, zwang unsern Xaver, sich am meisten mit sich selbst zu beschäftigen, und da war seine Einbildungskraft geschäftig genug, ihm lauter Ideale von Heiligen und Mönchen in den Kopf zu setzen. Er ward oft fast böse, wenn ihn Kronhelm durch einen kleinen Scherz aus seinen Schwärmereien herauszureissen suchte.
Kronhelm hatte nun Teresen auch ein kleines natürliches Briefchen geschrieben, sie seiner aufrichtigen Hochachtung versichert, und um ihre Freundschaft gebeten. Sie antwortete ihm, acht Tage drauf, gleich wieder, und freute sich ungemein über seinen Brief und seine Freundschaft; Wenn Sie Geduld haben wollen, schrieb sie unter andern, mich zuweilen anzuhören, so schreibe ich Ihnen wohl öfters, und frage Sie um verschiedenes, das Sie mir dann gelegentlich beantworten. Aber ich weis freilich nicht, ob Sie es der Mühe wehrt halten, ein neugieriges Landmädchen zu belehren? Am Ende machte sie ihm eine Empfehlung von ihrem Vater, und lud ihn in seinem und in ihrem Namen sehr höflich ein, sie auf die künftigen Ferien mit ihrem Bruder zu besuchen. Kronhelm war über diesen Brief ganz entzückt; Sein Herz schlug ihm, als er ihn las, und es stiegen Gefühle in ihm auf, die er sich selber nicht erklären konnte. Unserm Siegwart hatte sie folgendes geschrieben:
Bester Bruder!
Gottlob, dass ich den Messias zu lesen angefangen habe; und ärgern muss ich mich, dass es nicht schon weit eher geschehen ist! Das ist ein heiliges göttliches Buch, und Klopstock, der's gemacht hat, muss noch göttlicher und heiliger sein. Nun will ich gern alle Bücher weggeben, die Bibel ausgenommen, wenn ich nur den Messias habe. Du kannsts nicht glauben, Bruder, was für einen Schatz der Andacht, der Empfindung, des Grossen und Göttlichen dieses Buch in sich entält; und es ist noch lang nicht zur Hälfte fertig1, und ich habe das, was da ist, noch nicht halb gelesen. von Engeln, wie sie sich wohl noch nie eine menschliche Seele vorgestellt hat, so gross und vollkommen sind sie. Meinst du nicht, dass ein Mensch, der sich das so lebendig vorstellen kann, eben so gross und vollkommen sein müsse? Die Stellen, die ich bis jetzt am meisten bewundre und liebe, sind: die von Samma und Joel und Benoni. Die Haut schaudert einem, wenn mans liest und alles so mit ansieht. Dem Seraph Abbadona bin ich recht gut; wenn er doch nicht so unglücklich wäre! Philo ist ein abscheulicher Kerl! und der menschenfreundliche Nikodemus neben ihm! Wie sticht das ab! Am meisten hat mich die geschichte von Semida und Cidli gerührt. So etwas schmelzendes und süsses und wehmütiges hat wohl noch kein Mensch gedacht; und doch ist alles so wahr und treffend! O, ich möchte mich mit Cidli zu tod weinen! Letztin träumte mir von ihr. Ich glaube, ich hab sie gesehen, wie sie aussah. Bruder, du must dir das Buch kaufen! Gib lieber alle andre Bücher weg, und schreibe an einen Buchhändler nach Augspurg oder Ulm, dass er dir den Messias schicke! Der Herr Hauptmann von Nortern hat mir zwar den Messias selbst geschenkt; aber so lieb ich dich auch sonst habe, so kann ich ihn dir doch nicht schicken; ich muss ihn immer bei der Hand haben. Er ist so schwer nicht zu verstehen; Man muss nur seine Gedanken brav beisammen behalten. Kauf das Buch ja gleich, du wirst mir es danken! Ich bin
deine getreueste Schwester
T. Siegwart.
Unser Siegwart schrieb sogleich an einen Buchhändler in Augspurg, um drei Exemplare vom Messias; denn Kronhelm und Grünbach wollten ihn auch haben. Der Bediente des Buchhändlers in Augspurg hatte zum Glück selber viel Geschmack und eine gute Bekanntschaft mit der neuern deutschen Litteratur. Es kam ihm sonderbar vor, dass ein Jüngling, und noch dazu ein Katolik in diesen Gegenden etwas von Klopstock wuste. Er schickte also zugleich mit den Exemplaren einen Brief an unsern Siegwart, worinn er ihm sehr freundlich anbot, ihm auch künftig Bücher zuzuschicken, wenn er welche nötig habe; und zugleich erbot er sich, ihm immer Nachrichten von neuen Büchern, besonders aus dem Fach der schönen Wissenschaften mitzuteilen. Siegwart, der ohnediess sehr wissbegierig war, nahm diesen Vorschlag mit tausend Freuden an, und schrieb dem Buchhändler sogleich wieder: Er möchte ihm die besten Bücher, auch die ältern, in der Dichtkunst, und denen dahin einschlagenden Wissenschaften melden. Der Buchhändler tat es mit viel gefälligkeit, Geschmack und Einsicht, so dass Siegwart und seine beiden Freunde, auch von dieser Seite, gut gebildet wurden. Sie schafften sich die besten Bücher an, und konnten die, so ihnen nicht gefielen, wieder nach Augspurg zurück schicken. – Siegwart blieb gleich denselben Abend, da er den Messias bekommen hatte, mit seinem Kronhelm bis nach Mitternacht aufsitzen, und las ununterbrochen fort. Anfangs war ihm der Kopf, durch das Anstrengen, ganz wüste geworden, denn er konnte sich in die Sprache, und die neuen Wendungen nicht sogleich finden; aber kaum war er über diese Schwierigkeiten weg, so fand er soviel ausserordentliches, himmlisches und überirdisches in dem Gedicht; seine ganze Seele ward davon so erfüllt, und erhitzt, dass er nicht mehr auf der Welt zu sein glaubte, und in lauter Himmelswonne schwamm. Oft sprang er auf; wiederholte laut, was er gelesen hatte, und konnte nicht begreifen, wie ein Mensch im Stand gewesen sei, dergleichen hervorzubringen