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dürfte wohl mehr bei uns pflanzen, weil's ein kostbar Essen ist, und einem recht aushilft, wenn Gott einen Miswachs beim Getraide schickt. Ich hab auch meinen Leuten schon viel gegeben, und sie pflanzen's häufig. Die armen Leute könnten manches besser einrichten, wenn mans ihnen nur sagte, und sie mit Rat unterstützen wollte.

Xaver. Ja, so machts der Pater Anton, der lehrt die bauern allerlei Handgriffe beim Ackerbau.

Pfarrer. Brav! brav! Gott segn' ihn dafür! Ich sag immer, man muss für den Leib, wie für die Seele sorgen, wenn man ein rechtschaffner Pfarrer sein will; denn was ist die Seel' ohne den Leib? – Mit den Cichorien hier will ich eine probe machen. Man rühmt so viel davon, dass sie einen herrlichen und gesunden Trank geben. Wenn das ist, so brauchen wir nicht so viel Geld ausser Lands zu schicken, zumal da der gewöhnliche Kaffee für uns gar nicht gesund ist. – Da seht einmal den herrlichen Apfelbaum! Sieht er nicht aus, wie das liebe Morgenrot? Mein Gott! Die Augen vergehen einem, wenn man ihn lange ansieht. Und wie süss er duftet! – – Da leben nun von Einem Baum tausend Würmchen, Käfer, und Bienen, die sich ihres Daseins freuen, und im Duft herumtaumeln; und hintennach haben wir den vollen Segen davon einzuerndten. Hier im Baumgarten hab ich nun mein rechtes Leben; da gibts immer was zu tun; Raupen abzunehmen, nach der Wurzel und dem Stamm zu sehen, dass er nicht brandig wird; Zweige einzuimpfen, und im Herbste säg ich die verdorrten, oder überflüssigen Aeste ab, um den andern Luft zu machen. Da verschaff ich mir Bewegung, und erhalte mich gesund. So kann man sich das Landleben angenehm und unterhaltend machen, dass man sich nie nach der Stadt sehnt. Jungfer Terese weis das wohl.

Terese. Ja, Herr Pfarrer, das ist wahr; in der Stadt möchte ich auch nicht leben. O Sie hätten gestern unsern Garten sehen sollen, wenn's noch Zeit gewesen wäre! Da blüht alles auch so voll. Der Apfelbaum an des Papa Zimmer ist besonders schön. Man glaubt, er sei überschneit, so weiss ist er. Und der Zuckerbirnbaum; schöners kann man gar nicht sehen ... Ei, da kommt ja ein Baurenmädchen hergewackelt! Was das Kind für schöne blaue Augen hat; und so ein offenes Gesicht!

Pfarrer. Das ist meines Nachbars Mariekchen; da hab ich so meine Freude mit, und spiele manchesmal mit ihr. Ich kann mir nichts liebers denken, als so ein kleines unschuldiges geschöpf, wenn's so eben zu sprechen anfängt. Alles ist so natürlich, und so unverdorben! – – Komm, Mariekchen! Küss das Händchen von der Jungfer, da! Darfst dir nicht fürchten; Sie hat die Kinder auch lieb. Komm! verneig dich schön! – So!

Und nun nahm der liebe Mann das Kind auf den Arm; küsste und herzte es, brach ihm Blumen aus dem Gras ab; nahm sein Händchen in den Mund; das andre war um seinen Hals geschlungen. Hielts Teresen und Xavern hin, dass sie's küssen sollten; liess es laufen, und aus Scherz halb fallen; dann schenkt' er ihm einen Kreuzer, als es gehen wollte, und führte es bis an die tür. Xaver und Terese lächelten einander zu, und freuten sich über die schöne Herablassung des ehrlichen Alten, und als er von der Gartentüre wieder zurückkam, sagte

Terese. Es ist Jammerschade, Herr Pfarrer, dass sie nicht auch Kinder haben! Sie würden durch ihre Liebe lauter Engel aus ihnen machen.

Pfarrer. Das ist lang mein Kummer gewesen, Jungfer Tereschen! Aber, lieber Gott, wir dürfen ja keine Kinder haben. Uns armen Leuten hats die Kirche ja verboten. Es ist freilich hart; aber in die Ordnung muss man sich nun einmal schicken. Ich tröste mich mit meinen Untergebenen, dass ich die durch Lieb und Treue zu meinen Kindern mache. Wer weis, obs mein Glück gewesen wäre, wenn ich eigne Kinder hätte? Man ist oft auch sehr unglücklich mit. Ha, ha! da bringt meine Susanne Milch!

Wollen wir nun in die Laube gehen, und sie dort essen?

Sie gingen mit einander hin. Terese rieb den Zukker und das Brod, und streute es über den Milchrahm her. Sie assen so vergnügt, wie eine Familie der Erzväter. Terese sass in ihrem Sonnenhütchen da, und würzte die Kost durch ihre Freundlichkeit und den heitern Scherz. Der alte Prediger war so munter, wie ein Jüngling. Xavers Seele war voll Ruhe und voll süsser Wehmut. Niemand hatte die glückliche Gabe mehr, wie Terese, sich in einen jeden Charakter zu schmiegen, und seine Aufmerksamkeit zu erhalten, ohne eitel zu sein, oder ihre Grundsätze zu verleugnen. Sie war frölich bei den Frölichen; heiter bei den Heitern; ernst und aufmerksam bei gesetztern oder ältern Leuten, und erhielt dadurch die Zuneigung aller. Es war ein angenehmes Schauspiel, mit welcher Kentnis und mit welchem ganzen herzlichen Anteil sie sich mit dem Prediger von lauter Dingen unterhielt, die Ihm wichtig waren, wie sie sich nach seinen Pfarrkindern, nach seinen Verwandten, nach seinem Zehenten, und besonders nach der Einrichtung seines Obst- und Wurzgartens erkundigte; mit welcher Lehrbegierde sie ihn hörte;