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wurde noch einmal feierlich erneuert. Anfangs wollte er gar nicht zu Bette gehen, um nur seine Terese recht zu geniessen; aber der Vater widerriet's, weil er Ruhe nötig habe. Der alte Siegwart hätte seinen Sohn gern begleitet, aber unaufschiebliche Geschäfte, und weil der andre Tag ein Gerichtstag war, hielten ihn zurück. Sie blieben bis um elf Uhr auf. Xaver bat seine Schwester, morgen früh liegen zu bleiben. Aber sie tat ganz böse, dass er ihr so etwas zumuten wollte. Wie könnt ich das verantworten, sagte sie, wenn ich nicht von meinem liebsten Bruder Abschied nähme? Wer weiss, setzte sie mit Tränen in den Augen hinzu, wann wir uns wiedersehen? Nein, Bruder das ginge mir mein Lebtag nach! Fodre so was nicht von mir!

Sie gingen zu Bette. Um vier Uhr, als der Himmel schon ganz rot war, und der Morgenstern noch allein da stand, wurde Xaver vom Bedienten geweckt. Er zog sich hurtig an, und war ungewöhnlich traurig. Terese kam in ihrem weissen Negligee, mit blassen Wangen und verweinten Augen zu ihm, sie fiel ihm um den Hals und küsste ihn; sprechen konnte sie nur wenig. Lieber Bruder, vergiss mich nicht! war alles, was sie sagte.

Der Vater liess ihn noch allein aufs Zimmer kommen, sprach liebreich und beweglich mit ihm. Mache, dass ich Freud an dir erlebe! sagte er, und werde ein frommer Mann! Unsre Familie hat von jeher den Ruhm gehabt, dass wir's treu mit Gott und Menschen meinen. Verscherz du diesen Ruhm nicht! Er ist das beste Kleinod, das ich dir mitgeben kann; alles andre ist nur Tand und Puppenwerk. Hier hast du noch was zum Andenken. Wends gut an! – Es war ein Beutel mit ungefähr zwölf Conventionstalern, und ein paar DukatenIch will für dich sorgen, so lange ich kann. Aber verlass dich nicht zu sehr darauf! Wir Menschen sind sterblich, und wer weiss, wie lange ich noch lebe? – Hier brach Xavern ganz das HerzJa, mein Sohn, man muss sich auf alles gefasst machen. Lerne du was rechts, damit du nicht zu sehr von Menschen und ihrer Gnad abhängen darfst! Gott segne dich, mein Sohn, und erhöre meine heissen Wünsche! – Hier konnte er sich nicht länger halten; er fiel seinem Sohn um den Hals, drückte ihn fest an sich, küsste ihn mit der grössten Heftigkeit, und weinte. Seine heissen Tränen rollten über Xavers Wangen mit den seinigen. Dies war das zweitemal in seinem Leben, dass ihn Xaver weinen sah; das erstemal weinte er, als seine Frau starb. Xaver sah vor lauter Tränen nichts; er schluchzte laut, und sein Herz wollte fast zerspringen. Der Vater ermannte sich wieder, und machte dem traurigen Auftritt selbst ein Ende, indem er seinen Sohn ins Wohnzimmer führte, wo Terese und Karl waren. Wilhelm war nicht aus dem Schlaf zu bringen.

Terese hatte Kaffee gemacht, und schenkte ihrem Bruder ein. Tränen, die ihr unaufhörlich aus den Augen stürzten, liessen sie nicht reden. Er war stumm, und wie betäubt. Karl wollte auch traurig sein aber man sahs ihm wohl an, dass es Zwang war. Der alte Siegwart stand bewegt am Fenster, und sah die Pferde an den Wagen spannen. Terese setzte sich zu ihrem Bruder, sah ihn schmachtend an, und neue Tränen schossen ihr ins Auge. Sie legte seine Hand in die ihrige, und drückte sie. Xaver sah sie an, dann den Vater, dann den Bruder; suchte seinen Schmerz zu unterdrücken, und auf einmal brach er wieder mit einem lauten Seufzer aus. Xaver, sagte endlich der Vater, wenn du fertig bist, die Pferde sind angespannt. Diese Worte waren ihm ein Donnerschlag; er stand auf, suchte seinen Hut und Stock, ohn ein Wort zu sprechen, hielt den Hut halb vors Gesicht, und stand so, mitten in der stube. Terese, die's nicht länger aushalten konnte, ging vors Zimmer hinaus, um da auf den Bruder zu warten. – Nun, mein Sohn, sagte der Vater, viel Umstände wollen wir nicht machen; das Herz ist dir doch so schwer. Du weist, was ich dir vorhin gesagt habe, behalt's fein im Herzen! lebe wohl! Gott segne dich! Er umarmte ihn, und ging dann weg, um seine Tränen zu verbergen. Von Karln war der Abschied ziemlich frostig und kurz. Als Xaver vor die tür trat, fiel ihm Terese um den Hals, und rief: Tausendmal tausendmal lebe wohl, mein lieber, lieber Xaver! Unser Herr Gott erhalte dich gesund! Diess war alles, was sie sagen konnte. Er ging schweigend voran an den Kutschenschlag; sah noch einmal zu seinem Vater, der im Fenster lag, und ihm noch ein Lebwohl zurief. Teresen reichte er noch die Hand aus der Kutsche, und nun fuhr er weg.

Schon eine halbe Stunde war er auf dem freien feld, von der schönsten Dämmerung beglänzt, gefahren, ohne was davon zu fühlen. Endlich weckte ihn die Sonne, die ganz wolkenlos, und golden aufging, aus der Betäubung. Er stunde auf, um noch einmal die Turmspitze seines Dorfs zu sehen, und da fiel ihm Linkerhand das Kapuzinerkloster in die Augen, dessen blecherne Zinnen die Sonnenstralen zurückwarfen.