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nahen Trennung lag nun immer trauriger und schwerer auf ihnen! Sie wagtens nicht, einander etwas davon zu sagen, und doch verrieten ihre Blicke ihre Bangigkeit und ängstliche Besorgnis nur zu oft.

Als sie in der späten Dämmerung zu haus wieder ankamen, setzten sie sich vor dem Abendessen noch im Zimmer neben einander. Kronhelm hatte seine Hand in Teresens Hand gelegt, und sprach nichts. Es ward immer dunkler um ihn her, sein blick ward trüber, und sein Herz schwerer. Er dachte viel, und dachte nichts. Weinen konnte er nicht; sein Herz war gespannt, und wollte bersten. Zuweilen kam ein Seufzer aus dem Innersten, hub die Brust hoch auf, zitterte herauf, und brach mit Gewalt hervor. Dann drückte Terese ihm mit Heftigkeit die Hand. Ihr war die Wohltat der Tränen nicht versagt, und sie rieselten häufig über ihre blassen Wangen. Zuletzt konnte sich Kronhelm nicht mehr halten; er stand auf, ging im Zimmer heftig hin und her; warf sich in der Ecke des Zimmers auf einen Stuhl; stand wieder auf, und setzte sich wieder zu Teresen. Sie sass mit dem Kopf rückwärts an die Lehne des Stuhls gelehnt; ihre schönen Augen waren in die Höhe gerichtet, und die helle Träne glänzte drinn. – Ach! dass wir uns verlassen müssen! sagte er. Sie schwieg. Sie legte ihre Hand wieder in die seinige; sah ihn an, und wieder auf die Seite. Ihr Herz litt unendlich viel. Indem kam der alte Siegwart herein. Eben schickt man da zu mir, sagte er, um meine Kutsche. Eine Bauersfrau von hier ist auf einem andern Dorf schnell krank geworden, und da will ihr Mann sie Morgen abholen. Ich konnte ihm die Kutsche nicht abschlagen, es sind gar zu brave Leute. Morgen müssen Sie also noch hier bleiben, Herr von Kronhelm, oder reiten. Nein, Nein! Ich bleibe gern, rief Kronhelm und sprang auf. Bravo! Bravo! das ist herrlich, dass wir länger bleiben! Terese stand auch voller Freuden auf. Es war, als ob auf einmal eine grosse Last von ihrem Herzen wäre weggewälzt worden. Xaver kam aus dem Garten herauf, und freute sich, als er es hörte, mit ihnen. Nun waren die Liebenden wie verwandelt, und ausgelassen lustig. Terese muste das munterste Stückchen, das sie hatte, auf dem Klavier spielen. Sie assen im Garten, und scherzten mit einander über den glücklichen Zufall mit der Bäurin. Die arme Frau daurt mich, sagte Kronhelm; aber wenn sie krank werden muste, so war es doch der klügste Einfall, dass sie's jetzt, und auf einem andern Dorf wurde! Morgen wünsch ich ihr von ganzem Herzen ihre Gesundheit wieder, und ein langes Leben. So gehts in der Welt! Einer macht sich immer auf des andern Kosten lustig! Es lebe die Bäurinn, und ihr kluger Einfall! Und nun stiessen Er, Terese und ihr Bruder die Gläser an; auch der alte Siegwart trank mit, und nahm an der Freude seiner Kinder Anteil. Der ganze Abend war ein rechter Festtag für sie, und sie blieben lang zusammen aufsitzen. Sie hätten noch diesen Abend bei Karl und seiner Frau Abschied genommen; aber weil die Reise aufgeschoben wurde, so gingen Kronhelm und Siegwart erst den andern Morgen hin. Kronhelm muste von Karls Frau manche spöttische Anmerkungen über Teresen anhören, dass der Abschied so traurig sein und dass sie vermutlich werde melancholisch werden, wenn sie wieder allein leben, und einer so angenehmen Gesellschaft entbehren müsse, u.s.w. Er hatte oft Mühe, eine bittre Antwort zurück zu halten; aber die Klugheit siegte doch bei ihm. Sobald er zurückkam, erzählte er es Teresen, und bat sie, in Absicht auf ihre Schwägerinn recht behutsam zu sein. Den Nachmittag gingen sie noch einmal auf einem andern Wege nach dem Berg, wo sie gestern gewesen waren. Als sie über einen Steg gingen, blieben sie drauf stehen. Terese warf ein Nelkenblatt in den Bach hinab; Kronhelm auch eins. Die Blätter schwammen einander nach; die Liebenden verfolgten sie mit ihren Blicken, und freuten sich, dass die Blätter miteinander schwammen. Sie trieben dieses Spiel wohl eine halbe Stunde, und gingen endlich nach dem Berge. Als sie oben waren, sagte Kronhelm: Nun sind wir doch wieder da; gestern hätten wir geschworen, dass es nicht geschehen würde. So kann alles auf der Welt in einem Augenblick möglich werden! – Sie machten aus, dass sie auf die Nacht nicht zu Bette gehen wollten, weil sie ohnediess früh wieder aufstehen müssten. Ich kann doch nicht schlafen, sagte Terese; wir müssen die kurze Zeit, die wir übrig haben, noch ganz geniessen. – Sehen Sie! dort hinten zieht sich ein Gewitter auf. – Kronhelm wollte es nicht glauben, und sagte, dass es nur Abendwolken seien; Sie aber blieb auf ihrer Behauptungwenn es morgen gut Wetter ist, fuhr sie fort, so fahr ich eine Stunde weit mit Ihnen. – O, das tun Sie ja! sagte Kronhelm. Zwar, Sie müssen dann allein, und zu Fuss, zurückEi was, Possen! fiel sie ihm ein. Glauben Sie denn, wir seien so empfindlich, und so furchtsam, wie Ihre Stadtmädchen, dass wir keine Stunde weit allein gehen könnten? Auf dem Land fragt man viel darnach! da gibts nicht