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Bruder die Hand küssen, und sich auf Befehl der Amtmänninn fast zur Erde bücken. Nach dem Kaffee ward Wein aufgetragen. Sie machte wieder tausend Entschuldigungen, dass sie mit keinem bessern, als mit Nekkarwein aufwarten könne. Auf dem Land sei es gar zu schlimm; Sie habe kürzlich noch Burgunder gehabt, und jetzt sei er, zum Unglück, eben ausgegangen, u.s.w. Nun trank sie mit vielen Cärimonien Gesundheiten, und machte immer noch einmal ein Kompliment, wenn sie das Glas absetzte. Sie besann sich recht drauf, viele Gesundheiten auszubringen, und die jungen Leute mit zu quälen. Da ward aufs hohe Wohl des gnädigen Herrn Papa; aufs hohe Wohl der gnädigen fräulein Schwester; aufs hohe Wohl der ganzen hochadelichen Familie; dann aufs erwünschte Wohl des Herrn Amtmanns Siegwart, seiner beeden Herren Sohne, und seiner hochgeehrten Frau Schwiegertochter getrunken; dann wieder auf das beständige Wohlergehen der hochansehnlichen Gesellschaft; Kurz es wurde des Gesundheittrinkens und des Bükkens kein Ende; Selbst der siebenjährige Knabe muste rings herum Gesundheit trinken, und ward dabei so angst, dass er fast das Glas fallen liess. Das Nötigen zum Trinken wollte auch kein Ende nehmen, so dass Kronhelm endlich einen Spatziergang im Garten vorschlug. Die Amtmänninn wollte Anfangs nicht recht dran, weil es jetzt im Garten gar zu unordentlich aussehe; sie suchte es so lange zu verzögern, als möglich, weil sie heimlich Befehl gegeben hatte, dass man die Taxusbäume erst beschneiden sollte. Endlich, als sie die jungen Leute nicht mehr aufhalten konnte, ging man hinunter. Kronhelm muste sie aus Höflichkeit am Arm führen. Sie zierte sich erst lange, weil sie glaubte, es sei wider die Lebensart, einen Edelmann zu bemühen. Siegwart führte ihre beiden Töchter, und der Amtmann Teresen. Bei der Gartentüre sperrte sie sich lang, voranzugehen, und doch konnte sie wegen ihres Reifrocks, nicht zugleich mit Kronhelm hineingehn. Sie sah ängstlich nach den Taxusbäumen, die noch nicht gänzlich beschnitten waren. Hinter ein paar standen Kerls, und hielten sich versteckt; und sobald die Gesellschaft den gang hinunter war, so fiengen sie wieder an, mit der Scheere zu beschneiden, bis sie fertig waren. Drauf kamen zwei Baurenkerls in Livree; brachten Sessel; setzten sie, auf Befehl der Amtmänninn in der Terasse nieder, und brachten dann auch einen Tisch und Wein. Kronhelm konnte sich des Lachens kaum entalten; er muste sie immer führen, und doch war es ihm kaum möglich, sie, mit ihrem weiten Reifrock, durch die engen Heckengänge durchzubringen. Sie erzälte ihm sehr viel von Augspurg, von ihrer Jugend, und von ihren Eroberungen. Zuweilen sah sie sich sehr ängstlich nach ihrem Mann um, der Teresen führte. Anfangs wuste Kronhelm nicht, was diess zu bedeuten hätte? Endlich merkte er, dass sie eifersüchtig sei, und sie gab es auch nicht undeutlich zu verstehen. Zulezt ward sie so besorgt, dass sie ihren Mann herbeirief, unter dem Vorwand, er möchte doch die herrschaft mit Wein bedienen! Terese ging nun wieder mit den Mädchen, und machte sich mit ihnen sehr lustig, indem sie Birn' aufsammelten. Kronhelm ward über ihr leichtsinnig scheinendes Betragen gegen ihn sehr empfindlich, und immer stiller und nachdenklicher.

Nun wurde Obst und kalte Schaale vorgesetzt, und das Gesundheittrinken ging von neuem an. Hinter den Hecken stunden vier bauern mit zwo Posaunen und zwo Zinken, die eine Art von Tafelmusik machten; und wenn eine hohe Gesundheit ausgebracht wurde, so mussten sie, auf den Wink der Amtmänninn Dusch machen. Sie bedaurte nur, dass die Musik nicht besser sei. Vor drei Wochen, sagte sie, haben sich vier Prager Studenten im Dorf aufgehalten, die ganze Leute gewesen seien. Sie wollte viel geben, wenn sie jetzt noch da wären! Der Amtmann ward endlich vom Wein etwas lustig, und sprach mit Kronhelm und Siegwart ziemlich vertraut. Sie winkte ihm wohl hundertmal zu, und zupfte ihn beim Rock, dass er doch ja nicht die schuldige Hochachtung aus den Augen setzen möchte! Endlich nahmen unsre jungen Leute Abschied; sie empfahl sich ihrem gnädigen und gütigen Andenken tausendmal, und bat aufs inständigste, sie möchten ihr doch noch einmal die hohe Ehre ihres Besuches gönnen, und es ihr vorher zu wissen tun, damit sie solche vornehme Gäste nach Standesgebühr empfangen könnte! Auf ihren Wink gingen die vier bauern mit ihren Blasinstrumenten hinter drein, und machten, indem die Gäste in den Wagen stiegen, und abfuhren, eine so schmetternde Musik, dass das halbe Dorf zusammenlief. Terese, die die Gewohnheit der Amtmänninn wuste, legte sich in den Schlag, und machte wenigstens noch sechsmal eine Verbeugung, denn die Amtmänninn ging nicht eher von der Haustüre weg, als bis sie die Kutsche, die durchs ganze lange Dorf hinfuhr, nicht mehr sehen konnte. Als sie schon vor dem dorf draussen fuhren, hörten sie noch das liebliche Getön der Zinken und Posaunen. Kronhelm sah ganz ernstaft aus, und sprach nichts. Terese sagte: und Sie sind so still, und kommen eben erst aus einer so lustigen Gesellschaft? Mein aufgeräumtes Wesen muss Ihnen heute recht sonderbar vorgekommen sein? Aber ich nahms mit Fleiss an. Die Amtmänninn ist eine Erzplaudertasche, und gibt auf alles Acht. Hätt ich viel mit Ihnen gesprochen, so würde sie, weiss nicht was? daraus gefolgert, und die lächerlichsten Dinge ausgesprengt haben. Daher gab ich mich fast bloss mit ihren Töchtern ab. Die