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Multen voll derbe Stücken Brod bringen; gab einem Hund nach dem andern ein Stück, und erzälte dabei sein Alter, seine Race, seinen Namen, seine Tugenden und Taten. Dies währte über eine Stunde, und im Pferdestall gings eben so. – Indem kam der Junker Jobst auf einem alten Klepper hergesprengt; stieg, ohn ein Wort zu reden ab, führte seine Mähre in den Stall, und sagte nun: Auf den Nachmittag werde Junker Seilberg, fräulein Regine, Baron Striebel, und der kleine Herr von Silberling mit seinem Haarbeutel zum Besuch kommen. Brav, brav! rief Junker Veit; die kommen mir eben recht bei meinem Zipperlein! Den Einen hats verlassen, und den andern nimmts beim Schopf. – Kommen Sie zu Wagen? Freilich, sagte Jobst, Silberling kommt ja im Haarbeutel. Aber, Herr Bruder, nun schaff mir was zu trinken! Denn ich bin verteufelt durstig. Veit bestellte gleich im Stall eine Bouteille, die Jobst ohne viele Umstände austrank. – Bis zum Essen wurde von Geschichten aus der Gegend, und Jagdangelegenheiten gesprochen, die zum Anführen zu unwichtig sind. Bei Tisch wurden die Rebhühner aufgetragen, die Kronhelm und Siegwart geschossen hatten, denn das Schwein muste erst in der Stadt gebrannt werden. Die Rebhühner gaben Junkern Veit zu manchem Spass und zu vielen Gesundheiten Anlass, so dass er heute vor der Zeit stark berauscht wurde, wozu der Verdruss über sein Podagra auch viel beitrug. Junker Jobst blieb ihm nichts schuldig. Er fing an, zu singen, und mit Sibyllen schön zu tun; die ihn aber garstig ablaufen liess, und ihm derbe Grobheiten sagte; doch die schüttelte er ab, weil sie von einem adelichen Frauenzimmer herkamen. Endlich kam die übrige Gesellschaft auch; Kronhelm sprang hinab, sie zu bewillkommen, und hob die Personen aus dem Wagen; der alte Seilberg musste von zwei Bedienten die Treppen hinauf geführt werden. Silberling stand auf der Seite, um Reginen seinen Arm zu bieten. Er trat mit einer Verbeugung näher, als ihr eben Kronhelm, der es nicht wahrgenommen hatte, die Hand gab. Ganz betroffen sprang Silberling zurück, und ward feuerrot; Kronhelm ward es auch, und sagte: Verzeihen Sie. Es ist recht gut so, lispelte Regine, und sah unserm Kronhelm freundlichlächelnd ins Gesicht. Die beiden Alten erzälten sich nun von ihrem Podagra, schimpften drauf; und kamen auf ihre Jugendstücke zu sprechen, die so erbaulich waren, dass Kronhelm und Siegwart auf einen Wink Reginens sich mit ihr entfernten, und in den verwilderten Schlossgarten gingen. Ihre Abwesenheit ward von niemand bemerkt, als von Sibyllen und von Silberling, dem der Angstschweiss ausbrach. Er rückte auf seinem Stuhl hin und her, und wäre so gern weggegangen, wenn er nur nicht die Anmerkungen und Spöttereien der Edelleute gefürchtet hätte. Sibylle durfte nicht weggehen, weil sie aufwarten muste; denn Kunigunde nahm immer in Gesellschaft die Mine der gnädigen Frau an, und bewegte sich nicht von ihrer Stelle. Dabei war ihr der saftige Scherz der Edelleute viel zu angenehm; sie konnte hier alle ihre Gaben auskramen, und das ihrige treulich hinzutun. Regine gab im Garten Kronhelm selbst ihre Hand, und sagte: Lassen Sie uns hier, statt des ewigen Gelerms, der stillen und ruhigen natur geniessen! Ich bin des Aufentalts bei meinem Grosspapa so satt, dass ichs Ihnen nicht genug sagen kann. Und nun ist noch der abgeschmackte Silberling da. Ich kann ihn nicht anders nennen, so gern ich auch von andern sonst gelind urteile. Den ganzen Tag hüpft er um mich her, und ich bin keinen Augenblick vor ihm sicher.

Siegwart. Erlauben Sie, ist er schon lang bei Ihnen, gnädiges fräulein?

Regina. Bald vierzehn Tage; und wie lang's noch währen wird? weiss der Himmel.

Kronhelm. Darf ich mich erkühnen, Sie zu fragen, wenn es nicht zu verwegen ist, hat er Absichten auf Sie?

Regina. Ich weiss nicht, Herr von Kronhelm! Aber soviel kann ich sagen, dass ich keine auf ihn habe. Wenn er mir auch weniger missfiele, so würde ich doch Bedenken tragen, in die Stadt zu gehen. Ich bin sie so überdrüssig geworden, und das Land, mit aller seiner Ruhe, zieht mein Herz so sehr an sich, dass ich nur da recht lebe. Tausendmal, Herr Siegwart, hab ich mit Ihrer lieben Schwester drüber gesprochen, und mich ganz in Träumereien vertieft.

Siegwart. Ja, sie ist auch ganz Ihrer Meinung, gnädges fräulein, und zieht das Land allem andern vor.

Regina. Denken Sie sich einmal, Herr von Kronhelmdenn ich weiss, Sie lieben auch das Landwas das schön ist? Zwei Seelen, die einander über alles lieben, und nun hier, der Welt unbekannt, in stiller Ruhe leben! Die ganze Gegend, mit allen ihren Reizen blüht für sie. Ungestört betrachten sie alle Schönheiten und Veränderungen der natur. Kein Stadtgerücht, keine Verläumdung naht sich ihnen. Was müssen sie auf einsamen Spatziergängen fühlen, wenn alle Vögel sich beeifern, Entzücken in ihr reines Herz zu singen; wenn ihr ländliches Mahl aus lauter Früchten besteht, die sie selbst gepflanzt haben; wenn die Abendsonn' in ihre Sommerlaube glänzt, und die Blumen um sie her düften? Wenn dann das himmelvolleste Gefühl der Zärtlichkeit aus ihnen weint; was denken Sie von einem solchen Paar, Herr von Kronhelm?

Kronhelm. Dass es recht glücklich