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ihn zu retten. Kronhelm raffte sich indessen wieder auf, und wollt ihm eben nachspringen, als der Pater auch den Berg herab kam, und ihn zurückhielt, weil er sich das Gesicht ganz blutrünstig gefallen hatte. Siegwart brachte nun den Knaben wieder aus dem wasser, der vor Schrecken und Todesangst zitterte. Ein andrer Knabe, der beim Schreien seines Kammeraden ganz nackt weggesprungen war, kam mit dessen seiner Mutter, welche todtenblass aussah, herbeigelaufen. Wo ist er? wo ist er? rief sie, ohne jemand am Ufer zu bemerken, und rannte wild ans wasser hin. Philipp eilte, sie zurückzuhalten, und sagte, dass ihr Sohn gerettet sei. – So? So? rief sie, sah stier um sich, und flog endlich, als sie ihren Knaben sitzen sah, auf ihn zu, umschlang ihn, als ob sie ihn zerdrücken wollte; rief: Gott sei ewig Lob und Dank, dass ich dich wieder habe! und brach in einen Strom von Tränen aus. – Und welcher Heilige hat dich denn errettet, Joseph? – Ich weiss nicht, Mutter, war des Knaben Antwort. – Hier, dem jungen Herren da, hat sies zu verdanken, sagte Pater Philipp, und wiess auf unsern Siegwart. – Ihm? Ihm? Nun, so dank Ihm Gott! Belohn Ihn, segn Ihn tausendfältig! Du lieber Gott! hat er es getan? Sieht er? 's ist mir so Ernst zum Danken; aber ich kann nicht. – Du lieber Herzensknab! wenn ich dich verlohren hätte! – Aber das verfluchte Baden, dass du mir das künftig lässest! – Sieh, da sehe ich erst, dass du ganz nackt bist. – Die Herrn müssen dirs nicht übel nehmen; ich habs nicht gewusst. – Lieber Gott, wenn du da ertrunken wärest! O junger Herr, er hat mir es Leben erhalten; weiss Gott, er hats! Der Jung geht mir über alles. – Nicht wahr, Herzens Joseph? Aber dass du mir nur nicht wieder badest. – Sieht er, junger Herr, wenn ich künftig einmal Freud an ihm erlebe, so verdank ichs Ihm; und täglich will ich vier Rosenkränze für ihn beten; aber sonst hab ich nichts; ich bin ein armes Weib. – Nun fing sie an zu weinen. –

Als Philipp mit seinen jungen Freunden endlich wegging, küsste sie Siegwarten noch die Hand; dieser drückte ihr, zum Andenken, wie er sagte, einen Gulden in die Hand; Philipp und Kronhelm tatens auch. Nun war sie gar ausser sich, und wollte vor ihnen auf die Knie niederfallen; noch hundertmal rief sie ihnen nach: Tausend Gotteslohn! und ihr Knabe musste ihnen noch einmal nachspringen, da sie schon weit weg waren, und jedem noch die Hand küssen.

Das ist eine traurige Bemerkung, sagte Philipp, die ich schon recht oft gemacht habe, dass der Anblick des Geldes über das Baurenvolk alles vermag! Sie wissen nicht mehr, wo sie sind? wenn sie ein paar Gulden sehen, und halten keine andre Wohltat für so gross. Entweder setzen sie all ihr Vertrauen drauf, oder die Landsherren lassen ihnen so wenig, dass sie's für die gröste Seltenheit, und eben darum für das gröste Gut halten.

Siegwart. Ich fürchte fast das letztere. – Aber, Kronhelm, da sehe ich erst, dass du im Gesicht ganz blutig bist. Es ist dir doch kein Unglück begegnet?

Kronhelm. Nein, ich fiel nur den Berg herab, als ich dem Knaben zu Hülf kommen wollte. Es hat gar nichts zu bedeuten.

Siegwart. So? wolltest du auch in die Donau springen? Ich glaube, du kannst nicht einmal schwimmen.

Kronhelm. Doch! Ich habs im Lech gelernt; der fliesst ja an unserm Schloss vorbei. – Du bist noch ganz nass, Siegwart. Wenn dirs nur nicht schadet, dass du dich verkältet hast?

Siegwart. Ei, was! das hat nichts zu sagen! über der Freud hab ich alles wieder vergessen. Ich kanns wohl sagen: Es ist mir herzlich lieb, dass ich den Knaben noch errettet habe. Er klammerte sich so fest an mich an, und machte sich so schwer, dass ich fast mit ihm hinunter sank. Nun bin ich aber auch recht müd.

P. Philipp. Das glaube ich, lieber Siegwart; ich bins schon vom Schrecken. dafür soll ihm aber auch die Ruhe heute recht süss schmecken. So ein Tag geht über alles! zuvor wollen wir noch ein gutes Glas Rheinwein mit einander trinken; ich hab gestern welchen geschenkt gekriegt. Und morgen, lieber Siegwart, mach ich meine Landschaft vollends fertig, und zeichne seine, und des braven Kronhelms Tat drauf. Ihm kopier ich das Stück auch, lieber Herr von Kronhelm. Ihr müssts dann beide, zum ewigen Andenken, in eurem Zimmer aufhängen.

Nun kamen sie ins Kloster zurück, und brachten den Abend recht vergnügt bei einem Glas Wein zu. Siegwart fühlte so ein inniges Vergnügen über seine Tat, ohne dran zu denken, wie ein Schutzgeist, der einen Entschluss, den er seinem Freund im Schlaf eingeflüstert hat, zur Tat werden sieht. Siegwart und Kronhelm beredeten sich, bei ihrem Prior anzuhalten, ob sie nicht auf Ein Zimmer zusammen ziehen dürften? Der Prior gab es ohne Anstand zu; und Kronhelm zog auf Siegwarts Zimmer, das, wegen seiner herrlichen Aussicht