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lieben Freunde, sagte P. Philipp mit heiserer und leiser stimme. Es ist mir lieb, dass ich euch noch sehe! Gott hat eine Veränderung mit mir beschlossen. Ich werde euch bald verlassen müssen. Mir gehts wohl!.. Die beiden Jünglinge konnten sich nicht länger halten; die hellen Tränen stürzten ihnen aus den Augen, und sie schluchzten laut. – Gebt euch zufrieden, lieben Freunde! Mir gehts wohl; und Bruder Johann wird euch meine Stelle wieder ersetzen; er liebt euch auch .... Ich habe gnug auf der Welt gesehen.. Hab auch viel gelitten.. Mir wirds wohl werden. Mein Andenken ist alles, was ich euch hinterlassen kann, und etliche Bücher, die ich aufgeschrieben habe.. Ihr bekommt nun einen Freund im Himmel mehr.. Um Christi willen hoff ichs ... Kronhelm, gib mir deine Hand!.. Du auch, Siegwart! Seht, ich leg sie ineinander.. Bleibt Freunde!.. und wandelt auf dem Weg der Rechtschaffenheit dem Himmel zu!.. Vergest euren treuen Lehrer, Freund, und Bruder nicht! ... Nun möchte ich wohl ein Bischen allein sein!.. Ich bin so matt – –

Die beiden Freunde wankten aus dem Zimmer auf das ihrige; Jeder warf sich auf einen Stuhl, sah den andern an, und sprach kein Wort. – Gott! sagte Siegwart, was ist der Mensch? Ist denn nichts, als Elend auf der Welt? Wenn ich nur mit ihm stürbe! Und du auch, Kronhelm! – Dieser, der von natur gelassener war, und sich mehr gleich blieb, ob sich gleich seine Seele tief verwundet fühlte, suchte seinen Freund zu trösten, und von seiner Ungeduld abzubringen. Endlich fiengen aber doch beide wieder mit einander an zu weinen. Nach einer halben Stunde schlichen sie sich an das Krankenzimmer, und sahen, weil die tür halb offen war, hinein. P. Johann winkte ihnen; sie traten leise an das Bette; und der Fromme, mit dem blassen, eingefallenen Gesicht, lag in ruhigem Schlummer da, und lächelte zuweilen; ein paarmal streckte er die hände aus und faltete sie. Endlich wachte er mit heftiger Bewegung auf, blickte wild umher, und sagte hastig: Bald ist es vorbei! Nur noch Einmal!.. Ich hab ihn schon gesehen!. Er ist schröcklich!.. und schön!.. und fürchterlich! ... Dann sah er wieder um sich, erblickte die beiden Jünglinge; lächelte; gab Siegwarten die Hand, und sagte: Seid ihr auch noch da? Ich dachte, ihr wäret längst gestorben! – Dann schwieg er wieder, und bewegte nur die Lippen, vermutlich, um zu beten, denn sein mattes auge sah mühsam in die Höhe. – Kronhelm und Siegwart baten den P. Johann, dass sie die Nacht bei ihrem Lehrer wachen dürften. Er gab es gerne zu, weil er durch ein paar Nachtwachen schon sehr abgemattet war, und die meisten Lehrer die Ferien über verreist waren. Er setzte sich in einen Lehnstuhl, um zu schlafen, und bat, ihn nur dann zu wecken, wenn es mit dem Pater merklich schlimmer würde. Dieser phantasirte fast die ganze Nacht durch; nur zuweilen hatte er lichte Augenblicke, und dann sprach er aufs zärtlichste mit seinen Freunden, ermunterte sie zur christlichen Rechtschaffenheit, und sagte: ohne sie würde er dem Tod nicht so getrost entgegen sehen können. – Nachdem er sich die Nacht durch ganz müde phantasirt hatte, so fiel er gegen Morgen in einen tiefen Schlummer, der dem tod fast ähnlich sah. Kronhelm und Siegwart warfen sich auf ihr Bette, und blieben bis gegen Mittag liegen.

Als sie wieder auf das Krankenzimmer kamen, so war der Pater aufgewacht, und sah weit heiterer und frischer aus. Der Schlaf hatte den Abgang seiner Kräfte wieder ersetzt und der Arzt, der eben dazu kam, fasste nicht geringe hoffnung zu seiner Besserung. Er konnte wieder etwas Nahrung zu sich nehmen, und das Irrereden blieb aus. Kronhelm und Siegwart wurden, durch diese hoffnung, wie neubelebt, und konnten nun erst um die Gesundheit ihres Freundes beten; vorher hatten sie's nicht gekonnt. Er ward merklich besser, und konnte nach ein paar Tagen schon wieder eine halbe Stunde auf sitzen. Die beiden Jünglinge waren unaufhörlich um ihn, und lernten aus seinem mund tausend weise Lehren; denn nichts ist lehrreicher, als das Krankenbette eines weisen Christen; Nirgends dringen die Lehren tiefer ein. Nun lernten Kronhelm und Siegwart erst das Glück recht schätzen, einen solchen Lehrer zum Freund zu haben. Nun sahen sie die Grösse des Verlustes erst recht ein, den sie mit seinem Tod erlitten haben würden. Nun sahen sie, dass es weise Liebe Gottes sei, wenn er uns zuweilen ein Gut zu entziehen droht, dessen Wichtigkeit und Grösse wir vorher nur halb eingesehen, und das wir deswegen nur halb benutzt haben. Noch eh die Schulstunden wieder angingen, konnten sie an einem schönen Nachmittag eine Stunde mit ihm spatzieren gehen. Lieber Gott, sagte er, wie mir nun die Welt wieder so neu vorkommt, als ob ich sie noch nie gesehen hätte! Alles deucht mir jetzt schöner und herrlicher zu sein. Der dunkle Tannenwald dort, und die Sonne drüber her! Der Mischling mit dem gelb und rot und blassgrünen Laub! Die natur sinkt nun ins Grab