisheit ihre Seelen an einander kettete, und immer fester mit einander