? Die ganze Nacht schlummerte er nur, und las beständig noch im Traume fort. Klopstocken, dessen Herz an so vielen hundert Stellen des Messias durchschimmert, liebte er von dem Augenblick an mit der kindlichsten Dankbarkeit, und den andern Tag machte er folgendes Gedicht an ihn, das erste, was er, nach dem auf seines Bruders Tod, gemacht hatte:
An Klopstock.
Heisser Dank ström aus in Tränen!
Ström dem Mann, von Gott gesandt, zu!
Hör, o Mann, des Jünglings Stammeln!
Seine Seele stammelts.
Fern, in fremdem land hast Du
Feuer in mein Herz gegossen!
Hohe, himmelvolle Andacht
Wallt zum Tron des Mittlers.
Dass ich nun Ihn heisser liebe,
Den, für uns, dahin Gegebnen;
Dass ich ganz sein Heil, nun kenne,
Dank' ich dir, Du Edler;
Nie wird dieses auge' auf Erden
Sehnsuchtsvoll an Deinem hangen;
Nie wirst Du die Röte sehen,
Die mein Antlitz färbet;
Aber, wenn des Mittlers stimme
Mich auch aus dem grab rufet,
Dann, o Mann, von Gott gesendet,
Hörst Du meinen Dank auch!
Auch Kronhelm und Grünbach lasen Tag und Nacht im Messias, und waren von seiner Vortreflichkeit ganz dahin gerissen. Pater Philipp verschrieb sich auch ein Exemplar und P. Johann machte das Buch zu seinem Erbauungsbuche. Der rechtschaffene Buchhändler schickte ihnen von freien Sücken den Gellert, Rabener, Haller, Lichtwer und Hagedorn zu, und bildete durch eine väterländische und freundschaftliche Bemühungen ihren Geschmack. Sie hatten nun den Winter über die angenehmste Beschäftigung, indem ihre Zeit zwischen Lesen und Musik unvermerkt dahin floss. Dabei versäumten sie ihre eigentliche Wissenschaften nicht, indem P. Philipp sie durch seinen Rat in den Schranken hielt, und sie das Angenehme dem Nützlichen unterordnen lehrte.
Am Charfreitage wurde in dem Städtchen, wie in andern österreichischen Städten, die Kreuzigung Christi von den Bürgern mit grossem Pomp vorgestellt. Mehr als dreihundert bauern kamen vom Land herein, um ein Kreuz zu schleppen, oder sich zu geisseln. Siegwart, der mit seinen Freunden diess mit ansah, konnte nicht begreifen, wie Menschen, an dem Tage, da Christus an ihrer Statt gelitten hatte, sich noch einfallen lassen könnten, durch eigne blutige Büssungen Gott genug zu tun? Er ärgerte sich, wie er den Misbrauch sah, der mit der ernstaftesten und wichtigsten Begebenheit für die Menschheit, getrieben ward; da der verkappte Christus, ein Baurenkerl, zu den Baurenmädchen, oder seinen Kammeraden lachte; und da sogar einer von den Schächern vom Kreuz herab einem andern bauern zurief: Heh, Hans! Hast du nichts zu trinken?2 u.s.w. Als Christus einen Fussfall tat, fiel das ganze Volk nieder, und schlug sich auf die Brust, dass es wiederhallte. Ein Luteraner, der, wie viele andre, aus dem nächsten Orte gekommen war, das Schauspiel mit anzusehen, stunde neben Siegwart, und fiel nicht mit auf die Knie. Sogleich entstand ein Gemurmel unter dem Volk, und einige schrien, schlagt den Ketzer nieder! Ein starker Kerl gab ihm auch wirklich einen Schlag auf den Kopf; aber Siegwart sprang auf, nahm den Ketzer bei der Hand, riss ihn aus dem Gedräng heraus, und brachte ihn in ein Wirtshaus in Sicherheit. Diese Handlung, die so edel und menschlich war, zog ihm den Hass seiner meisten Mitschüler zu, worinn sie P. Hyacint, der ihm ohnedies nicht gut war, noch bestärkte; aber Siegwart machte sich nicht viel daraus, denn P. Philipp lobte seine Tat, und riet ihm nur an, künftig die gehörige Klugheit zu beobachten.
Unsre Jünglinge brachten teils mit P. Philipp, teils unter einander den Frühling sehr vergnügt zu. Sie gingen täglich spatzieren, besonders in einen schönen Garten, der dem Kloster gehörte, sie badeten in der Donau, und lasen Kleists Gedichte und besonders seinen Früling. Terese hatte ihrem Bruder geschrieben, er solle sich vor allen andern Dichtern den Kleist kaufen, weil er das Landleben so ausserordentlich lachend und angenehm schildere. Ich liebe, schreibt sie, diesen Mann nach Klopstock am meisten. Er ist ein vertrauter Freund von meinem braven Hauptmann Nortern. Er hat drei Jahre zugleich mit ihm im Feld gestanden, und soll der beste, menschenfreundlichste Held sein, der keinem Menschen wissentlich Böses, wohl aber Tausenden Gutes tut. Ein Soldat, der menschlich denkt und handelt, wie mein Hauptmann, ist gewiss was seltnes und verehrungswürdiges. Vor zwei Jahren ist der teure Kleist, nicht weit von Hauptmann Nortern verwundet worden, nachdem er erst wie ein Löw gestritten hatte. Nach erschröcklichen Schmerzen starb er in Frankfurt an der Oder. Hauptmann Nortern, der auch von den Russen gefangen worden, und bis an sein Ende beständig um ihn war, kann mir nicht genug erzählen, wie standhaft er gelitten, und wie rührend und christlich er gestorben ist. Ich und der Hauptmann Nortern weinten den ganzen Abend, als er es mir erzählte. Er hat auch sein Portrait in der Dose, der Mann sieht so edel und menschenfreundlich aus, wie seine Gedichte. Wie muste ich weinen, als ich seinen Wunsch las, der ihm leider nur zu früh erfüllt worden ist:
– – Wie gern sterb ich ihn auch
Den edlen Tod, wenn mein Verhängnis ruft!
Und:
Auch ich, ich werde noch – – Vergönn es mir, o
Himmel! – –
Einher vor wenig Helden ziehen.
Ich sehe dich