erträumten Himmel hätte heraus reissen wollen. So schnell werden lebhafte Seelen, die jedem Eindruck offen sind, oft durch Schattenbilder zu Entschlüssen hingerissen, die einen Einfluss auf ihr ganzes künftiges Glück oder Unglück haben. Möchten doch nicht Leute, die diese schwache Seite einer feurigen Seele kennen, sie so oft misbrauchen!
Noch verweilten sie sich eine Zeitlang in den Zellen der beiden Mönche. Alles gefiel hier unserm jungen Siegwart; das kleine Krucifix, das hölzerne Bette, und besonders der Todtenkopf, den Pater Anton auf seinem kleinen Tische stehen hatte.
Nun war es bald Essenszeit. Man speiste heute, um der beiden Fremden willen, in dem Gartensaal. Die Paters begegneten dem jungen Siegwart mit besondrer achtung, um ihn immer noch mehr fürs Kloster einzunehmen. Gegeneinander zeigten sie eine ausserordentliche brüderliche Freundlichkeit; einer erzälte nach dem andern etwas Angenehmes aus dem Kloster; sprach verächtlich von der Welt und ihren Freuden; rühmte das Glück der Einsamkeit, und pries den Tag als den glücklichsten seines Lebens, an welchem er das Gelübde abgelegt hatte.
Der alte Siegwart muste versprechen, wenn es, wie nicht zu zweifeln wäre, seinem Sohn serner im Kloster gefiele, ihn in kein anderes, als in das ihrige zu tun. In der Stadt könne Xaver bei den Piaristen, wohin sie ihn empfehlen wollten, in 3 oder 4 Jahren die Anfangswissenschaften lernen, und dann könne er gleich auf die Universität gehen.
Nach Tische ging man noch ein paar Stunden im Garten spazieren, oder setzte sich ins Gebüsch, wo eine Menge Amseln, Nachtigallen und andre Vögel fast ganz zahm herumhüpften, und sangen, weil ihnen die Paters nie nichts zu Leide taten.
Gegen Abend ging der alte Siegwart nach haus, nachdem er seinen Sohn den Mönchen noch einmal empfohlen hatte. P Anton, P. Gregor und sein Sohn begleiteten ihn bis ans Wäldchen; wo sie zärtlich von einander Abschied nahmen.
Traurige und freudige Gedanken wechselten nun in seiner Seele mit einander ab. Er wünschte sehr, dass sein Sohn ein Mönch werden möchte, denn er war noch vom Aberglauben nicht ganz frei, und glaubte, ein gutes Werk zu tun, wenn er seinen Sohn Gott, das heist, nach den angenommnen irrigen Begriffen, dem Kloster schenkte; aber er konnte sich doch auch des, nur zu richtigen Gedankens nicht entschlagen, dass sein Sohn nicht fürs Kloster gebohren, und dass sein jetziger Entschluss nur eine Art von Betäubung sei, die eben so bald wieder vorüber gehen könne.
Doch wenn der Aberglaube mit der Vernunft ringt, so siegt dieser mehrenteils, weil er immer sehr furchtsam und ängstlich macht. Der gleiche Traum von seiner Frau, den Siegwart mit seinem Sohn gehabt hatte, und den er für ein göttliches Werk hielt; das schon lang anhaltende Zureden seines Freundes Anton; das Dringen der Mönche, dem er nicht ausweichen konnte, und die eigne Neigung seines Sohnes, dessen freier Wahl er alles überliess, beruhigten ihn wieder von der andern Seite, und befestigten ihn in dem Entschlusse, seinen Sohn der Welt absagen zu lassen. Er wird einst unter Antons Anführung ein frommer Mann werden, und mehr kann ich ihm nicht wünschen.
Auch der Gedanke gab seinem Entschluss noch einiges Gewicht, dass er dann mehr für das Wohl seiner seiner beiden andern Söhne und für die Versorgung seiner beiden Töchter tun könne, weil er auf diese Art nicht soviel an seinen Xaver zu verwenden brauche.
Als er nach haus kam, und den beiden Söhnen, davon der älteste ihm an die Seite gesetzt war, sein Verfahren bekannt machte, billigten sie dasselbe auch aus eigennützigen Absichten sehr, ob sie gleich die Religion zum Deckmantel nahmen, und viel von Verdienstlichkeit und guten Werken sprachen. Nur Terese, die älteste Tochter, billigte den Entschluss nicht, und bedaurte insgeheim ihren armen Bruder, ohne dass sies merken lassen durfte.
Der junge Siegwart ging indessen zwischen seinen beiden Mönchen langsam wieder nach dem Kloster zu. Diese wetteiferten, ihm angenehme Dinge vorzusagen, und seinen Entschluss zu loben.
Der Abend strich ihm in der Gesellschaft der Kapuziner, die sich beim Abendessen fast allein mit ihm beschäftigten, und ihm das Klosterleben von der reizendsten Seite abzuschildern suchten, sehr angenehm hin. Sein Herz ward immer mehr gefesselt; wo er hin sah, erblickte er Ruhe, Zufriedenheit, und brüderliche Liebe; Bilder, die bisher immer nur in seiner Einbildungskraft geschwebt hatten, und die nun wirklich und lebendig vor ihm da standen. Nach dem Abendessen ging man wieder in den Garten. Heute hatte sich eine Nachtigall ganz nahe zu der Grotte gemacht, und sang da ihr göttliches Lied. Siegwarts Seele war ganz voll. Er drückte einigemal dem P. Anton mit einer innigen Bewegung die Hand.
Er besuchte noch mit ihm und Pater Gregor einen kranken Pater, der mehr vor Alter als vor Krankheit langsam dahin zu sterben schien, und der Rose glich, die an einem stillen Abend, wenn kein Lüftchen sich bewegt, die Blätter nach und nach verliert. Der Kranke atmete still, und sprach wenig. Neben ihm lag sein Gebetbuch, und der Rosenkranz. Dazwischen stand ein Krucifix. Einige Blumen welkten in einem irdenen Gefäss. Ein paar Arzneigläser standen dabei. In der Ecke der Zelle hing eine düstre Lampe, die ihr Licht nur schwach umher verbreitete. Anton und der andre Pater, die dem Kranken wachen sollten, sprachen leise. Jede lautere Bewegung ward vermieden, und tiefe feierliche Stille herrschte rings umher, wie es bei dem Sterbebette