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sogleich, er möchte ihnen das Bildnis von Kleist zeigen! Er und Kronhelm betrachteten es lang mit einer heiligen Ehrfurcht, und glaubten alles drinn zu finden, was sie in seinen Gedichten fanden. Terese setzte sich auch in ihre Gesellschaft, und man sah ihrs an, wie hoch sie den Hauptmann schätze. Der junge Lieutenant tat ein bischen süss, und suchte sich sehr bei ihr einzuschmeicheln; sie wich ihm aber aus, und gab wenig auf ihn acht. Kronhelm war nichts weniger, als ruhig dabei, und sah Teresen oft ängstlich an. Hauptmann Nortern erzählte, auf Siegwarts Bitte, viel von seinem König und vom Krieg. Siegwart meinte, das Leben eines Officiers im feld sei das herrlichste. Nur selten, sagte Nortern. Denn, stellen Sie sich vor, was ein Mann, der Empfindung hat, überhaupt leiden muss, wenn er das allgemeine Elend so mit ansieht? Wo er hinkommt, ist alles schon verwüstet; oder was noch blüht, wird hinter ihm zur Einöde. Das arme Landvolk hat oft nicht ein Grümchen Brod zu essen, und muss nicht selten, seiner Sicherheit und seines Lebens wegen, Haus und Hof verlassen, und in Wälder sich verkriechen. Wo man hin blickt, sieht man abgehärmte, abgebleichte Gesichter, die der Hunger und der Gram entstellt hat. Ueberall wird man als Feind angesehen und verflucht. Und eigne Not hat man auch oft genug. Stellen Sie sich einmal vor: Bei Liegnitz hatten wir bei acht Tagen keinen Bissen Brod zu essen; nichts als harten, zwanzigjährigen Zwieback, und Fleisch, das uns, so ganz ohne Zugemüss, bald zum Ekel wurde. Nun mussten wir schlagen. Nach der Schlacht hab ich wohl zwanzig toten Kaiserlichen ihre Tornister durchgesucht, ob ich nicht ein Stückchen Brod drinn finde? Aber umsonst; sie hatten selbst keines gehabt. Endlich einen Tag drauf kriegten wir von Breslau Brod. Da hätten sie die Begier sehen sollen, mit der man drüber her fiel! Mancher ass sich fast den Tod drinn. Was ein menschliches Herz auf einem Schlachtfeld fühlen muss, das können Sie sich vorstellen. Hier ein Arm und dort ein Rumpf! Hier ein Sterbender und dort ein schwer Verwundeter! Und dann das Gewinsel und Geheul; und das Flehn um hülfe, oder gar um Tod! Und wenn man ungefähr auf seinen Freund stöst, der im Blute liegt! O! das Herz möchte einem bersten! Da war bei meinem Regiment ein Hauptmann; mein Vertrautester, dessen Freundschaft alles bei mir überwog. Vor der Schlacht bei Torgau sassen wir zusammen, und gingen die geschichte unsrer Freundschaft miteinander durch; wo und wie lang wir schon einander haben kennen lernen? Welche Freuden wir gemeinschaftlich genossen, welche Leiden wir gemeinschaftlich getragen haben? Alle Augenblicke stiessen wir auf Handlungen, die von seinem edlen Herzen zeugten, und mir dankbare Tränen aus den Augen lockten. Endlich, als wir beide recht bewegt waren, gaben wir uns die hände, umarmten uns, schwuren uns aufs neue Freundschaft, und wünschten, dass wir nur noch lang jedes Schicksal unsers Lebens miteinander teilen möchten! Den Tag drauf war die Schlacht. Nach derselben ritt ich auf der Wahlstatt herum, und fand meines Freundes Kopf, der durch eine Kanonenkugel vom Rumpf weggerissen war. Ich glaubte, das Herz wäre mir durchbohrt, als ichs sah. Als ich drauf ins nächste Städtchen ritt, kam mir seine Frau mit vier Kindern entgegen, fragte nach ihrem Mann, und ich muste der Todesbote sein. Sie wuste sich nicht mehr zu fassen; verfluchte den Krieg, und mich, und die ganze Welt! So hab ich schon manchen Freund verlohren, und besonders meinen teuren, unvergesslichen Kleist. Ein Soldat sollte beinahe keinen Freund haben; denn alle Augenblicke steht er in Gefahr, ihn zu verlieren; und ein Leben ohne Freundschaft ist doch traurig. Ich wollte, dass ich einmal in Ruh den Wissenschaften obliegen könnte! Und, wenn ich Ihnen als ein Freund raten darf, so nehmen Sie keine Kriegsdienste! – Der junge Lieutenant sagte, es sei doch ein lustiges Leben; man könne brav Mut zeigen; ein Officier sei überall, und besonders beim Frauenzimmer wohl gelitten, u.s.w. Man gab aber auf sein Reden wenig acht.

Nach dem Essen ging man im Garten spatzieren. Der junge Officier führte Teresen. Kronhelm, der ziemlich viel Anlage zur Eifersucht hatte, ging hinter drein; brach jede Blum' ab, an der er vorbei ging, und zerriss sie. Terese sah sich ein parmal um, und blickte ihn mit einer viel bedeutenden Miene an. Er achtete es aber gar nicht, oder blickte weg. Drauf machte er allerlei Spass, und tat lustig, ob es ihm gleich gar nicht Ernst war. Zuweilen liess er etwas in seine Reden mit einfliessen von seiner Unfähigkeit, sich beim Frauenzimmer beliebt zu machen. Sie merkte es, und machte ihm ein Kompliment, dass er unbillig gegen sich selbst sei. Er lachte aber, und verdrehte ihre Reden. Endlich ging er mit Siegwart und den Hauptmann Nortern gar weg, auf die, an dem Garten stossende Wiese. Er kam wieder; der Lieutenant sass in der Laube, und hatte Teresens Hand in der seinigen. Sie ward rot; diess brachte ihn noch mehr auf, und er brachte allerlei närrisches Zeug vor, ohne dass er auf sie zu achten schien. Sie machte sich endlich vom Officier los; ging allein einen gang im