ihr zu Lieb, fast alle seine vorige Gewohnheiten ab; besonders das Fluchen und das Trinken. Nach ein paar Jahren, als der Krieg vorbei war, kamen zwei oder drei Edelleute, die im Krieg seine Kammeraden gewesen waren, in unsre Nachbarschaft; besuchten meinen Vater fleissig; und er fing seinen vorigen Lebenswandel wieder an. Man spielte, trank, fluchte, ging auf die Jagd, kam um Mitternacht mit 3 oder 4 Junkern nach Haus, und unser Schloss sah einer Dorfschenke ähnlicher als einem Edelhof. Meine Mutter, die eine trefliche und fromme Frau war, trug ihr Leiden lang in der Stille. Ich weiss es noch aus meiner Kindheit, wie sie oft auf unsrer kammer weinte, da indess die Edelleute beim Weinkrug lärmten. Endlich nahm mein Vater auch eine person ins Haus, die er noch bei sich hat, die vorher etliche Jahr im Feld mit herum gezogen war, und sich mit den gemeinsten Kerls abgegeben hatte. Dieser übergab er die ganze herrschaft, und sie wuste sich derselben nur zu viel zu bedienen. Sie war mit bei Tische, und brachte mit meinem Vater und der übrigen Gesellschaft solche Zoten und Zweideutigkeiten vor, dass meine Mutter alle Augenblicke weggehen musste, wenn sie nicht rot werden wollte. Kunigunde, so heist die person, tat meiner Mutter alles mögliche Herzeleid an; stichelte auf sie; gab ihr grobe Reden; und sagte oft, dass sie nur aus Gnaden auf dem Schloss sei. Mir und meinem Bruder, und meinen zwei Schwestern begegnete sie aufs grausamste, schimpfte auf uns, schlug uns nach Gefallen, und lehrte meine Schwestern die leichtsinnigsten Zoten und Lieder. Meine Mutter, die sonst Stärke der Seele genug hatte, konnte das nicht länger ansehen; sie für sich hätte gern gelitten; aber wir dauerten sie zu sehr, sie hielt also bei meinem Vater an, ob sie mit uns auf ein entferntes Gut ziehen dürfte, das ihm zugehört? Er willigte mit Freuden ein, denn das war längst seine und Kunigundens Absicht gewesen, die ihm derwegen immer in den Ohren gelegen hatte. – Wir reissten also mit unsrer Mutter nach Wissdorf, wo wir unter ihrer Aufsicht die treflichste Erziehung genossen, die ich ihr noch tausendmal im Grab verdanken muss. Sie hatte das zarteste Gefühl des Herzens, das bei jedem fremden Elend mit litt, und an jeder Freude ihrer Nebenmenschen Anteil nahm. Sie war eine Wohltäterinn der ganzen Gegend; verarmte bauern, bedrängte Witwen, unglückliche Eltern kamen zu ihr, und gingen mit Trost und Rat wieder von ihr weg. Ihr Verstand war scharf und fein, dass sie gleich bei jeder Sache auf den Grund kam; gleich die besten Mittel wählte, oder angab, und sich in jedermann zu schikken wuste. Ihre Lebhaftigkeit war ausserordentlich; an allem, was sie sah und hörte, nahm sie Anteil; unsre Spiele machte sie Stundenlang mit, und wuste sie uns immer neu und unterhaltend zu machen, denn niemand war erfinderischer, als sie. Ihr Herz beschäftigte sich unablässig mit der Religion, und doch bezogen sich alle ihre Handlungen, auch ihre Andachtsübungen, beständig auf das Wohl der Menschen, und besonders ihrer Kinder. Sie wuste uns die wichtigsten Wahrheiten und die heiligsten Gesinnungen spielend, und gleichsam nur von ungefähr beizubringen. Keine feierliche gelegenheit, wenn das Herz zu den Eindrücken der Religion am geschicktesten ist, liess sie ungenützt vorbei gehen. Wenn wir von der Schönheit der natur recht entzückt waren, zeigte sie uns unvermerkt den Urheber derselben, und flösste uns Ehrfurcht und Liebe gegen Ihn ein. Oft kniete sie mit uns in ihrer kammer, betete mit Tränen um das Wohl, und die Erleuchtung unsers Vaters; um unser zeitliches Glück, um die Erhaltung unserer Unschuld, und dass sie uns einmal alle wieder bei sich im Himmel versammelt sehen möchte! Dieses Krucifix hier auf dem Tisch ist mir ewig heilig. Sie hatte es in ihrer kammer, kniete oft davor mit heisser Innbrunst, und benetzte es mit ihren Tränen. Nie hab ich von unsrer heiligen Religion mit solcher Einfalt, mir solcher Würde, und mit solcher innigen Empfindung sprechen hören. So äusserst zart von Gefühl, und so ängstlich sie auch von natur war, so streng auch ihre Grundsätze von Religion und Tugend waren, so verleitete sie dieses doch nie zur Lieblosigkeit in Beurteilung anderer. Sie war streng, aber gegen sich am strengsten. Wenn sie sich zuweilen auch wegen andrer, und besonders wegen ihrer Kinder, zu vielen, auch wohl ungegründeten Kummer machte, so war doch die Quelle davon so rein, so edel, dass ihr gewiss jedes dieser Leiden ewig wird vergolten werden. Die Religion gab ihrem Herzen die gröste Festigkeit; sie würde, wenn ich jemals von ihr wanken könnte, mit der Muter der sieben Brüder gesagt haben: Sohn, erbarm dich mein, und stirb! Ihr Geschmack war so sicher, dass ihr nicht das geringste Gute oder Böse an einer Handlung entwischte. Sie folgte immer der natur; Ihre Kleidung zeugte von der grössten Einfalt; sie ging nie prächtig; aber immer reinlich und zierlich. Von uns war sie die vertrauteste Freundinn, vor der wir keine Heimlichkeiten hatten. Sie sorgte vor die Bildung unsers Herzens, und gab uns einen treuen Leiter unsers kindischen Verstandes, den rechtschaffnen Friedmann, der uns alles wurde; dem wir, nächst ihr, alles zu verdanken haben. Er kam als ein Mensch von zwanzig Jahren zu uns, und blieb bei uns bis in sein dreissigstes.