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ihm die Hand. – Sie lagerten sich auf einem schönen Platz ins Gras, wie Schäfer; pflückten Gänseblümchen; warfen sie sich zu; und betrachteten jedes Gräschen und jedes Blümchen genauer. Kronhelm spielte mit ihrem weissen Gewand, und der rosenroten Schleife an Ihrem Arm. geben Sie mir ein Andenken! sagte er. – Was wollen Sie für eins? fragte sie. – Diese Schleife hier, war seine Antwort. – Gut, die können Sie haben, wenn sie ihnen lieb ist! Und nun nahm sie sie ab, und gab sie ihm. Sie war ihm so heilig, wie eine Reliquie, und er sah sie nachher oft halbe Stunden lang an, und drückte sie an seinen Mund. Ich kann Ihnen nichts dafür geben, sagte er, und küsste sie. – Endlich gingen sie wieder langsam den Berg hinab, dem dorf zu, und sahen sich noch oft nach dem Berg und der Laube um. Als sie zu Haus wieder ankamen, fanden sie folgenden Brief von der Amtmäminn in Belldorf mit der Ueberschrift an Kronhelm, den sie durch einen eignen Boten hatte überbringen lassen.

Hochwolgeborener Herre!

Hochge Ehrtester Herre!

Hoffe und wünsche, Sie werden gestern mit Ihrer wolansehnlichen Gesellschaft glücklich und gesundt wieder zu Haus angelanget sein, welches mich herzlich erfreuen tun wirt. Betaure nur, dass wir Sie so schlechte haben bewirten können, welches mir noch immer schakriniert. Ich weiss woll, was für eine Betienung solchen hohen Gästen geziemmen tut, aber leiter kunnt ichs nicht änteren. Wollte nur wünschen, dass Sie uns noch einmall die Ehre geben, und bei uns einsprechen tätent! Villeicht wären wir dann besser im Stant, und könneten mehr Ere einlegen. Habe noch gestern Augspurgerwürst erhalten, das Stück kostet mir vierzehen Kreutzer, damit hätt Ich herzlich gern aufgewartet, wenn es nur früher gekomen wärent. Doch werde ich nicht underlassen, einige davon aus Höchst Dero gnädigsten Besuch auszuheben, welchen in Undertänichkeit erwartende, und der ganzen hochgeehrten Siegwartischen Famillie mit meinem Mann und meinen Töchtern, und meinem Söhnlein mich ergebendst empfelende Ich mich zu nennen underfange Ew. Hochwolgeboren, Meines hochzuverehrenden Herren

underdänichste Dienerinn

Julliane Haselbergin.

Siegwart, Kronhelm und Terese lachten über diesen wohlgesetzten Brief nicht wenig. Kronhelm muste ihn beantworten, weil der Bote nicht eher weggehen wollte. Seine Frau Amtmännin habs gesagt, er müsse wieder ein Papier mitbringen! – Sie brachten den Abend unter keuschen unschuldigen Küssen sehr vergnügt zu. Teresens Munterkeit und Kronhelms Ruhe kehrte wieder zurück. Die Gefahr, die ihrer Liebe drohte, schwand vor ihren Blicken, und in ihrer Seele wards so still, wie in der natur, wo nur leise Abendlüstchen wehten. Sie sprachen von der Trennung, aber der Gedanke ans fleissige Briefwechseln, und der noch süssere ans Wiedersehn der Liebenden tröstete sie wieder. Den folgenden Morgen brachten sie in der schönsten reinsten Lust gröstenteils im Garten über dem Lesen des Messias und ihres lieben Kleist zu. Terese versuchte wieder, ihrem Bruder seinen Hang zum Klosterleben auszureden; aber als sie sah, dass ihn der Widerstand nur hitziger darauf mache, so schwieg sie wieder. – Gleich nach dem Essen gingen sie mit einander nach Füllendorf, weil ihnen Siegwart keine Ruhe liess. Er sprach unterwegs mit Begeisterung von alle dem Schönen und Ausserordentlichen, gegen Gefühl, das sie da durchdringen werde!

Sie trafen den P. Anton auf seiner Zelle an. Er drückte mit froher Treuherzigkeit seinem Xaver die Hand, und bewillkommte Kronhelm und Teresen mit einem liebreichen Lächeln. Seine Freundlichkeit und sein ehrwürdiges Aussehen, nahmen die beiden Liebenden sogleich ganz für ihn ein, und gewannen ihre Seelen völlig. Er tat hundert fragen an Siegwart, wie es ihm bisher gegangen, ob er froh und zufrieden sei? Wie es ihm bei den Piaristen gefalle, und was er schon gelernet habe? Es kamen bald auch andre Paters auf die Zelle, um unsern Xaver zu bewillkommen. Pater Johanns Bruder kam auch, und sagte, dass er von seinem Bruder Nachricht habe, wie wohl er und alle Piaristen mit ihm zufrieden seien. Der Prior liess die Gäste in den Gartensaal kommen; empfieng sie mit grossen Freuden, und bewirtete sie aufs beste. Man kam auf P. Gregor zu sprechen, weil Siegwart, der ihn vermiste, nach ihm fragte. – Der ist bei Gott, sagte P. Anton; vor einem Vierteljahr ist er gestorben. Sein Ende war uns allen recht erbaulich; er behielt bis an den letzten Augenblick seinen Verstand. Er hat mir auch an dich, mein lieber Siegwart, noch seinen Gruss und seinen Segen aufgetragen. Er schläft neben meinem P. Joseph. Siegwart weinte ihm eine zärtliche und dankbare Zähre nach. Ich muss dir noch sein Crucifix geben, Xaver! sagte Anton; er hat dir's vermacht. Du sollest sein zuweilen dabei gedenken, und es dich erinnern lassen, dass er dich im Himmel erwarte! Eh sie weggingen, gabs ihm P. Anton; und es ward ihm heilig. Er hatte es nachher immer auf seinem Tische vor sich stehen, und sah es oft mit Wehmut und bebendem Verlangen an, bald bei seinem ehemaligen Besitzer zu sein. Die jungen Leute blieben lang, und gingen erst eine Stunde vor Sonnenuntergang nach ihrem Dorf zurück. Terese und Kronhelm konnten nun begreifen, warum Siegwart mit so festem Herzen an dem Vorsatz hange, ein Mönch zu werden; denn sie waren selbst von dem einsamen und stillen Klosterleben ganz bezaubert. – Der Gedanke der