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dem der Forst gehörte, war auf den Schuss hinzugekommen, und wollte nun dem Reitknecht das Gewehr abnehmen. Darüber entstand ein grosser Zank, denn Jakob wollte sich durchaus nicht ergeben. Was gibts, Jakob? sagte Kronhelm. – Ei was wirds geben, Junker? Der Hundskerl da will mir den Hirsch wegnehmen, der mir von Gotts und Rechtswegen ghört, weil ich ihn gschossen hab, und 's Gwehr dazu! Ja komm mir nur, Zigeuner! Meinst, ich sei ein Wilderer (Wilddieb) weil du mir so kommst? Da frag nur meinen Junker, ob ich nicht eines ehrlichen Edelmanns Kutscher sei, und ein Jäger dazu, so gut, als du?

Jäger. Zum Teufel! was schiert mich das? Das ist meines Herrn Forst. Kehr du vor deiner Tür, und ich vor der meinen! 's Gwehr her, sag ich, und den Hirsch auch! oder 's geht nicht gut! Nicht wahr, Junker, er ist ein Spitzbub, und verdient den Galgen?

Kronhelm. Ein bischen langsam, guter Freund! Der Bediente ist mein, und ich bin des Junker Kronhelms Sohn. (Hier nahm der Jäger schnell den Hut ab.) Sieht er, es ist nicht recht, dass mein Jakob das getan hat, und ich hab ihm's auch nicht geheissen. Aber Er muss es nun auch gut sein lassen'. Der Hirsch ist sein, und da hat er noch ein Trinkgeld für den Aerger. – Jakerl dass ihr mir den Augenblick das Weidmesser einsteckt, und aufs Pferd steigt! Was sind das für Possen! (Jakob stieg aufs Pferd, und sah den Jäger von der Seite drohend an.) Wer ist denn sein Herr, guter Freund? Ist er hier zu land?

Jäger. Ja, gnädger Herr! Es ist der Junker Felsberg, ein Herr, wie die gute stunde, der nie in eines andern Herrn Gau gejagt hat.

Kronhelm. Nun, schon gut! Den Junker Felsberg kennt mein Vater wohl; Sie sind die besten Freunde. Mach er seinem Herrn mein Kompliment, und sag er, ich lasse wegen der Narrheit meines Kerls um Vergebung bitten; Mir seis leid! Bei gelegenheit wirds mein Vater schon noch selber tun. Adjeu!

Siegwart, Kronhelm und sein Jakerl ritten nun wieder aus dem Gebüsch in den Fahrweg. Jakerl sprach erst kein Wort, und schien böse zu sein. Endlich fing er an: Aber, junger Herr; nehmen Sie mir nun nicht übel! Das war doch nicht recht, dass ich da den schönen Hirsch musste fahren lassen! Hatte, meiner Seel! Vierzehn Enden. Ich möchte mir d' Zung durchbeissen, wenn ich dran denke! 's ist schon recht, dass man d' Wilderer wegschiesst, und ich hab schon manchem auch eins versetzt, dass er 's Aufstehen drüber vergass; aber dass man mir 's Jagen verbieten will, da ich doch einem Edelmann dien', der seines gleichen im Land sucht, das ist nicht recht, sag ich; und das tut mir weh. – Ihr seid nicht klug, Jakerl, sagte Kronhelm. Seid ihr denn hier in meines Vaters Waldungen, dass ihr schalten und walten könnt, wie ihr wollt? Denkt einmal, wenn der Jäger in unsern Forst gekommen wär, ob ihr ihn da hättet schiessen lassen, wie er wollte? – Jakob schiens nun zu begreifen; brummte aber immer noch etwas in den Bart hinein.

Sie kamen drauf durch ein Dorf, wo eine Baurenhochzeit war. Unsre Jünglinge stiegen beim Wirtshaus ab, um den Tanz mit anzusehen. Anfangs taten die bauern ganz furchtsam, und wollten nicht mehr forttanzen; aber Kronhelm winkte seinem Reitknecht, dass er ihnen zu verstehen geben sollte, sie möchten sich in ihrer Lust nicht stören lassen; die Herren sehens gerne, wenn sie recht munter wären. Nun überliessen sich die jungen Leute ganz der Freude wieder. Siegwart und Kronhelm fanden ein gar inniges Vergnügen an den ächt schwäbischen Tänzen; wie die bauern in den Wendungen eine so natürliche Anmut hatten, und die ungezwungensten Abänderungen machten, die kein, noch so geübter, Tanzmeister lehren kann. Sie ergötzten sich an den mannigfachen Künsten; der Eine tanzte auf den Knien, der andre auf Einem Bein, der dritte hob sein Mädchen in die Höhe; ein Paar hielt sich mit den Händen fest, und ein Bauer schlupfte unten durch, oder wiegte sich darauf. Während dem Tanzen sprachen die Tänzer und die Tänzerinnen miteinander, oder die bauern sangen nach dem Ton der Geigen und Schalmeien. Wenn der Tanz vorbei war, so gab jeder Bauer seiner Dirne einen lauten herzlichen Handschlag. Dann liebäugelten sie miteinander, tranken sich das Bier und den Brandwein zu, und liessen die Musikanten Tusch machen. Siegwart bemerkte, dass die bauern eben so wohl, wie die Städter, ihre witzigen Köpfe, ihre Stutzer, und Koquetten hätten, und dass der Unterschied bloss in der Art liege, diese Eigenschaften zu äussern. Kronhelm trank mit Siegwart die Gesundheit des jungen Brautpaars, welches sich ausserordentlich drüber freute, und diese Höflichkeit mit vielem Gepräng erwiderte. Unsre beiden Jünglinge hätten sich noch länger an Beobachtung dieser ländlichen Lustbarkeit ergötzt, wenn nicht der Schulmeister gekommen wäre, sie zu unterhalten. Dieser war kaum auf die Mutmassung gefallen, dass diess wohl Studenten sein möchten, so kam er, weil er sich auch für einen, nicht geringen Gelehrten hielt