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zum Nachdenken habe, denn ich lese gern was ernstaftes, aber da muss mich dann auch nichts zerstreuen. Der Herr Hauptmann ist gar gut, und sagt, ich könne die Bücher behalten, so lang ich wolle. Er liesst mir oft etwas vor, und liesst recht angenehm, dass mir es immer besser gefällt, als wenn ichs für mich in der Stille lese. Salome kann ihn nicht gut ausstehn; ich glaube, weil er mehr mit mir macht, als mit ihr. Aber da kann ich ja nichts dafür. Sie sagt, ich hänge mich an den Ketzer, und sei in ihn verliebt. Das ist ja lächerlich, da er eine Braut hat. Oder soll ich nicht mit ihm sprechen, weil er ein Ketzer ist? Er ist doch so artig, und hat ein recht gutes Gemüt, so gut als ein Katolik. – Ich hab dir diessmal recht viel geschrieben Bruder; das macht, weil ich dich so lieb habe, und dir gern alle Kleinigkeiten erzähle, die mich angehn. Der Herr Hauptmalm weiss es auch, dass ich dich so lieb habe, und lässt dich vielmals grüssen. Er sagt, du solltest nur kein Mönch werden. lebe recht wohl, herzliebster Bruder, und gib mir bald Nachricht, wie's dir geht? Empfiehl mich dem Herrn P. Philipp, und dem Herrn von Kronhelm aufs beste! Ich verbleibe lebenslang

Deine getreuste Schwester

Terese.

Siegwart ging gleich mit diesem Brief auf Kron

helms Zimmer, und las ihn ihm vor. Kronhelm war über die schöne Einfalt des Mädchens ganz entzückt, und nun musste ihm Siegwart den ganzen Abend durch von ihr erzählen. Er tats mit so vieler Wärme, und herzlicher, ungekünstelter, brüderlicher Liebe, dass Kronhelms ganze Seele von ihr eingenommen wurde, und an allen Kleinigkeiten Anteil nahm, die sie betrafen. Er trug ihm seine vielfache Empfehlung an sie, und die Versicherung der aufrichtigsten Hochachtung auf. Xaver, sagte er, ich bedaure dich, dass du einst durch keine Frau glücklich werden sollst; ich halte die häusliche Glückseligkeit für die gröste, ob ich gleich in meines Vaters haus, leider! nie keine Spur davon angetroffen habe. Du sprachst vorhin von deiner lieben Schwester mit so vieler Wärme; du bemerkst alle Vorzüge des weiblichen Geschlechts so genau, weist sie so zu schätzen, und fühlst sie so tief, dass ich bange für dich bin, wenn du einmal ein Mädchen antreffen solltest, welches deiner Schwester ähnlich ist. glaube mir, Siegwart, mir einem fühlenden Herzen in der Welt zu leben, und nicht fühlen zu dürfen, muss der gröste Schmerz sein, der unsichtbar am Leben nagt. Dein Herz ist jedem Eindruck so offen, hängt sich gleich so fest an alles Gute an: und die Liebe, Siegwart, muss was Gutes sein. Warum fühlte sie denn jeder Mensch, auch die Besten auf der Welt? Nimm dich in Acht, mein Lieber! oder wähl lieber einen Stand gar nicht, der dem Herzen so vielen Zwang anlegt! denke einmal, wenn du liebtest, und nicht lieben dürftest! Wenn du sahest, dass ein Mädchen dich allein glücklich machen könnte, und du müsstest, aus ihrer Gegenwart weg, in deine ewige Gefangenschaft und Einsamkeit zurückkehren!

Siegwart. Geh, Kronhelm, du siehst jetzt die Sache von der traurigen Seite an, und vergissest drüber ihre angenehme. Ich hab im Kloster höhere Pflichten zu erfüllen, die mich von der Welt schon abziehen werden. Vor der Liebe ist mir gar nicht bang; ich bekümmere mich zwar wohl um meine Schwester, aber nicht um andre Mädchen. Ich halte auch das häussliche Leben für eine grosse Glückseligkeit, und habe sie in meinem haus recht gesehen, so lang meine selige Mutter lebte; aber deswegen gibts der Glückseligkeiten noch mehr, und jeder Mensch sucht sie auf seinem eignen Weg. – Du sahst vorhin so wehmütig aus, als du von deinem Vater sprachest, hat er denn deine Mutter nicht geliebt?

Kronhelm. Ach, Siegwart, da bringst du mich auf eine traurige Sache, von der ich ungern rede; aber dir kann ich nichts verhehlen; ich weiss, dass du's bei dir behältst. Sieh, mein Valer ist ein Mannes tut mir weh, dass ichs sagen musswie ich nicht sein möchte. Er hat sich in München und im Krieg eine Lebensart angewöhnt, bei der die häusliche Glückseligklit nicht gut bestehen kann. Meine selige Mutter musste ihn in ihrem siebzehenten Jahr heiraten. Sie war ein fräulein aus der Pfalz, wo sie mein Vater, als er mit den Reichstruppen am Rhein stand, kennen lernte. Er hatte sie nur Einmal bei ihrem Vater auf dem Land gesehen, und sich gleich in sie verliebt. Bruder, sagte er zu meinem Grossvater, der auch gern bei der Weinflasche sass, ich muss deine Tochter haben! – Gut, du sollst sie haben; willst sie heute, oder Morgen? antwortete dieser. Und nun war alles richtig. Meine Mutter hatte wenig Vermögen; sie war es überdrüssig, unter dem beständigen Gelärm in ihres Vaters Haus zu leben; denn alle Tage gabs Gesellschaft; sie hofte, meinen Vater, der sehr verliebt in sie war, bald auf den rechten Weg bringen zu können, und ging mit ihm auf seine Güter nach Baiern. Anfangs ging alles recht gut. Mein Vater lebte still und eingezogen, war gern um seine Frau, und legte,