Die Treue, die er an uns bewiess, kann man von keinem Vater grösser erwarten. Alle seine Zeit, und alle seine Kräfte waren uns gewidmet. Er hatte viele und ausgebreitete Kenntnisse, die er uns mit unermüdeter Geduld und lauter Liebe einzuflössen suchte. Sein Herz war das sanfteste und beste. Sein Gesicht drückte die ganze stille Ruhe seiner Seele aus. Er war immer ernst, und doch beständig heiter. Alle seine Reden lehrten Weisheit, ohne dass man eine Absicht an ihm merkte, sie zu lehren. Die Religion, für die er, auch im äusserlichen die gröste Ehrerbietung hatte, lenkte alle seine Handlungen; und Geschmack und Weltkentnis machten alles, was er tat, und sprach, angenehm. Meine Mutter hatte ihn zu ihrem vertrautesten Freund gemacht, und zog ihn bei allem, was sie mit uns vornahm, erst zu Rat. In ihrer letzten Krankheit vor drei Jahren musste er beständig um sie sein, sie unterhalten, und ihr aus geistlichen Büchern vorlesen. Ihre letzte Mine lächelte ihm Dank zu, und erinnerte ihn ans Wiedersehn im Himmel. Von ihrem tod kann ich dir nur wenig sagen, Siegwart, denn das Andenken daran ist mir viel zu traurig. Sie lag lange krank, und litt viel, aber immer mit Geduld und himmlischer Gelassenheit. Den Tag vor ihrem tod liess sie uns noch alle zu sich kommen. Wir knieten um ihr Bett herum, und glaubten zu vergehen. Sie fasste sich, wie ein Mann; betete mit nie empfundner Innbrunst; und gab uns ihren Segen. Ich kann dir nicht sagen, Freund, was das für ein Auftritt war, und welchen tiefen Eindruck er, auf mein ganzes Leben, in mein Herz gemacht hat. Bei ihrem tod waren wir nicht gegenwärtig; sie starb früh; Friedmann war allein bei ihr, und wollte uns nicht rufen, um uns den ersten unerträglichsten Schmerz zu ersparen. Ich kam drauf zu meinem Onkel, dem geheimen Rat von Kronhelm in München, wo ichs auch recht gut hatte, bis ich vor zwei Jahren hieher kam. Mein Bruder kam an Hof wo er noch ist; meine ältre Schwester kam auch zu meinem Onkel nach München, wo sie sich nun recht glücklich an einen braven Mann verheiratet hat; und meine jüngste Schwester musste zu meinem Vater, wo sie noch ist. Das gute Mädchen daurt mich; denn sie ist zwar gut erzogen, aber jetzt soll sie, durch die freie Lebensart bei meinem Vater, schon ziemlich verwildert sein. Friedmann bekam bald darauf, durch Vorschub meines Onkels, eine gute und einträgliche Bedienung.
Sieh, Xaver, das ist die geschichte meiner, nun beglückten Mutter, deren Andenken mir ewig unvergesslich und teuer sein wird. Was ich dir von meinem Vater gesagt habe, must du ja verschweigen! Ich hab's noch keinem Menschen, ausser dir, anvertraut.
Siegwart. Sei unbekümmert drüber, lieber Kronhelm! Ich danke dir recht sehr für die Erzälung. Sie hat mich unaussprechlich gerührt. Ich habe tausendmal dabei an meine selige Mutter gedacht, die soviel ähnliches mit deiner Mutter hatte; nur ihr vieles Leiden ausgenommen; denn – Gott sei dank! – Ich hab den herrlichsten und rechtschaffensten Vater, der meine Mutter wie sich selber liebte. – Was ist denn nun deine Bestimmung, Kronhelm? Must du nun wieder zu deinem Vater zurück, wenn du ausstudirt hast?
Kronhelm. Ich kann noch nichts gewisses sagen, Xaver. Mein Onkel will mich auch an den Hof haben. Ich lebe aber lieber auf dem land, und muss auch einmal, als der älteste Sohn, die Landgüter, die zwar freilich etwas verschuldet sind, antreten. In andertalb Jahren geh ich nach Ingolstadt auf die Universität.
Indem kam P. Philipp auf das Zimmer, um bei dem angenehmen Wetter die beiden Freunde zu einem Spatziergang an die Donau mitzunehmen. Sie brachten den Abend unter heitern freundschaftlichen Gesprächen zu, und freuten sich der schönen Witterung, die jedes Gras und jeden Vogel neu belebte. An einem etwas erhöhten teil des Ufers, das mit Tannen und Eichen bepflanzt war, fanden sie die Gegend so schön, dass sich P. Philipp mit den beiden Jünglingen niedersetzte, sein Reisszeug herauskriegte, und die Landschaft zu zeichnen anfing. Vor ihnen floss die grüne Donau ruhig; nur hie und da, wo grosse Kiesel lagen, warf sie Wellen. Am jenseitigen Ufer, welches sandig, und nur hin und wieder mit Weiden bewachsen war, standen Kühe halb im wasser, und tranken. Diesseits des Ufers, welches eine grüne Wiese bedeckte, sassen einige Knaben, die sich eben zum Baden auszogen. Siegwart und Kronhelm setzten sich eine Strecke weit vom P. Philipp unter einen Tannenbaum, um ihn im Zeichnen nicht zu stören. Erst bewunderten sie die mannigfallige Gegend, und lasen dann zusammen eine Ekloge im Virgil, den Kronhelm zu sich gesteckt hatte. Plötzlich entstand unten an der Donau ein Geschrei; denn einer von den Knaben, welche badeten, wollte eben untersinken. Unsre beiden Jünglinge liessen den Virgil, den sie gemeinschaftlich hielten, fallen, dass er vor ihnen den Berg hinunter holperte, und sprangen in vollem Trab den Berg hinab. Weil das Ufer steil und sandig war, dass der Sand unter den Füssen wegwich, so stürzte Kronhelm über und über, bis er unten lag. Siegwart aber sah und hörte nichts, als den Knaben in der Donau, und sprang, so wie er war, hinein, um