, und das Mitleid siegte. – Nun so steh er auf, in Gottes Namen! sagte der Prior. Diessmal wollen wir noch Nachsicht brauchen; aber wenn man nur noch Einmal das Geringste von ihm hört, dann hat alle Barmherzigkeit ein Ende. Wir wollen unsre Untergebene nicht durch ein schäbiges Schaaf anstecken lassen. Er soll wieder angenommen werden; in einer halben Stunde soll er hören, was wir ihm für eine Busse auflegen, denn ganz ungestraft kann ein solches Verbrechen nicht hingehn. Steh er auf, und bedank er sich hier bei den Herren!
Kreutzner stunde auf, ging von Einem Pater zu dem andern, küsste jedem die Hand, und dankte aufs feurigste, als eben die beiden Famuli herein traten, und zehn bis zwölf Bücher in Franzband unter dem Arm trugen. Das haben wir in Kreutzners Bette gefunden, sagten sie; die Bücher lagen unter dem Kissen, ganz im Stroh versteckt, und diese Oberhemden auch; vermutlich sind sie dem jungen Siegwart, denn es ist ein S drein genäht. – Kreutzner ward auf einmal todtblass. Die Bücher sehen ja aus, wie meine, sagte P. Philipp und schlug die Titel auf; ja wahrhaftig: Die Auszüge aus der allgemeinen Weltgeschichte; der Tuanus, und P. Daniels geschichte von Frankreich. Wie ist er zu diesen Büchern gekommen, Monsieur Kreutzner? Dieser stand, wie versteinert da, und sprach kein Wort.
Nun, nun, wir sehen, was das für ein Wolf in Schafskleidern ist, sagte der Prior. Nicht wahr, feiner Geselle, das hast du gestohlen? Hurtig, Famulus, bringt ihn ins Carcer, bis wir das Weitere mit dem Bösewicht verfügen! Das ist ein Glück, dass wir da noch darhinter gekommen sind! Hätten wir gar einen Hausdieb im Kloster! Ohne Umstände! Fort mit ihm!
Der Bösewicht ward fortgebracht, und nun beratschlagte man sich über seine Strafe. Der einmütige Entschluss war, ihn so lang gefangen zu halten, bis sein Vater Nachricht von ihm hätte, der ihn dann vermutlich ins Zuchtaus, oder unter die Soldaten stekken würde. Nun besprach man sich auch über Siegwart. Weil ihm alle gut waren, und besonders P. Philipp nachdrücklich für ihn sprach, so beschlossen sie, ihm, als einem Neueingetretenen aufs gelindeste zu begegnen, und ihn bloss zu warnen, künftig vorsichtiger zu sein. Man lud ihn nicht einmal vor den Schulkonvent, sondern P. Johann übernahm es, mit ihm auf seinem Zimmer zu sprechen; welches er auch sogleich, und mir der grössten Liebe tat. Siegwart ward dadurch mehr gerührt, als wenn man ihn gestraft hätte, und er bat mit tausend Tränen um Vergebung. über Kreutzners Bosheit konnte er sich nicht genug wundern; denn sein Herz war zu gut als dass er glauben konnte, ein Mensch sei im stand, es so weit zu treiben. Man brachte ihm seine Oberhemden wieder, die er, da er in dergleichen Dingen etwas sorglos war, noch gar nicht vermisst hatte. Bei Tische wagte er es nicht, die Augen aufzuschlagen, und noch weniger den P. Philipp oder Kronhelm anzublicken, die mit innigem Mitleid ihn betrachteten, und in seiner Reue seine ganze Seele lasen. Den Abend brachte er allein auf seinem Zimmer in der tiefsten Wehmut zu; sein Herz machte ihm tausend Vorwürfe, dass er den edlen Pater und seinen lieben Kronhelm durch sein Betragen so beleidigt, und ihrer Freundschaft den Umgang mit einem Bösewicht vorgezogen hatte. Sein Vergehen vergrösserte sich in seinen Augen, und so grossmütig er sich auch die beiden dachte, so konnte er doch nicht glauben, dass sie ihm verzeihen, und ihn wieder ihrer Freundschaft würdigen würden. Er ging trostlos in seinem Zimmer auf und ab, blickte aus dem Fenster und übersah mit kalter Gleichgültigkeit die schöne Donaugegend, die jetzt keine Reize für ihn hatte; dann nahm er seine Violine, phantasirte wild und schwermütig; warf die Geige wieder weg; kurz, sein ganzes Dasein wurde ihm zur Last. Indem klopfte jemand an die Tür, und Kronhelm trat herein. Siegwart erschrack, fuhr zusammen, stunde auf, wollte reden, und konnte nicht.
Xaver, sagte Kronhelm, komm ich dir ungelegen? Sags nur! ich will nachher wieder kommen. Hast du was zu tun?
Siegwart. Nein – – ich – – hab nichts zu tun. – – Setz dich nur! – Ich wusste nicht, dass du kommen würdest. – Es ist hier so unaufgeräumt. – Nimms nicht übel!
Kronhelm. Xaver, du machst ja so viel Umstände! Tu doch nicht so fremd! Wir sind ja gute Freunde, Nicht?
Siegwart. Ja – – wenn du willst –
Kronhelm. Wenn ich will? Lieber Stegwart! Sieh mich an! Guter Junge; ich weiss, wie dir ist. Lass uns vergessen, was vergangen ist! Komm, küss mich einmal! Gott weiss, ich bin dir herzlich gut. Komm, Xaver! (Sie umarmten sich.) Du lieber guter Xaver! – Wir haben uns schon so lang nicht gesprochen. Bist doch recht vergnügt? Nicht wahr, kannst mich doch noch leiden?
Siegwart. Weiss Gott, ich kanns nicht aushalten, Kronhelm – Geh! Ich bins nicht wert; lass mich weinen! – – Wie hätt ich das denken können, dass du zu mir kommen würdest? Und so freundlich? Weiss Gott, du bist ein Engel! Bist kein Mensch! Alle