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, machte den gläsernen Bücherschrank auf, wies die schönen Bände, sagte, was sie gekostet hätten, und neigte sich lächelnd, wenn man etwas zu seinem, oder seines Sohnes Lob sagte. Er erzälte fleissig, wenn einer von den vornehmern Schülern, oder gar von den Professoren seinen Sohn besucht hatte, und rekommandirte ihn der Gewogenheit dessen, dem er es erzälte. Er fragte allemal, wie sich sein Sohn auf der Schule halte? weil er was schmeichelhaftes zu hören hoffte. Wenn die drei Jünglinge auf der Violin spielten, so war er gleich dabei, sah und hörte bloss auf seinen Sohn, trat immer mit dem Fuss, als ob er den Takt gäbe, und nickte mit dem Kopf, ob er gleich nichts von der Musik verstand. Seine Frau und seine Tochter liess er nie aufs Studierzimmer kommen, auch nicht, wenn Musik war, weil er sagte: Die Gelehrten würden durchs Frauenzimmer gleich gestört. Er las auch Historienbücher und Romane, welches er vorher nie getan hatte; weil er glaubte, der Vater eines gelehrten Sohns müsse, ihm zu Ehren, auch ein Gelehrter werden. Kronhelm bat er besonders inständig um die Freundschaft für seinen Sohn, weil er von Adel war; doch begegnete er auch Siegwarten, um seinetwillen, sehr höflich. –

Siegwart hatte seiner Schwester Terese von seiner Reise, vom Junker Veit, und von Reginen, geschrieben. Nach drei oder vier Wochen bekam er diesen Brief von ihr:

Liebster Bruder!

Vielen, herzlichen Dank für deinen lieben Brief, und die Nachrichten von deiner Reise! Wie ist es Vater hat, der gerad das Gegenteil von ihm ist? Aber destomehr muss ich ihn bewundern und hochschätzen. Nun, lieber Bruder, dächte ich, du machtest, wenn wieder Ferien einfallen, eine Reise zu uns, und brächtest deinen lieben Kronhelm mit. Der Papa würde es sehr gern sehen, ich sagte ihm gestern davon. Sags dem Herrn von Kronhelm ja, und vergiss mein aufrichtigstes, freundlichstes Kompliment nicht! Nicht wahr, Brüderchen, du kommst? Du weist ja, ich hab dich gar zu lieb. Nun bist du schon ein halbes Jahr weg; denke einmal die lange Zeit! Also hast du fräulein Regine kennen gelernt? Das ist mir ja recht lieb. Sie hat viel Gutes. Ihr zu offenes Wesen, und ihre Ungeduld muss man übersehen; beides ist nicht bös gemeint. Hier schickt dir der Papa Geld, und ein Brieflein. Er ist, Gottlob! frisch und munter. In drei Wochen heiratet Karl die Jungfer aus Dollingen; da sie jetzt unsre Schwägerinn wird, so schickt sichs nicht mehr, dass ich etwas gegen sie rede. Karl zieht ins Nebenhaus, und fängt eine eigne Haushaltung an. Gut! so kann ich auf den Winter des Abends eher lesen, denn ich bin jetzt recht erpicht drauf. Salome will nach der Hochzeit wieder nach München; sie ist jetzt bei unsrer neuen Schwägerinn, und eine warme Freundinn von ihr; wenn es nur lange daurt! Der Hauptmann von Nortern besucht uns fleissig. Er hat jetzt das Portrait von seiner Braut bekommen; sie sieht Himmlisch aus; ich habe das Bild schon sehr oft geküsst. Wenn ich bei ihr wäre, so würden wir gewiss gute Freundinnen; ich sehs ihren Augen an. Der Mann, der den Messias geschrieben hat, heist Klopstock. Er soll ein sehr frommer Mann, und doch der angenehmste Gesellschafter sein. Hauptmann Nortern hat mir ein paarmal aus dem Messias vorgelesen. Ich sag dir, Bruder, es ist alles vortreflich. Man fühlt was dabei, was man sonst in seinem Leben nicht gefühlt hat; man ist ganz über der Welt, und sieht auf sie herunter. Nun fang ich das Buch bald selber an zu lesen. Es soll etwas Mühe kosten, eh mans erst ganz versteht, sagt Hauptmann Nortern; aber wer wird sich, um etwas Herrlichen willen, eine kleine Müh verdriessen lassen? lebe wohl, liebster Bruder, und empfiehl mich dem P. Philipp! Gottlob, dass er wieder gesund ist! Dem Herrn von Kronhelm hätt ich fast selbst geschrieben; aber das wär auch gar zu dreist! Sags ihm ja nicht! Adjeu!

Deine getreue Schwester

T. Siegwart.

Siegwart liess auch diesen Brief seinen Kronhelm lesen. Dieser fand an Teresens Denkart immer mehr Wohlgefallen, und sagte zu Xaver, wenn er seiner Schwester wieder schreibe, so woll er auch ein Briefchen beilegen. Er freute sich, dass Terese mit ihm über Reginens Charakter gleichgesinnt sei, ob sie gleich gelinder von ihr urteilte, als er, in einem andern Verhältnisse, getan hatte.

Siegwart hatte schon lang in das Kapuzinerkloster gehen wollen, das dicht am Städtchen lag, und war immer dran verhindert worden. Endlich ging er an einem Heiligentage mit Kronhelm hinaus, in die Predigt. Er hörte eine höchstfabelhafte und abgeschmackte Lobrede auf den heiligen Bischof Martin, bei der das lachen weit natürlicher war, als Andacht und Erbauung. Nach diesem ging er im Klostergarten spatzieren, in der Absicht, mit einem, oder dem andern Pater bekannt zu werden. Endlich redete er einen an, der ihm aber sehr kurz antwortete. Ein andrer, den er drauf antraf, war weit freundlicher, und freute sich sehr über die Nachricht, dass er auch ein Kapuziner werden wolle. Er versprach, diess seinen übrigen Brüdern zu sagen, und setzte hinzu: Wir werden ihn bald einmal zum Essen bitten lassen. Besuch