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Menschheit, und ihren Urhebern Ehre machen. Besonders waren Cimon, Epaminondas, Conon, Leonidas, Aristides, Phocion, Timoleon und andre Edle seine Leute. Er liebte, und bewunderte die grossen Seelen, die sich und ihren eignen Vorteil dem allgemeinen Besten aufopferten. Bei ihrer heissen Vaterlandsliebe glühte seine Seele, und stärkte sich zu ähnlichen Gesinnungen und Taten. Bei ihrer stillen Tugend, bei ihrer menschlichen Zärtlichkeit flossen seine Tränen; aber alle, die nur Helden, oder Menschenwürger, und Unterdrücker eines freigebohrnen Volkes waren, hasste und verabscheute er. So die Schriftsteller zu lesen, und sich durch die geschichte menschlicher zu bilden, hatte ihn P. Philipp gelehrt, dem kein Zug im Charakter eines Menschen entging, der das Herz erhöhen und veredeln konnte. Die Religion ward ihm von P. Johann auch vernünftiger und einwürkender beigebracht, als gewöhnlich. Da der brave Mann, bei seinen vielen Unglücksfällen, und bei seinem schwachen Körper aus der Erfahrung gelernt hatte, wie wenig Streitigkeiten, und künstliche Bestimmungen und Einschränkungen von Dingen, die uns unerklärlich sind, und oft sein sollen, zur Beruhigung des Herzens und zum Trost im Elend beitragen, so flösste er seinen Schülern nur den Geist und Saft der Religion ein, das heisst: die Lehren Jesu und seiner Apostel, die alle, sowohl für unser eigen Herz, als auch für andre Menschen wohltätig sind, und deren Kentnis und Ausübung uns allein in der letzten Stunde trösten kann. Er suchte seine Schüler durch die Religion mehr zu weisen und tugendhaften Menschen, als zu grossen Gelehrten zu bilden. Auch in der Geographie und Messkunst sah sich unser Siegwart um, und sass oft die halbe Nacht durch bei den Büchern, so, dass er sich in kurzer Zeit nicht gemeine Kenntnisse erwarb. Nur in P. Hyacints Stunden ging er ungern, weil dieser mürrische Mann, mit der polternden stimme, nur aufs Phrasesmachen drang, und immer mit aufgehobnem Stock vor den Schülern stand.

Da es uns bei Siegwart mehr um die geschichte seines Herzens, als seines Verstandes, und seiner gelehrten Kenntnisse zu tun ist, so werden wir von dem letzteren wenig, und nur da reden, wo es würklichen Einfluss auf seine künftigen Schicksale, oder auf seinen Charakter hatte. Also kehren wir in den Anfang seines Aufentaltes bei den Piaristen zurück.

Nach dem Examen wurden ihm die gesetz, sowohl der Schule überhaupt, als auch besonders seiner Klasse vorgelesen, und er musste dem P. Johann mit einem Handgelübd versprechen, sie getreulich zu beobachten. Unter andern war durch ein Gesetz verboten, auf dem Schulgebäude, und auch ausserhalb demselben Taback zu rauchen, oder um Geld zu spielen. Er erschrack, als er dieses lesen hörte, weil ihm sogleich der gestrige Tag einfiel. Den Abend drauf wollte Kreutzner wieder spielen. Er schlugs ihm rund ab, und schützte das Verbot vor, das ihm erst heute, in seiner Gegenwart, vorgelesen worden sei. Kreutzner lachte, gab ihm Einfalt schuld, und sagte: Wer sich darnach richten wollte, müsste ein Mucker werden; es sei nie darauf gehalten worden; man verbiet es nur zum Schein, u.s.w. Dies alles half bei Siegwart nichts; er hielt ein Gelübbe, das eine Art von Eid ist, für zu heilig, und fing an, von Kreutznern schlimmer zu denken. Als es dieser merkte, suchte er wieder einzulenken, und hinterging Xavern durch eine angenommene Gewissenhaftigkeit und Scheinheiligkeit aufs neue. Er warf die Karten beim nächsten Spatziergang in die Donau, betete alle Abend und Morgen laut, sprach viel von Religion, und gewann dadurch Siegwarts ganze Seele wieder, so, dass man diesen fast allein in seiner Gesellschaft sah. Selbst den P. Philipp besuchte er weniger.

Eines Tages kam Kreutzner traurig heim, und stellte sich, als ob er oft verstohlen weinte; aber doch so, dass es Siegwart sehen musste. Dieser fragte endlich, was ihm fehle? Ach, antwortete er, da hab ich eine Familie gefunden die mit der kümmerlichsten Armut ringt. Es sind sechs unerwachsne Kinder, und eine halbkranke witwe. Denen hätt' ich nun so gern geholfen, und leider! hab ich jetzt nichts; denn mein Geld von haus kommt erst über vierzehn Tage. Siegwart, dessen Seele leicht gerührt, und mitleidig war, gab ihm ein paar Gulden, und bat ihn, sie der leidenden Familie zu bringen. Kreutzner dankte ihm mit heuchlerischen Tränen, lobte sein menschliches Herz, und verschleuderte das Geld an Leckereien. So ward der edelmütige Jüngling durch die Mine der Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit hintergangen; eine Schlinge, welche guten Seelen so oft von Bösewichtern gelegt wird. Seine Seele bekam dadurch immer mehr Zuneigung zu Kreutznern, und machte ihn zu ihrem Vertrauten. Er erzälte ihm alles von seiner Familie, liess ihn seine Briefe lesen, und Kreutzner schrieb an seine Schwester einen Brief voller Schmeicheleien. Sie antwortete ihm kalt, und schrieb ihrem Bruder folgendes:

Liebster Bruder!

Liess diesen Brief allein, und lass ihn niemand sehen! Du wirst mir glauben, dass dein Wohlbefinden mich im innersten erfreut. Auch ist mir es lieb, dass du gute Freunde gefunden hast. Nach dem, was du mir vom Herrn Kreutzner schreibst, muss er freilich wohl ein guter Mensch sein; aber verzeih mir, Bruder, wann ich sage: sein Brief gefällt mir gar nicht. Er sagt mir so viel vor, dass ich schön und artig sei; und da möchte ich