haben, als ob mir an ihrer Gunst und Liebe was gelegen wäre, wenn ich nicht ihre Liebe suchte, und sie für mein gröstes Glück hielte. Da das nun zwischen mir und Reginen der Fall nicht ist, so must ich mich zurück ziehen, und kalt tun; zumal da meine Frage, ob Silberling Absichten auf sie habe? ziemlich vorwitzig und unüberlegt war.
Siegwart. Deine Grundsätze sind herrlich, Kronhelm, und ich wünschte nichts, als dass sie jeder Jüngling sich zu eigen machte. Aber, sag mir, warum du gegen das fräulein keine Zuneigung fühlst, da sie doch so viele Vorzüge vor andern hat?
Kronhelm. Aus verschiedenen Gründen, Siegwart, und zum teil auch aus einer dunkeln, unentwickelten Empfindung. In meinem Herzen ist ein gewisses Leere, das durch Sie nicht ausgefüllt wird; Sie gefällt mir, aber weiter nicht. So lang ich bei ihr bin, find' ich zwar an ihrem Umgang Wohlgefallen; aber nachher vergess ich sie wieder, und fühle keine weitre sehnsucht nach ihr. Kurz, eine dunkle Empfindung sagt mir, dass sie das Mädchen noch nicht sei, das für mich allein geschaffen ist, und dereinst mein ganzes Dasein ausfüllen und beleben soll. – Und dann, muss ich dir gestehen, soviel mir an dem fräulein gefällt, so viel missfällt mir auch an ihr. Was sie heute vom Landleben sagte, scheint mir mehr Deklamation zu sein, als inniges, empfundenes Gefühl. Man spricht von dem nur wenig, was man hat und fühlt! – Und besonders hat mir ihr Betragen gegen mich sehr missfallen. Sie kann überhaupt noch keine wahre Liebe zu mir fühlen, da sie mich noch viel zu wenig kennt. Wahre Liebe gründet sich auf Hochachtung, und muss der höchste Grad von Freundschaft sein. Beides ist nicht möglich, wenn man nicht die Vorzüge des andern genau kennt; und diese lernt man erst durch einen längern und vertrautern Umgang kennen. Ich weiss wohl, dass die Liebe sich mehrenteils beim Aeusserlichen, bei der Gesichtsbildung, und dergleichen anfängt; aber von dieser Liebe halt ich auch so viel nicht. Und nun bedenk, wie hat das fräulein ihre Liebe gegen mich geäussert? Gab sie sich nicht völlig bloss? war es nicht eben soviel, als ob sie sagte: Kommen Sie! wir wollen einander heiraten! Wahre Liebe spricht nicht! Man kann sich Jahrelang lieben, ohn' es sich zu sagen! Man könnte zwar ihr Betragen schwäbische Offenherzigkeit, ländliche Einfalt und naives Wesen nennen; aber mich deucht, das ist ganz was anders. Das weibliche Geschlecht kann bei seiner Feinheit der Empfindung so nicht reden. Es muss immer, besonders bei der Liebe, einen gewissen Stolz, eine edle Würde beibehalten, und sich nie, wenn ich so sagen darf, selbst feil bieten! Niemand schätzt einen offenen Charakter, und ein ungezwungnes, ungeziertes Wesen mehr, als ich. Ein Mädchen, das mit einer gewissen Anmut und Einfalt seine Meinung frei und offenherzig sagt, ist das angenehmste geschöpf; und diese Gabe scheint deine Schwester, deiner Erzählung und den Briefen nach, die ich von ihr sah, in einem ganz vorzüglichen Maasse zu besitzen. Aber frag dich selbst, ob du das bei Reginen auch findest? Ob durch ihr gerades Wesen nicht die weibliche Delikatesse beleidigt werden muss?
Siegwart. Das ist schon gut, Kronhelm; aber bei dem fräulein kanns ein Fehler der Erziehung sein; und dann müssen wir doch das bedenken, was sie selber zu mir sagte, dass das weibliche Geschlecht auf diese Art sehr schlimm daran ist, wenn man ihm alles das übel nehmen will, was uns hundertmal erlaubt ist.
Kronhelm. Recht, Siegwart, das sag ich auch! Ein Geschlecht sollte soviel Freiheit haben, als das andere! Man hätte diesen Ton nicht einführen sollen! Wir sind Tyrannen des weiblichen Geschlechts. Aber da es nun einmal ein angenommner Grundsatz ist, so müssen sich die Mädchen auch darnach bequemen, weil ihnen die Ueberschreitung desselben so nachteilig ist. – Und ganz scheint die Regel doch nicht von unserm Eigensinn abzuhängen. Es ist allgemein, dass ein Mädchen sich verächtlich macht, wenn sie sich selbst anbeut. Jeder fühlts bei sich; sein Gefühl wird beleidigt, und es scheint so in der natur zu liegen. – Ich hab übrigens mit dem fräulein Mitleid. Dem Anfang der Liebe kann man schwer widerstehen. glaube mir, dass mein Herz viel litt, als ich den trockenen und kalten Ton annehmen muste.
Siegwart. Ich sahs wohl, als du den gang allein hinaufgingest, dass in deiner Seele mancher Kampf vorgehen müsse. – Ich bewundre deine Klugheit, und begreife nicht, wo du die Kentnis des weiblichen Herzens und der Liebe her hast?
Kronhelm. Mir hab ich wenig, und das meiste meinem Onkel in München zu verdanken, der oft über diese Sache sprach; und dann fand ich seine Grundsätze durch die Erfahrungen bestätigt, die ich an den Frauenzimmern machte, die in sein Haus kamen. – Weist du aber, was wir nun zu tun haben? Wir müssen sobald als möglich wieder auf die Schule zurück. Ich muss dem fräulein soviel, als sich tun läst, ausweichen, und dann bin ichs auch überdrüssig, länger hier zu bleiben. Ich kann von meinem Vater besser denken, wenn ich von ihm entfernt, als wenn ich um ihn bin, und seine Art zu denken und zu handeln mit ansehe. Wir wollen sagen,