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, gehen wir doch zu meinem lieben Prediger? – – Recht gerne, Schwester, wir müssen doch die kurze Zeit, die wir noch beisammen sind, recht nutzen.

Nun gingen sie zu Tische. Es wurde viel von Xavers künftigen Einrichtungen auf der Schule gesprochen, denn Terese hatte, noch vor dem Essen, ihrem Vater gesagt dass sie im Wesentlichen nichts bei ihrem Bruder ausgerichtet habe, und dass er sich den Entschluss, ein Geistlicher zu werden, nicht benehmen lasse. Nach dem Essen, sagte sie, wollen wir, wenn Sies erlauben, nach Windenheim zu dem Pfarrer gehen, dem wirs gestern versprochen haben, vielleicht kommt dem Bruder das Amt eines Weltgeistlichen eben so angenehm und reizend vor, als das Mönchsleben; es wäre für ihn doch immer besser, wenn er jenes dem andern vorzöge. – – Als man abgegessen hatte, besorgte Terese noch einige häusliche Geschäfte, und ging um 3 Uhr mit ihrem Bruder nach Windenheim. Auf dem Wege dahin freuten sie sich der schönen Gegend, und der blühenden Jahrszeit; sie riefen tausend angenehme Auftritte aus den Jahren ihrer Kindheit zurück; versprachen sich, einander fleissig zuzuschreiben, und sich alle Heimlichkeiten ihres Herzens zu entdecken. Xaver musste auch versprechen, übers Jahr in den Ferien, seinen Vater und sie zu besuchen.

Sie kamen nun ans Pfarrhaus; der Prediger, der eben im Fenster lag, kam ihnen mit ungemeiner Freundlichkeit entgegen. Nun, meine Tochter, (so nannte er Teresen) das heiss ich recht Wort gehalten! Seid mir tausendmal willkommen, lieben Kinder! Setzt Euch, wenn ihr müde seid! Womit kann ich aufwarten? Sagt's nur frei heraus, ob ihr lieber Wein, oder Kaffee wollt? Alles steht Euch hier zu Diensten. Was beliebt euch?

Terese. Nichts als frische Milch, wenn wir bitten dürfen. Sie wissen, Herr Pfarrer, dass ich nicht um Essens und Trinkens willen zu Ihnen komme.

Pfarrer. Nun ja; Milch sollt ihr nachher auch bekommen, wenn wir ins Gärtchen gehen. Susanne! (zu der Haushälterinn) mach sie nur indessen eine Schaale Kaffee! – Und wie stehts denn zu haus? der Papa ist doch gesund?

Xaver. Ja; Er lässt sich Ihnen empfehlen, Herr Pfarrer!

Pfarrer. Vielen Dank, junger Herr! Nun, in ein paar Tagen wirds wohl abgehen, in die Stadt? Ja, ja! Gott segne seinen Entschluss! Und lass den Papa Freud an ihm erleben!

Terese. Aber, Herr Pfarrer, ich hab heute noch mit ihm drüber gesprochen. Glauben Sie nicht auch, dass er besser täte, wenn er ein Weltgeistlicher würde, und so etwa einmal als Pfarrer in unsre Nachbarschaft käme? Das Kloster, fürcht ich, taugt nicht für ihn, oder er nicht für's Kloster.

Pfarrer. Meine Meinung wär's freilich auch, Jungfer Terese. Aber in dergleichen Dingen lässt sich nicht gut raten. Die Klosterherren sind selten gute Freunde von uns, ob sie uns gleich das Geld für's Messlesen hundertmal wegschnappen; und da könnt mir es nur übel ausgelegt werden, wenn ich ihm davon abriete. Ich möchte gern das Bischen Jahre, das ich noch zu leben habe, im Frieden hinbringen, dass man nicht nach meinem tod sagte, ich habe mich mit niemand vertragen können. werde er nur ein frommer Mann, dann ist es einerlei, wie sein Kopf geschoren ist, halb oder ganz! Und er kann sich ja auf der Universität immer noch besinnen, welche Weihe er annehmen will? Es gibt im Kloster brave Leute, Jungfer, wie bei uns, und auch schlimme. Wenn er sich nur in die Regel schicken kann, das ist das Hauptwerk, und da muss er sich am meisten drüber prüfen! – – Da hab ich eben eine traurige Nachricht gekriegt. Mein Bruder in Burgau ist gestorben, und hinterlässt sechs vater- und mutterlose Waisen. Ich habs zwar schon immer im Sinn gehabt, dass ich für sie sorgen will; und das Bischen Vermögen, was ich von meinem Einkommen zurückgelegt habe, fällt ihnen zu; aber was hilft Kindern Geld und Gut, wenn es an der Erziehung fehlt? Man weis schon, wie's bei fremden Leuten geht. Nun, nun, Gott wird sich ihrer auch annehmen; er ist doch der rechte Vater. Nun ist niemand mehr von uns übrig; wir waren fünf Geschwister, und sind alle weggestorben, bis an mich, ob ich gleich immer der schwächlichste unter ihnen war. Aber hätt ich auch nicht so ordentlich und mässig gelebt, ich wäre längst nicht mehr da. Kinder! ich sag immer: Ordnung, und Mässigkeit ist die beste Arzenei! Lasst euch das zur Regel dienen, und ihr werdet mit Freuden alt. So hat man sich nichts vorzuwerfen, wenn der Tod kommt. Ich habs Gottlob! bei meinen bauern auch so weit gebracht, dass man selten einen aus meinem Dorf betrunken sieht, und Sonn- und Feiertags beim Wirtshaus vorbeigehen kann, ohne das ärgerliche Gejuchz zu hören. – – Ist der Kaffee schon fertig, Susanne? Nun, meine Kinder, lassts Euch belieben! Zu meiner Zeit war das freilich auch nicht; Aber, andern Leuten zu gefallen, muss man schon so etwas mit machen. Nur immer mässig! sag ich, und zu seiner Zeit! Das hat mir immer am Klosterleben wohl gefallen, dass da alles so ordentlich hergeht.