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habs diesen Abend schon gehört; der Mann, dessen Frau im Turm liegt, ist ein reicher Söldner, der die 3 Gulden leicht geben kann; und Morgen wird er sie meinem Vater gleich zuschicken; diesen Abend war es nur zu spät. – Nicht wahr, mein Vater ist ein harter Mann? So hab ich ihn aber auch noch nie gesehen. Es wird immer ärger, und die leichtsinnige Gesellschaft macht sein Gefühl immer stumpfer. Siegwart. Sag: die Jagd auch! Wer Tag und Nacht aufs arme wild laurt und beständig nichts als Blut und Morden sieht, wie kann der ein fühlendes Herz, und mit Menschen Mitleiden haben? der Gerechte erbarmet sich auch seines Viehes, heists in der Bibel, und das ist buchstäblich wahr. Die Jagd sollte nichts sein, als dass man das überflüssige wild, das dem bauern Schaden tut, wegschiesst; oder, was man zur Nahrung braucht! Aber, wenn man die armen Tiere vollends martert, und zu tod jagt, wie's am Hof bei Parforcejagden geschieht, da möchte einem das Herz im leib bluten. Da können sich dann die Untertanen viel versprechen, wenn der Landsherr sich im Blute badet. Da kommen die abscheulichen Plackereien und die Kriege her, die dein Vater selber eine Art von Jagd nennt. – Nimm mir nicht übel, Kronhelm! Ich dachte diesen Morgen, ich müste deinem Vater den Hirschfänger durch den Leib stossen, so aufgebracht war ich!

Kronhelm. Du hast recht. Siegwart; UndGott verzeih mir es! – mir war auch nicht viel anders zu Mut. Aber lass uns von dergleichen Vorstellungen abstehen! Sie machen mich gar zu traurig. Wie wärs, wenn wir uns durch unsre Violinen in eine andre Empfindung hinüberspielten? Weist du? Das herrliche Adagio von Schwindl.

Und nun spielten sie so schmelzend, so bebend und so wimmernd, dass ihre Seelen weich, wie Wachs wurden. Sie legten ihre Violinen nieder, sahn einander an mit Tränen in den Augen, sagten nichts, als: Vortreflich! Gute Nacht, Bruder! und legten sich zu Bette. Aber beide konnten noch lange nicht schlafen, und fühlten, dass die Seele des Gesangs sie noch umschwebe!

Um sechs Uhr standen sie auf, und weil sie noch niemand im haus hörten, so lasen sie im Virgil. Nach einer guten Stunde kam Junker Veit an den Krücken herein gehinkt, weil er das Podagra hatte. Siegwart legte das Buch, aufgeschlagen, neben sich auf den Tisch. Was Teufels! rief Veit, da habt ihr ja gar ein Buch! Sapperment! Was soll das heissen? – Fort zum Henker und seiner Grossmutter! und indem schmiss er den Virgil auf den Mistaufen vor dem Fenster. – Verzeihen Sie, sagte Siegwart, das Buch handelt von Forsten und vom Waidwerk. – Das ist was anders, antwortete Veit. Ja, wenn das ist, so hab ich allen Respekt davor. Steffen mags wieder herauf holen! – Da, Steffen, hebt das Buch dort auf; auf dem Miste! und bringt mir es! Ich hab ehmals auch so ein Buch gehabt, 's heist der Döbel. 'S steht manches gutes drinn; aber 's meiste hab ich schon gewust. Man muss im Forst lernen, wenn man will ein rechter Waldmann werden. – Das verfluchte Zipperlein hat mich so zu Schanden geritten! Ich kann heute nicht naus, und 's ist doch so ein herrlicher Tag. Aber dafür wollen wir doch, die Zeit nicht ganz ungenutzt vorbei streichen lassen. kommt nur! Ich will euch viel rares zeigen! – Erst führte er sie in seine Gewehrkammer. – Seht mir einmal! was das für ein Vorrat ist! Nicht wahr? Der darf sich sehen lassen? Ich nehms mit jedem Churfürsten auf, ob er es besser hat? – Da seht! Das ist das Kontersait, von dem ich gestern g'sagt hab. Ist das nicht ein ehrliches Gesicht? Mit dem Schnurrbart, und dem krausen Backenbart! – Und da, das Windspiel! 's ist meiner Seel! zum Küssen! Ich wollt viel drum geben, wenn ichs so im Leben hätte! – Ja, seht euch nur recht um! So was extraschönes kriegt ihr nicht so bald wieder zu sehen. Aber das Zeug, wie's so da ist, ist mich auch über tausend Taler gekommen. – Wundert euch nur nicht! 'S ist warlich wahr; ich will drauf sterben! – Nun habt ihrs gnug beschaut? So wollen wir halt allmählich weiter.

Drauf schleppte er sich, mit vieler Müh, an seinen Krücken, die Stiege hinunter, und zeigte ihnen in der Haustüre die vielen Hirschgeweihe, die oben, in der Reihe herum, wie er die Hirsche geschossen hatte, fest gemacht waren. Mit vieler Umständlichkeit und tausend Beteurungsflüchen erzälte er ihnen die geschichte jedes Hirsches, wo und wann er ihn geschossen habe? u.s.w.

Von da gings zu den Hunden, deren eine ungeheure Menge war. – Sa, sa sa! Hurah! Dax, Dax! rief er, und alle Hunde liefen mit grossem Gebell herbei; sprangen an ihm hinauf; hiengen sich an ihn an; und umzingelten ihn so, dass er aussah, wie der Engländer Wildmann, dem sich, auf seinen Wink, ein Schwarm von Bienen ins Gesicht setzt. Nun liess er sich von seinem Jäger zwo grosse