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Auch den dunkeln Tannenhain am Kloster sah er, und erinnerte sich nun aller Auftritte wieder, die er da gehabt hatte, besonders seines lieben P. Antons. Seine Seele weidete sich nun aufs neu an dem Gedanken ans Klosterleben, das ihm wieder doppelt reizend vorkam; ein so tätiges und lebhaftes Gemüt, wie Xavers seines, schmückt jeden Gedanken mit den hellsten Farben; es verweilt am liebsten bei feierlichen und Romanhaften Ideen, die die meiste Neuheit haben; und die Einsiedelei des Klosters führt gewiss viel romanhaftes mit sich. Er ward nun wieder heitrer, und bewunderte die schöne weite Ebne, die sich vor ihm ausbreitete. Aecker, Wiesen, Dörfer und Wälder wechselten auf die angenehmste Art mit einander ab. Die Sonne warf verschiedene Schattirungen darauf, und gab der Aussicht noch mehr Mannigfaltigkeit. Vor sich sah er in der tiefsten Ferne die ehrwürdigen Tyroler Schneegebirge liegen, die eine Art von Kette um die Gegend zogen. Ihre eine Seite war vom Sonnenstral beglänzt, und blendete, wenn das Auge lange dran verweilte; die andre lag im tiefen dunkelblauen Schatten. Seine Phantasie bildete sich aus den Bergen ganz verschiedene Gestalten von Riesen, Drachen, Schiffen und dergleichen, die sich, wenn er sie lange ansah, endlich zu bewegen schienen. So vergass er nach und nach sein ganzes jetziges verhältnis, Gegenwart und Zukunft. Er fuhr eine Stunde lang so fort, bis ein Hirte, der die Kühe nach der Weide trieb, seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Der alte Mann, der nur halb mit Lumpen bedeckt war, sang mit frohem Herzen und klarer stimme sein Morgenlied, dass Busch und Hain wiederklangen. Diese zufriedne Andacht rührte unsern Siegwart im Innersten; er winkte dem Hirten, gab ihm ein Sechskreutzerstück, und Tränen schossen ihm in die Augen, als der Alte ihm so herzlich dankte, und drauf sein Morgenlied wieder fort sang. Eine Viertelstunde drauf hörte er einen Gesang von ganz andrer Art, als er an zehen oder zwölf halb besoffenen Rekruten vorbeikam, die von vier kaiserlichen Werbern nach dem Werbplatz gebracht wurden, und die liederlichsten Zoten sangen. Die Kerls riefen ihm Schimpfwörter nach, und schrien dann wieder: Vivat Franciscus! Vivat Teresia! Nur Einer von den Rekruten rührte ihn, der traurig hintennach schlich. Er war gut gekleidet, hatte ein sittsames, feines Gesicht, das mit düstrer Schwermut überzogen war. Allem Anschein nach war er von guten Eltern, und durchs Unglück genötigt worden, Dienste anzunehmen. Er zog vor Xavern freundlich den Hut ab, der ihm, so lange er konnte, nachsah.

Nach einer Stunde hielt der Wagen in einem dorf, wo die Pferde gefüttert wurden. Xaver ging in die Wirtsstube, wo der Wirt, ein dicker Mann, und Schulz im dorf, mit zwei bauern heftig stritt. Der Streit war über das Wildschiessen, und bei gelegenheit einer Erzählung angegangen, dass den Tag vorher zwei Wilddiebe von den fürstlichen Jägern wären aufgehoben worden. – Denen wird was schönes zubereitet werden, sagte der Wirt. Wenn's mir nachginge, müssten all auf Hirsche geschmiedet werden; aber unser Fürst ist viel zu gnädig; der lässt ihnen höchstens noch den Daumen und den grossen Zehen lähmen.

Gerg. So, beim Teufel! Ihr seid mir der rechte! Ja wohl, auf Hirsche schmieden! 's ist meiner Seel, schon zu viel, dass man den armen Leuten so was tut! Man sollt jeden schiessen lassen, was und wie er will! Unser Herr Gott hat das wild erschaffen, und 's lauft für den Einen rum, wie für den andern. Nicht so, Vetter Michel? Was hältst du davon?

Michel. Ich weiss dir selbst nicht, was ich sagen soll? Wenn ich Fürst wäre, liess ich freilich jeden schiessen; denn ich wüste nicht, warum ich Gottes Gab allein haben sollte? Aber mit den Fürsten ist es so eine sache. Man darf's Maul nicht auftun.

Gerg. Freilich, Michel! Aber Recht ist doch Recht! Vater Adam durfte schiessen, was er wollte, weils ihm Gott erlaubt hatte! Und da denke ich, wir sind seine Kinder, und wir dürfens auch. denke dir einmal, wenn's dem Fürsten einfallen wollte, dass das wasser auch für ihn allein geschaffen sei? Was dir da herauskommen würde? Gelt, d' Mäus dürfen wir wohl todtschlagen, weils der Fürst nicht brauchen kann! Man möchte ein Narr werden, wenn man sich so hudeln lassen muss!

Wirt. Gerg, brauch Respekt, sag ich! Oder 's geht nicht gut. Sapperment! weist du nicht, wen du vor dir hast? Bin ich nicht des Fürsten Schulz?

Gerg. Nu ja, Herr Wirt; man kann ja wohl im Unwill ein Wort zu viel sagen; wer wirds auch gleich so genau nehmen? Seht, ihr habt da auch ein harts Wort geredt, dass man all auf Hirsche schmieden soll. Ich bin kein Wilddieb, hab nicht einmal eine Flint zu Haus; aber's tut einem eben weh, wenn man so sein schönes Korn aufm Acker stehen hat, und der liebe Gott hats vor Wetterschlag behütet, und man denkt, man darfs nun schneiden und heimführen; wenn da so ein Rudel Hirsche kommt, und frisst alles weg, oder d'Schwein wühlen einem alles um. Meiner Seel'! 's Herz im Leib weint einem, wenn ein armer Mann auf den Acker