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so viel schlimme Leute, wie in der Stadt, dass man sich zu fürchten hätte! – Ja, das weiss ich wohl, sagte Kronhelm, und Ich werde gewiss nicht die Stadt gegen Sie verteidigen! Nun, Sie fahren also mit! Das ist ja herrlich! O, Sie sind das liebste und gefälligste Mädchen von der Welt! – Aber, sagte Siegwart, wir müssen nur nicht viel Umstände mit dem Abschiednehmen machen! Das muss ein schaaler Kopf gewesen sein, ders erfunden hat! Wenn ich mich von einem Freund trenne, da wünsch ich ihm gewiss von Herzen alles Gutes, und da brauchts der vielen Worte nicht' – Gut, gut! Wir wollens kurz machen! sagte Terese. Aber unter Abschiednehmen und Abschiednehmen ist doch auch ein grosser Unterschied! Nicht wahr, Herr von Kronhelm? Hier sah sie ihn mit einem unbeschreiblichen, mit Wehmut und Liebe untermischten Lächeln an. – Da haben Sie auch ein Vergissmeinnicht! sagte sie zu Kronhelm, als sie an einer Quelle, die den Berg hinab rieselte, vorbeikamen, und gab es ihm. Er küste ihr die Hand, und steckte es auf seinen Hut. Da soll es immer bleiben, sagte er, und mich tausendmal des tages an Sie erinnern! Aber nun lebe wohl, Berg! Nun werde ich dich wohl so bald nicht wieder sehen! – Vielleicht in diesem Leben nicht mehr, sagte Terese. – Nein, das wolle Gott nicht! rief er heftig aus. Wo bringen Sie die trübseligen Gedanken her? In drei, vier, Jahren kann sich viel ändern! – Ja wohl, viel ändern! setzte sie hinzu. – Drauf gingen sie allmählich wieder dem dorf zu. Vor demselben trafen sie die Kutsche mit der kranken Bäurinn an. Gott! sagte Terese; wie der Mensch sich so schnell ändern kann! Vor etlich Tagen sah diess Weib noch wie eine Nose aus; nun ist sie so bleich, und und eingefallen, wie der Tod, dass man sie kaum mehr kennt! Es wäre doch recht lächerlich, wenn man sich auf sein gutes Aussehen viel zu gut tun wollte! – Freilich ist es besser, sagte Kronhelm, wenn man noch etwas mehr hat, worauf man stolz sein kann! Wer so ein Herz hat wie Sie, meine Liebe, der kann sich über den Verlust seiner Schönheit leicht trösten. Aber wie wenig Mädchen können das? – Sie ward rot, und sagte: auf diess Kompliment hab ich nicht gerechnet; sonst hätt ich sein geschwiegen! – Es ist kein Kompliment, antwortete Kronhelm; Sie wissen, dass ich Komplimente hasse. – Nun kamen sie beim alten Siegwart wieder an. Er wollte erst nicht zugeben, dass sie nicht ins Bette gehen sollten; aber, als sie ihn so dringend um erlaubnis drum baten, gab er ihnen nach. Um vier Uhr, sagt' er, will ich wieder aufstehen, denn ich hab die Ruhe nötiger, als ihr. Sie gingen nun zum letztenmal in Garten, und bald drauf aufs Zimmer, denn der Himmel ward immer wolkichter und trüber, und es blitzte schon von ferne. Das Herz war ihnen jetzt auch schwer, aber doch weniger, als gestern; denn der Gedanke an, die nahe Trennung war ihnen schon minder neu. Sie setzten das Licht aus dem Zimmer in die kammer, weil ihnen die Dämmerung lieber war, und weil sie so die Blitze, die immer häufiger wurden, besser sehen konnten. Siegwart setzte sich in einen Lehnstuhl am Ofen, und schlummerte ein wenig; doch sprach er auch zuweilen mit. Kronhelm schlang um Teresen seinen Arm; vor ihnen lag der Messias, und zwar die Stelle von Semida und Cidli aufgeschlagen, die sie vorher noch einmal gelesen hatten.–Das Gewitter zog immer näher, und man hörte schon von fernher donnern. Sie traten ans Fenster, und sahn dem Blitzen zu. Einmal wurden sie durch einen Blitz so geblendet, dass sie beide zurückfuhren, einige Augenblicke nichts, als blaues Licht um sich her sahen, sich anblickten und schwiegen. – Gott! dachte Kronhelm, wenn der uns getödtet hätte! Und doch, dachte er zugleich, es wäre gut! Ich wär mit ihr gestorben! Er sah sie an; ein Blitz erleuchtete ihr Gesicht; es sah blass aus, und das auge war nass, und glänzte. Er streichelte ihre Wangen; Sie waren von den Tränen ganz benetzt und kaltSollten wir uns wiedersehen? sagte sie. – Ja gewiss! antwortete er mit Heftigkeit; drückte ihr die Händ, und gab ihr einen Kuss. Es fing nun auch an zu regnen, und sie wurden sehr besorgt, dass sie nicht würde mitfahren können. wenn es nur aufhört, sagte sie so hats nichts zu bedeuten! An den schlimmen Weg denke ich gar nicht. – Sie setzten sich wieder an den Tisch; Terese stützte ihr Gesicht auf ihre Hand, und neigte sich über den Messias her. Ihre Seele ward nun auf Einmal heftiger bestürmt; der Gedanke an die immer näher rükkende Trennung faste sie ganz; ihr Busen schlug heftiger; ein Seufzer folgte dem andern, und Kronhelm hörte die Tränentropfen auf das Buch fallen. Er ergrif ihre Hand; sie führte die seinige auf das Buch, und er fühlte, dass es nass war. Da tat er in seinem Herzen einen Schwur, ihr ewig treu zu sein! Und der Schwur war ihm so heilig als ob er ihn