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, und ich stehe wieder draus auf; war doch wenigstens schon halb drinn. Ach, die natur ist ein herrlicher Anblick! Zumal, wenn man seiner eine Zeitlang beraubt war! Ich dank dir, lieber Gott! – Ich sehs euch an, dass ihr meine Freude mitfühlt. Es ist mir so wohl, dass ich in den Lüften schweben möchte! Lieben Freunde, es ist doch gut, dass ich noch eine Zeitlang bei euch bleiben kann; die Welt ist gar zu schön! – Indem kam ein Krüppel zu ihnen, und bettelte. Sie gaben ihm. – So ein Anblick, sagte Philipp, kann einen freilich wieder traurig machen. Man leidet soviel, wenn man andre leiden sieht. Aber, lieber Gott, wer wollte dich drüber zur Rede stellen? Und dort, dort (indem er zum Himmel wies) gibts keine Krüppel und Lahme mehr! Diess ist alles, was man sagen kann; und allenfalls, dass dergleichen Leute nach dem Glück nicht so sehr schmachten, was sie nicht kennen, und mit kleinerm Labsal vorlieb nehmen, als wir. Vielleicht sind auch ihre Empfindungen schwächer. Das beste ist, das Gute, das man hat, mit Dank annehmen und geniessen, und dem Unglücklichen sein Elend so viel erleichtern, als man kann! – Sie gingen vergnügt wieder nach Haus.

zwei Tage drauf fiengen die Schulstunden wieder an. Siegwart wurde, mit Einstimmung aller Lehrer, seiner besonderen Zunahme in den Wissenschaften wegen, in eine höhere Ordnung befördert. Im Lateinischen las man hier vorzüglich den Cäsar vom gallischen Krieg. P. Philipp schenkte ihm eine schöne Ausgabe von diesem Schriftsteller, und zeigte ihm, mit welchem geist, und mit welchem Nutzen man ihn lesen könne. Siegwart sass Tag und Nacht dabei, und übersprang durch seinen Fleiss gar bald die Lektionen in der Schule. Er bewunderte an Cäsar den grossen Feldherrn, der, mit der beständigsten Gegenwart des Geistes, sich aller Umstände und Abwechselungen des Krieges, stets zu seinem Vorteile zu bedienen wuste; aber er konnte in ihm den Geist nicht lieben, der, von rasender Eroberungssucht dahin gerissen, keinen höhern Zweck kennt, als den: ein freigebornes Volk, das ihn nie beleidigt hatte, das ihm nicht einmal im Wege stunde, seiner Freiheit, des höchsten Gutes, das es kannte, zu berauben. Er verabscheute den Mann, der Ströme Bluts seiner Landsleute und der Gallier vergoss, um diesen ungeheuren Durst zu stillen. Er entdeckte mit Verwunderung in dem Gemählde der alten Gallier die Grundzüge, die noch jetzt den Charakter der neuern Franzosen ausmachen: den Wankelmut in ihren schnell, oft übereilt, gefassten Anschlägen; die Begierde, immer etwas Neues auszuhekken und zu erfahren; (B. IV. K. 5.) Die Grausamkeit, die sich noch jetzt in ihren Todesstrafen äussert. (VI. 19.) Den sklavischen Gehorsam des volkes gegen seine Obrigkeit (K. 13) u.s.w. Dagegen schlug sein Herz laut bei der Schilderung der männlichern und freiergesinnten Deutschen, und besonders der nervichten Sueven; ihrer patriarchalischen Lebensart, die sich bloss von der Viehzucht und der Jagd nährte, (B. IV. 1. fgg.) u.s.w. Kein Umstand, der der Menschheit Ehre macht, entging ihm. Die edle Tat der beiden Römer, des Pulfio und Varenus (B. V. K. 44.) zog besonders seine ganze Bewunderung auf sich. Er besprach sich nachher mit Kronhelm und dem P. Philipp wieder drüber, und lernte, mit ihrer hülfe, noch mehrere und wichtige Bemerkungen machen. Er geriet oft sehr in Eifer, wenn er gegen die Erobrungssucht gegen die Tyrannei, und für die Rechte eines freien Volkes und der Menschheit überhaupt sprach. Sein Herz ward immer freier, männlicher und fester, sein moralisches Gefühl immer richtiger, und feiner. Die Religion, die er durch vernünftigen und zweckmässigen Vortrag immer mehr in ihrer Einfalt und Würde kennen lernte, ward ihm täglich heiliger und verehrungswürdiger; denn P. Johann verschwieg fast alle Menschensatzungen, die sie verunstalten. Er sah an P. Johannes und P. Philipps Beispiel, welchen Einfluss sie auf die Güte eines Menschen haben kann, und spürte ihre heilsame wirkung eben so lebendig an sich selbst.

Zuweilen ging er noch mit Kronhelm, ohne den er überhaupt fast keinen Schritt aus dem Kloster tat, zu einem Jüngling, Namens Grünbach, der auch auf die Schule ging, aber bei seinen Eltern in der Stadt wohnte. Es war diess ein Mensch von einem ernstaften, aber heftigen Charakter. Er hatte viel Kopf und eben so viel Ehrbegierde. Wenn er sich vornahm, etwas zu lernen, so liess er nicht nach, bis er es ganz inne hatte. Er eiferte unserm Kronhelm und Siegwart nach, weil sie die besten auf der Schule waren. In kurzer Zeit brachte er es auf der Violine so weit, dass er mit ihnen spielen konnte, und nun machten sie sehr schöne Trios zusammen. Unsre beiden Jünglinge wären noch öfter zu Grünbach gegangen, wenn er nicht so gerne, besonders über Religionssätze, gestritten hätte; und diesen Streit liebten sie durchaus nicht. Sein Vater war ein reicher Krämer, der sich auf seinen Sohn sehr viel zu gute tat. Er schaffte ihm alles an, was er haben wollte, Bücher, Kleider, Musikalien und dergleichen. Sobald jemand zu seinem Sohn kam, war er auch auf dem Zimmer