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er ihm, und sagte: sieh, das sind wieder Geschenke eines armen Vaters, um Gnade für den Sohn zu erbetteln. Kreutzner hatte eben Geld von Haus bekommen und da zalte er Siegwarten einen teil seiner Schuld wieder ab; also fiel auch der Verdacht von Eigennutz auf Kreutzners Seite weg.

Diess alles, und noch zwanzig andre Nebenumstände zusammen genommen, machte Siegwarts Herz gegen P. Philipp und Kronhelm ziemlich lau; er besuchte sie seltener, und tat immer sehr zurückhaltend. Die beiden, die das merkten, entzogen ihm auch in etwas ihr Vertrauen, und so waren sie in kurzer Zeit fast wie getrennt. Sie bedauerten den leichtgläubigen und unvorsichtigen Jüngling in der Stille, und wünschten nur, dass sein Irrtum nicht von langer Dauer sein, und sich ihm nicht zu seinem Schaden aufklären möge! Aufdringen mochten sie sich ihm nicht.

Der Umgang mit Kreutznern machte nach und nach unsern Siegwart in manchen Stücken leichtsinniger, eh er es selber an sich wahrnahm. Sie machten sich oft mit einander über ihre Lehrer und Mitschüler lustig, und liessen das Studieren ziemlich liegen. Sie ersannen tausend Ausreden bei ihrem Vorgesetzten, um nur recht oft ausgehen zu können. Dann gingen sie nach einem Gastof vor der Stadt, wo noch andre junge Leute waren; spielten da Kegel, und betranken sich ein paarmal. Kreutzner wollte Xavern so gar einmal überreden, sich mit ihm bei Nacht aus dem Kloster zu schleichen; aber so weit war er doch noch nicht verdorben, dass er in einen solchen Vorschlag mit eingewilligt hätte. Als einmal beide Geldmangel hatten, verkauften sie drei oder vier von ihren besten Büchern. Kronhelm, der diess alles mitleidig mit ansah, schrieb einmal, ohne seinen Namen zu nennen, mit verstellten Zügen einen Brief an Siegwart, worinn er ihn sehr rührend vor Kreutznern warnte. Aber diess half nichts. Siegwart liess den Brief Kreutznern selber lesen; sie spotteten darüber, und verbrannten ihn. Kronhelm gewann auch weiter nichts damit, als dass ihn Kreutzner nur noch mehr hasste, weil er ihn sogleich für den Urheber des briefes hielt.

Eines Abends kam Kreutzner nach haus, und sagte: Xaver, diese Nacht muss ich hinaus! Ich habe einen Bekannten in der Stadt, der ist krank, und ich hab ihm versprochen, diese Nacht bei ihm zu wachen. Einen Liebesdienst, wie diesen, kann ich keinem abschlagen. Du darfst unbesorgt sein, dass es auskommen möchte; ich hab schon mit dem Torwart gesprochen, dass er mich um ein paar Maas Bier morgen früh in aller Stille wieder hereinlässt. Xaver wagte nicht, etwas dawider einzuwenden, weil der Bösewicht einen Liebesdienst zum Vorwand nahm. Kreutzner schlich sich indessen hinaus, brachte die Nacht bei liederlichen Leuten zu, und kam Morgens wieder. Dieses trieb er noch bei acht Tagen so, weil er immer sagte, sein Freund liege noch krank; bis es endlich ein paar Paters merkten, und dem Prior anzeigten. Man suchte die Nacht darauf Kreutzners kammer durch, und fand unsern Siegwart allein da, der sogleich alles gestand, und sich deswegen, dass er es nicht, seiner Schuldigkeit gemäss, angezeigt habe, damit entschuldigte, dass sein Stubenkamerad sich in einer guten Absicht aus dem Kloster weggestohlen habe. Er brachte die ganze Nacht schlaflos und voller Angst zu, was ihm den folgenden Tag begegnen werde?

Kreutznern passte man indess am Morgen auf, und brachte ihn, bei seiner Ankunft, gleich aufs Carcer. Anfangs legte er sich aufs Lügen, als er verhört wurde, und wollte die Schuld halb auf Siegwart schieben; aber bei einer genauern Untersuchung, und als man ihm mit einer noch engern Gefangenschaft drohte, gestand er ein, wo er gewesen sei, und was er da gemacht habe? Seine Vergehen waren so, dass er, nach den Schulgesetzen, verstossen werden musste. Die Strafe ward ihm auch angekündigt, und ein paar Famuli wurden so gleich hingeschickt, seine Sachen auf dem Zimmer einzupacken und wegzubringen. Indessen legte sich der Heuchler aufs Bitten, und suchte alle mögliche Kunstgriffe hervor, seine Lehrer zum Mitleiden zu bewegen. Er warf sich vor ihnen auf die Knie nieder, weinte bitterlich, und sagte, er könne nicht eher aufstehen, als bis er wieder angenommen werde. Auf ihren Ausspruch komme es an, oh er sein Leben durch glücklich, oder elend sein solle? Er sehe nichts vor sich, wenn man ihn verstosse, als ein Leben voller Jammer, denn er müsse notwendig Soldat werden. Seine älteren seien arm, und können sich seiner auf keine Art annehmen. Dabei sei sein Vater so streng, dass er ihm nicht unter die Augen treten dürfe. Er würde die tür vor ihm zuschliessen, und ihn seinem Unglück überlassen. – Ob man einen armen reuigen Menschen ganz ins Elend stürzen wolle? Sein Vergehen sei ihm in der Seele leid; er wisse es auf keine Art zu entschuldigen, aber ob denn Gott nicht einen Sünder, welcher Busse tue, wieder annehme? Ob sie nicht die Güte Gottes nachahmen wollen u.s.w.? Er verspreche künftig den genauesten Gehorsam, und man werde sehen, wie er seinen groben Fehler durch ein tugendhaftes Leben wieder gut zu machen suchen werde? Fangen Sie alles mit mir an! sagte er, ich will alles mit Geduld und Gelassenheit ertragen! Nur verflossen Sie mich nicht! und entreissen Sie mich der Verzweiflung und dem Untergang!

Die Paters sahen einander an; Tränen stunden ihnen in den Augen