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gar nie ausstehn, ob ich gleich nur wenig von ihm wusste. Aber dein Pater Philipp, und dein Kronhelm sind gar liebe Leute, denen ich recht herzlich gut bin. Sags ihnen nur! Sie dürfens wissen! War das nicht brav gehandelt, dass der Herr von Kronhelm, um den du's eben nicht verdient hattest, gleich von freien Stücken zu dir kam, und dir seine Freundschaft wieder anbot? Ich musste weinen, als ichs las, und ward ihm noch einmal so gut. Ach, es muss ein herrlicher Mensch sein, und der Pater auch. Nimm dich nur in Acht, ich bitte dich lieverscherzest, und dich mit einem andern zu weit einlässtest! denn die Beiden meinens gewiss recht ehrlich mit dir. denke, wie unglücklich du durch Kreutznern hättest werden können! Papa wird dir auch drüber schreiben. Unsre Salome ist seit vier Wochen wieder hier. Ich mag nicht gerne klagen, sonst könnt ich dir gar viel anführen, wie sie mir immer so zuwider ist. Sie sagt, dass sie vom künftigen Herbst an ganz in München bleiben will. Ich habe nichts dawider, denn mit mir und dem Landleben scheint sie sich einmal nicht vertragen zu können; ob ich ihr gleich gewiss nichts wissentlich zu leide tu. Karl will des Amtmanns in Dollingen Tochter heiraten; ich weiss nicht, ob du sie kennst? Sie hat uns einmal, schon vor drei Jahren, besucht. Ich kenne sie nicht genug, um dir meine Meinung über sie sagen zu können. Das weiss ich, dass sie reich und geitzig ist; mich sah sie nicht viel an, als sie neulich hier war; es scheint, ich bin ihr zu munter; denn sie sieht immer sehr verdrüsslich aus, und tut so altklug. Karl daurt mich, wenn er sie kriegt; freilich sieht er auch aufs Geld; aber ich dächte, nach meiner einfältigen Meinung, das wäre zur häuslichen Glückseligkeit noch nicht genug. Wenn ich ein Mann wär, und eine Frau haben wollte, so müsste sie mir fein freundlich sein, und nicht bei jedem heller, den man ausgibt, so ein saures Gesicht machen; doch das geht mich ja nichts an. Papa würde ihms auch missraten, wenn er sich nur einreden liesse. – Weist du schon, dass in Burgau Preussische Officiers liegen, die von der Reichsarmee gefangen worden sind? Es haben uns schon mehrere verschiednemal besucht; aber einer, der mir ausnehmend gefällt, besucht uns besonders oft, und das ist der Hauptmann, Herr von Nortern. Ich sag dir, Bruder, das ist ein herrlicher Mann, gar nicht so, wie man uns die Ketzer sonst beschrieben hat. Er soll reformirt sein, ich glaube aus dem Hessischen; aber das tut nichts; er ist doch ein braver Mann! Er hat ein paar schwarze Augen, wie Perlen, und ein Gesicht, das von der Sonne ganz verbrannt ist, mit ein paar Narben, eine auf der Stirn, und die andre unten am Kinn; und doch sieht er freundlich aus, und hat gar nichts so rauhes an sich, wie man sonst von den Soldaten sagt. Er spricht ganz fremd, und das steht ihm recht gut. Ich hör ihm gar zu gern zu, wenn er vom Krieg erzält, und von seinem König. Um den Krieg muss es eine schröckliche Sache sein, weit fürchterlicher, als wirs uns vorstellten da wir als Kinder mit einander Krieg spielten. Er kann von Wunder nicht genug erzälen, was die armen bauern ausstehn, wo der Krieg ist; und wie's aus dem Wahlplatz und in den Lazareten aussieht! Die Tränen stehen ihm oft selbst dabei in den Augen. Wenn ich König oder Kayser wäre, so würde ich viel auf den Frieden halten. Vom König in Preussen erzält er uns viel Gutes; mehr, als man hier zu Land sagen darf. Am liebsten hör ich ihm zu, wenn er uns von seiner Braut erzält, die weit von hier weg sein soll. Er muss sie recht lieb haben, denn er ist immer so bewegt, wenn er von ihr spricht. Sie soll ausehn, wie ich; aber ich glaube, er sagt nur so; denn er weiss, dass ichs gerne höre. Von Büchern ist er ein grosser Liebhaber. Als er neulich hörte, dass ich gern was schönes lese, brachte er mir gleich darauf drei Bücher mit. Eins heisst: Gellerts Fabeln, es liesst sich gut darin, weil alles so leicht und fasslich ist, und weils der Mann, ders geschrieben hat, recht gut mit einem meint. Das andre Buch ist schon höher geschrieben, und heisst Rabeners Satyren; es sollen mehr Bände sein; in dem, den ich habe, stehen lauter Briefe, die recht lustig zu lesen sind; oft steckt viel dahinter, und die meisten sind so recht natürlich. Das dritte Buch soll weit schwerer zu verstehen sein, aber dafür soll auch desto mehr drinnen stehen; der Herr Hauptmann rühmts gar ungemein, und nennts ein Buch aller Bücher, das ihn besonders im Krieg recht erbaut habe. Es heisst der Messias, und ist in ganz besonderen Versen geschrieben. Ich hab den Mann wieder vergessen, ders geschrieben hat, und noch fortsetzt; er hat einen sonderbaren Namen. Weil das Buch schwer ist, und so schön sein soll, will ich lieber bis gegen den Winter warten, da ich mehr Zeit zum Lesen und