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Leuten. Sie glauben nur für ihr Mädchen allein geschaffen zu sein, und gegen die übrige Welt weiter keine Pflicht zu haben. Bei Ihm fürcht ich das nun weniger. Die Liebe sollte uns am meisten zur Vervollkommung unsrer selbst antreiben. Denn je mehr Vorzüge und innre Vollkommenheiten wir haben, desto glücklicher können wir einst den geliebten Gegenstand machen. Durch Kenntnisse und Wissenschaften bahnen wir uns den Weg zu Ehrenstellen, ansehnlichen Aemtern und Besoldungen; und dann können wir erst mit gutem Gewissen einem Frauenzimmer unsre Hand anbieten. Er kann zwar auch ohne Aemter leben; aber es ist doch besser, wenn man zu allem geschickt ist. Kronhelm dankte für den Rat, und versprach, ihn zu befolgen. Er fühle sich jetzt, sagte er, zu allem stärker; alles sei ihm leichter. Er liebe die Menschen mehr. Sein Herz sei weicher und mitleidiger geworden, und das Schicksal eines jeden Menschen, besonders eines leidenden lieg ihm weit näher am Herzen, als sonst.

Gleich den Tag nach seiner Ankunst hatte Kronhelm einen ziemlich weitläuftigen Brief an Teresen, und auch einen an ihren Vater geschrieben, und ihn dem Boten mitgegeben. Er wartete nun mit Verlangen auf den Sonnabend, da der Bote wieder kommen sollte. Er zählte alle Stunden bis dahin, und lief am Sonnabend sogleich nach dem haus, wo die Briefe gewöhnlich abgegeben wurden. Der Bote war da gewesen, und hatte keinen Brief mitgebracht. Der sonst gelassne Kronhelm ward durch diese Nachricht wie rasend, knirschte mit den Zähnen, und stampfte auf den Boden. Nun so wollt' ich, dass ich die Welt zertrümmern könnte! rief er, und alles, was drinn und drauf ist! – Keinen Brief? Und sie hat mir es so teuer versprechen? – Nun so trau mir einer mehr den Menschen, und zumal den Mädchen! – Alles, alles ist nichts! Ist Tand! Ist abscheulicher Betrug! – O ich Tor, dass ich so drauf baute! Den Kopf möchte ich mir einrennen! – Das verfluchte Geschlecht!

So tobte er, und lief, ohne zu wissen, warum? vors Tor hinaus. Alles, was ihm begegnete, war ihm zuwider. Die ganze Welt kam ihm vor, wie ein Narrenhaus, und Zuchtaus. Jeder war ihm ein Narr, oder Bösewicht! Er kam an die Donau; setzte sich ans Ufer nieder; scharrte den Sand mit seinem Stock auf, und stäubte ihn ins wasser. Gott! dachte er, auch Terese untreu! Auch die, auf die ich alles gebaut hätte! O, wir Männer sind doch rechte Narren! – Er dachte hin und her, was sie so schnell auf andre Gedanken könnte gebracht haben? Es war ihm unbegreiflich; und doch hielt er es für ausgemacht gewiss. Er fand tausend Ursachen, und verwarf sie wieder. Endlich hub er sich wieder auf, und ging nach Haus. Siegwart war ausgegangen, um ihn auszusuchen. Nach einer Stunde kam er wieder; Da ist ein Brief von meiner Schwester, sagte er. – Was? rief Kronhelm; Willst du mich auch für einen Narren halten? Ich hab schon nach dem Boten gefragt! Er hat nichts! – Da lis nur selber; sagte Siegwart. Der Bote hat mir den Brief selbst eingehändigt, weils meine Schwester haben wollte. Kronhelm brach den Brief mit Zittern auf, und riss ihn vor Ungeduld fast entzwei. Terese schrieb so:

Bester, teurester Freund!

Der vergnügteste Abend nach Ihrer Abreise war mir der, da ich Ihren lieben Brief erhielt; vielen, vielen herzlichen Dank dafür, mein bester Freund! Gottlob, dass Sie glücklich wieder angekommen sind! Meine besten Wünsche begleiteten Sie auf Ihrer ganzen Reise; aber besonders machte mir der fatale Weg, und der starke Regen viele sorge. Ich freute mich recht für Sie, als der Regen wieder nachliess.

Also sind Ihre Lehrer nicht böse, wegen Ihres etwas längern Ausbleibens? Nun, das ist mir sehr lieb; mir war schon recht bange dafür, und ich dachte, Sie könntens gar darüber bereuen, dass Sie länger hier blieben; das wollt ich doch nicht gerne! den traurigen Scheidetag und an die letzte traurige Nacht. Dann sehe ich noch immer den, mit schwarzen Wolken umgebenen Mond, der uns gegenüber stand; dann hör ich noch immer den rollenden Donner,und sehe die schnellen Blitze. Alles war so feierlich! Erst sinds acht Tage, und mir dünkts schon so lange! Jetzt sind wir ganz einsam, und alles ist so stille, nun Sie nicht mehr hier sind!

Am Tage nach Ihrer Abreise schrieb ich ein paar Lieder aus Kleist ab; hernach hab ich im Hagedorn gelesen, den Sie mir geschenkt haben. Ich fand vieles drinn, was mir gefiel; aber für mein Herz, das jetzt so viel verlangt, hats zu wenig Nahrung. Sonst hab ich nichts gelesen. Teils hatte' ich nicht Zeit dazu, teils nicht Lust; und dann haben Sie mich so ganz verwöhnt, dass ich fast nichts mehr allein lesen mag.

Einmal hab ich Besuch gegeben bei meiner Freundin, der Postverwalterstochter; und den Abend ging ich am kleinen Bach spatzieren, mit meinem Vater, der so ganz für Sie ist. Wir sprachen recht viel von Ihnen. Vorgestern war Hauptmann Nortern, aber nur allein, hier. Wir kamen oft auf Sie zu sprechen; er hält sehr viel auf Sie, und ich bin ihm deswegen noch einmal so gut