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er mich indessen mit seinem Freunde, wenn er will! Es soll mich immer freuen. Nach acht Tagen wurde Siegwart zum Essen eingeladen. Die Patres alle empfiengen ihn sehr freundschaftlich. über Tische fing der Prior an: Aber, Monsieur Siegwart, es ist löblich und uns allen sehr erfreulich, dass er in unsern heiligen Orden eintreten will; nur befremdet es uns sehr, wie er an ein solches Kloster geraten ist, wie das zu Füllendorf; (so hiess P. Antons Kloster,) da wäre ja das unsrige weit besser! In jenem ist gar nichts zu machen. Der Prior ist ein harter Mann, und die Patres sind einfältige Leute. Tret er dafür zu uns! Es soll ihn gewiss nicht gereuen. Es sind hier in der Stadt viel vermögliche Leute, die uns oft zu essen schicken. Anstatt, dass wir herumsammeln müssen, wird es uns zugetragen. Wir haben täglich wenigstens acht Messen zu lesen, und an Festtagen wohl zwanzig. Sieht er, das trägt ein, da kann man bequem leben. Z.E. Diesen Wein hier har uns erst heute der Postverwalter zugeschickt. So gibts fast alle Tage etwas. Sei er klug, und versprech er uns, zu uns zu kommen! Siegwart gab voll Befremdung zur Antwort: Es sei ihm, bei seinem Entschluss, nicht um gut Essen und Trinken zu tun, und er habe den andern Paters schon sei Wort gegeben. Die Kapuziner lachten über seine Bedenklichkeiten, und sagten: Man müss' es nicht so genau nehmen! Als all ihr Zureden bei ihm nichts vermochte, so liessen ihn die Paters mit ziemlicher Verachtung und Gleichgültigkeit von sich. Er ging mismutig weg, und ärgerte sich über die Geistlichen, die aus Neid ihre Mitbrüder verachteten, und den Hauptvorzug ihres Klosters in besser Essen und Trinken setzten. Er fing jetzt an, seine Ideen von der Heiligkeit der Mönche überhaupt, etwas herabzustimmen; doch nahm er in Gedanken seine Kazpuiner in Füllendorf gleich wieder davon aus, obwohl der Schluss sehr natürlich gewesen wäre: Jedes Kloster sieht auf seinen eignen Vorteil, und ist deswegen auf jedes andre eifersüchtig. Die Artigkeit der Paters in Füllendorf hätt er sich auch leicht daraus erklären können, dass sie sich um ihn Mühe gaben, und ihm deswegen so höflich begegneten. So erklärte es wenigstens Kronhelm, dem er seinen Unwillen mitgeteilt hatte, und der die gelegenheit wahrnahm, ihm eine Abneigung gegen die Klöster überhaupt einzuflössen. Aber das Ideal steckte noch zu tief in Siegwarts Seele, als dass es sobald hätte können herausgerissen werden.

An einem Sonntage nachher ging Siegwart in die L. Frauenkirche, die den Nonnen in der Stadt gehörte. Sie waren, ohne dass man sie sehen konnte, oben auf der Orgel, die zu oberst an der Decke gebaut war, und machten eine himmlische Musik von allen Instrumenten, die sie zum teil sehr gut spielten. Dazwischen hörte er ihre silberreine und melodische Stimmen. Diess tat auf ihn eine ganz erstaunliche wirkung. Er hörte eine zaubrische Musik, wie vom Himmel herab, und sah nichts. Er glaubte die Chöre der Engel anzuhören und träumte sich über unsre Welt hinaus. Die Nonnen schienen ihm die heiligsten und beneidenswürdigsten Geschöpfe zu sein. Er ging nun fast alle acht Tage in ihre Kirche, und nährte sich mit Ideen von Heiligkeit und Vollkommenheit. Kronhelm sah diesen Schwung seiner Einbildungskraft nicht gerne, der ihn aufs neue in die Mystik hinein, und von der Welt abbrachte.

Nach einiger Zeit ward eine Nonne installirt, wobei Siegwart auch gegenwärtig war. Das Opfer war eine junge, engelschöne Baronessinn von 19 oder 20 Jahren. Sie stunde in ihrem Brautschmuck vor dem Altar, und legte, durch den heiligen Pomp erhitzt, das Gelübde mit vieler Freundlichkeit ab. Unserm Kronhelm ging es durch die Seele, als sie der Welt, allen Freuden, ihren Eltern und Verwandten, die mit gegenwärtig waren, auf ewig absagte; sich auf die Erde, als in ein Grab legte, und dann, als eine Braut Christi, wieder aufstand; den Trauring anlegte; und ihren Bräutigam, ein wächsernes Christkind, mit Flittergold behangen, auf den Arm nahm; als sie drauf in einem Zimmer ausgezogen; ihres Myrtenkranzes, und ihres schönen blonden Haares beraubt, und in eine grobe braune Kutte gehüllt wurde. Todtenblass kam nun das Mädchen, das eben noch wie eine Blume geblüht hatte, heraus, und ward auf ewig in das Kloster eingeschlossen. Kronhelm ergrimmte bei sich selbst; verwünschte das Gesetz und den Aberglauben, der solche Verwüstungen im menschlichen Geschlecht anrichtet, und konnte etliche Tage lang sich dieser Vorstellung, die ihm seine Seele verwundete, nicht entschlagen. Siegwart hingegen war vor himmlischem Entzücken ganz ausser sich; erblickte nichts als Engel und Heilige um sich herum; und pries die Baronessinn, und jedes Mädchen selig, das ihr folgte. Er hörte nachher noch oft von der Orgel herab ihre stimme, die sich über den Gesang der andern Nonnen erhob, und glaubte; sie weit freudiger singen zu hören, als die übrigen.

P. Philipp, mit dem Kronhelm über die Schwärmereien seines Freundes gesprochen hatte, gab sich auch alle Mühe, ihn zu zerstreuen, und seine Aufmerksamkeit auf andre Gegenstände zu lenken; er gab ihm daher allerlei Bücher, und besonders historische, zu lesen. Etwas half es, aber doch nicht viel. Die Einsamkeit, die der Winter mit sich bringt; und die wenige Zerstreuung, da man immer eingeschlossen ist