Unterhaltung ungezwungen, und munter. Die Lehrer nahmen nicht den stolzen Ton an, wodurch man sich mehr von den Schülern entfernt, als ihre Liebe und ihr Zutrauen sich erwirbt; welches doch der einzige Weg zum Herzen ist. Jeder durfte frei sprechen, ohne dass dadurch die, den Lehrern schuldige Hochachtung beleidigt wurde. Nur einer von den Lehrern, P. Hyacint, schien stolz und auffahrend zu sein; er widersprach nicht nur den Schülern, sondern auch den Professoren, und tat immer entscheidende Aussprüche.
Ein paarmal fragte er unsern Siegwart etwas in so rauhem Ton, dass dieser ganz erschrocken zurückfuhr, und verwirrt antwortete; aber P. Philipp übernahm die Antwort, und half ihm aus der Verlegenheit. Die meisten Schüler waren bescheiden und gesittet. Ein junger Edelmann von 18 Jahren, Namens Kronhelm, der am P. Philipp sass, zog Siegwarts Aufmerksamkeit besonders auf sich. Er hatte sanftte blaue Augen, hellblondes Haar, und etwas schwermütiges in der Mine, das aber von der inneren Seelenruhe, wie mit einem Schleier, überdeckt war. Seine und Siegwarts Blicke begegneten sich ein paarmal, fuhren schnell zurück, wie der blick eines Liebenden, und suchten sich unvermerkt wieder auf. Beide Jünglinge schienen sich in der Seele zu lesen; jeder glaubte, den andern lange schon zu kennen; und stillschweigend fassten sie, in der ersten Stunde, ein Zutrauen zu einander, das nachher so sehr befestigt wurde.
Nach dem Essen wurden in den verschiednen Klassen Stunden gehalten. Siegwart ging mit Kreutznern in seine Klasse, wo, nach der Klostereinrichtung, der Syntax gelehrt wurde. Der Unterricht des Lehrers, der mit Ernst und Liebe vermischt war, nahm unsern Siegwart sehr ein. Die Piaristen haben überhaupt in der katolischen Kirche das gröste Verdienst um die Erziehung; weil sie sich fast mit nichts, als mit ihr, zu beschäftigen haben, und daher alle, dazu nötigen Kenntnisse sich erwerben können; da hingegen die Jesuiten tausend andre, oft sehr tadelnswehrte Zwecke zu erreichen suchen. Den Abend musste Siegwart, wider seine Neigung, mit Kreutznern auf einem Spatziergang zubringen; denn er wäre lieber beim P. Philipp, oder bei dem jungen Kronhelm gewesen.
Kreutzner tat über die massen freundlich; lächelte beständig, wenn er sprach; drückte Siegwarten oft die Hand, und gewann dadurch den unerfahrnen, noch zu leichtgläubigen Jüngling. Beim Essen erzälte Xaver, wo er gewesen sei? Was er gesehen, und wie die Gegend ihm gefallen habe? Die Piaristen schienen sehr mit ihm zufrieden zu sein, und sprachen viel mit ihm. Als er nach Tisch mit Kreutznern auf sein Zimmer kam, zog dieser hinter dem Bücherschrank ein paar Pfeiffen hervor, und wollte Xavern überreden, auch mit zu rauchen. Er verbat es aber, teils, weil er das Rauchen nicht gewohnt war; teils, weil er es – mit Recht – auf der Schule für verboten hielt. Kreutzner wunderte sich drüber, und sagte, dass er mit seinem vorigen Stubenkammeraden alle Abende geraucht habe. Hierauf kriegte er ein Kartenspiel, das er unter eine losgegangne Diehle versteckt hatte; und Xaver musste, ob er sich gleich anfangs weigerte, mitspielen. Er war zu gefällig, und widersprach nicht gerne. Man müsse doch was zu tun haben, sagte Kreutzner, und könne nicht stets studieren; die Professoren machten auch wohl ein Spielchen; es sei bloss zum Zeitvertreib; sie wollten daher nur eine Kleinigkeit einsetzen, u.s.w. Dem ungeachtet verlohr Xaver über einen halben Gulden; denn er spielte ehrlich, und Kreutzner betrog, wo er konnte. Den andern Tag hatte Siegwart noch frei, und richtete seine Sachen ein. P. Philipp liess ihn Abends auf sein Zimmer kommen, und sprach viel mit ihm. Sein freies, muntres Wesen und seine Herablassung nahm ihn sehr ein. Er erzälte, mit der grössten Anmut, allerlei Anekdoten aus der geschichte, die seine Lieblingswissenschaft war; mischte rührende Bemerkungen mit ein, die von seinem edlen Herzen zeugten, und wiess viele artige Landschaften vor, die er selbst mit Tusch gezeichnet hatte. Xaver ging sehr vergnügt weg, nachdem er vorher, zu seiner grössten Freude, hatte versprechen müssen, ihn öfters Abends zu besuchen, oder einen Spatziergang mit ihm zu machen. Er musste wieder mit Kreutznern spielen, und verlohr diesmal einen Gulden.
Den folgenden Tag wurde er von den vier obersten Professoren, unter denen P. Philipp auch war, examinirt. Sie waren mit seiner Herzhaftigkeit, und seinen treffenden Antworten, die von seinem gesunden verstand zeugten, sehr zufrieden, und beschlossen einmütig, ihn in die dritte Klasse zu setzen, wo der Syntax, oder die gründliche Erlernung des Lateinischen hauptsächlich getrieben wird. Siegwart, dem es weder an den gehörigen grundsätzen, noch an Eifer und Verstand fehlte, schickte sich sehr bald in die Ordnung, und erhielt den Beifall seiner Lehrer völlig; denn sie waren vernünftig und sahen, dass es ihm ernstlich angelegen sei, ihnen durch Folgsamkeit zu gefallen, und sich selbst durch gründliche Einsichten zu vervollkommen. Er faste das mechanische der Lateinischen Sprache bald; aber doch war ihm mehr am Kern, als an der blossen Schaale gelegen. Er sah bei den Stellen, die aus Römischen Geschichtschreibern, besonders aus dem Nepos genommen waren, und in der Schule erklärt, und übersetzt wurden, immer auf den Innhalt. Auf der stube las er die erklärten Stücke wieder durch, und verweilte sich oft Stundenlang bei edlen Handlungen, die der