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mir recht an die Hand zu gehen. Philippinchen, du kannst nachher der Jungfer drunten im Garten zeigen, was du schon gepflanzt hast, den Kohl, und die Blumen! Sie versteht dir das Gartenwesen recht, und wenn du artig bist, so kann sie dich allerlei lehren. Terese nahm Philippinchen auf den Schoos, und liess sich viel von ihr erzählen. Ihre artige Herablassung gefiel unserm Kronhelm ungemein; und überhaupt ihr natürliches und ehrerbietiges Betragen gegen den Prediger! Nach dem Kaffee gingen sie in den Garten, und bewunderten die schöne Ordnung, die der Prediger drinn erhielt. Da sind noch Nelken und Levkojen, sagte er; da hat sie ein Scherchen, Jungfer Terese, schneid sie welche davon ab! Sie schnitt eine Nelke, und ein paar Levkojenstengel ab, band sie zusammen, und gab sie Kronhelm, dem die Blumen ganz heilig waren, weil er sie von Teresen empfangen hatte; denn seine Seele war schon unsichtbar mit der ihrigen verbunden. Er steckte den Straus an seinen Busen, sah ihn alle Augenblicke an, und roch daran. Im Baumgarten besahen sie die schönen goldnen Früchte, sammelten welche davon auf, und assen sie. Sie blieben bis an den Abend da, und gingen sehr vergnügt nach Haus. Auf dem Wege schmückten sie ihren Traum von der Einsiedelei noch mehr aus, und beschlossen, auch den alten Prediger zuweilen zu sich kommen zu lassen. Sie kamen erst in der Dämmerung nach haus. Kronhelm führte Teresen. Ein paarmal legte er seine Hand in die ihrige; und unwillkührlich, wie es schien, gaben sie sich einen sanften Händedruck; beide fühlten diess im Innersten, sahn sich eine Zeitlang unbeweglich an, und wandten dann das Auge nachdenklich, und halb traurig weg. Terese schien etwas von ihrer natürlichen Munterkeit zu verlieren, und sah oft ernstaft aus. Die kühle Dämmerung, das Schweigen im Gefild, der blassgelbe Himmel, und die einschlummernde natur erfüllte sie mit einer Wehmut, die sie fast zu Tränen bewegte. Sie schwiegen oft lange still; dann stieg ein Seufzer bebend ihre Brust herauf, sie suchten ihn zu verbergen, husteten, und ihre hände drückten einander. Sie fühlten, dass sie geliebt würden, oft mit einer überwiegenden Gewissheit; aber sie liessens sich nicht merken, und sprachen nie ein Wort davon. Als sie wieder beim alten Siegwart angekommen waren, liess Terese ihre braunen Haare fliegen. Sie gefiel in diesem Aufzug unserm Kronhelm noch so gut; er sagte es ihr; und nun löste sie ihre Haare alle Abend auf. Sie spielte noch denselben Abend lang auf dem Klavier, und sang dazu mit ihrem Bruder. Sie blieben bis um Mitternacht auf, und Kronhelm träumte die ganze Nacht von ihr. Es kam ihm vor, als ob sie ihn traurig ansäh, dann lächelte, und ihm endlich in die arme sänke. Er weinte vor Zärtlichkeit, und hatte, als er aufwachte, noch nasse Augen. Sie war schon im Zimmer, spielte das Klavier, und sang, um ihn nicht zu wecken, leise eine Arie voll tiefer Rührung. Er lauschte lang, und ging endlich in das Zimmer. Sie ward rot, und wünschte ihm ganz verwirrt einen guten Morgen. Ihr Auge sah aus, als ob sie geweint hätte, und ihre Miene schmachtete. Xaver ging herein, und wieder weg, als er beide so bewegt sah. Denn er hatte die Veränderung, die in ihnen vorging, schon gestern gemerkt. Sie setzten sich, und lasen im Messias. Er legte seine Hand in die ihrige. Lesen Sie doch wieder die Stelle von Semida und Cidli! sagte sie; sie ist gar zu rührend, und ich liebe das Wehmütige so sehr. Er las sie. Terese lehnte ihren Kopf an den Stuhl zurück, und sah zum Himmel. Als er ausgelesen hatte, nahm er eben diese Stellung an, und betrachtete sie seitwärts. Sie weinte, und kehrte zuweilen ihr Gesicht langsam zu ihm hinüber. Das muss ein göttlicher Mann sein, sagte sie, der die Liebe so wahr und so heilig schildert! Ja wohl, sagte Kronhelm. Indem trat Xaver ins Zimmer. Sie blieben noch eine Zeitlang so sitzen; er ging ans Klavier, und klimperte. Endlich standen sie auf. Sie ging hinaus, um den Kaffee zu machen. Du hast eine himmlische Schwester, Siegwart! sagte Kronhelm. Ja, es ist ein liebes Mädchen, antwortete Xaver, und sah seinen Kronhelm lächelnd an. Indem kam der alte Siegwart auch aufs Zimmer, und schlug unsern beiden Freunden vor, ob sie den Nachmittag mit seiner Tochter zu einem benachbarten Amtmann fahren wollten, der sein guter Freund sei? Er wollte gern auch mit fahren, aber seine Geschäfte liessens nicht zu. Sie nahmen den Vorschlag mit Freuden an, und erzählten ihn Teresen, als sie mit dem Kaffee wieder hereinkam. Sie war auch froh darüber, weil des Amtmanns beide Töchter ihre gute Freundinnen waren, die sie schon seit dem Frühjahr nicht gesehen hatte. Sie machte Anstalt, dass das Essen beizeiten fertig wurde weil sie etwas früh wegfahren wollten. Aber eine Stunde drauf kam der Hauptmann von Nortern mit einem jungen Lieutenant zu Pferdum den Amtmann zu besuchen. Dies war Siegwart und Kronhelm auch lieb, weil sie ihn schon lang gern hätten kennen lernen. Er hatte, wegen seines ungezwungenen Betragens, das Vertrauen der beiden Jünglinge gar bald; Sie gewannen auch das seinige durch ihre Artigkeit und Bescheidenheit. Siegwart bat ihn