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wenn ich bei ihr in der Zelle war. Ein einzigesmal hatte sie Kraft genug, mit mir von ihm zu sprechen, und mir die ganze geschichte zu erzälen. Sie beschloss damit: "Geh nicht ins Kloster, Herzensfreundinn, was dir auch begegnet! Mitten in meinem Elend war ich in der Welt noch glücklicher, wo ich doch Freunde hatte!" drei Wochen nach diesem starb sie. Ihr letztes Wort war: Jesus, stärk Ihn! – – Du bist gerührt, Xaver! glaube mir, Bruder, solche unglückliche Seelen gibts im Kloster noch genug. Es ist ein Sammelplatz von Elend. Die meisten hat das Unglück hineingetrieben; und nun kommt die Reue noch hinzu. Ich wüste nicht Eine Nonne, wo ich war, die ihren Entschluss nicht bereut hätte, wenn sies gleich nicht sagte. Verdruss, Schwärmerei, Eigennutz der Eltern und Verwandten, und Uebereilung sinds allein, die das Kloster füllen; diese haben ihre grenzen, hören wieder auf; aber das Gelübde, Einmal ausgesprochen, ist ewig unauflöslich.

Xaver. Das ist schon recht, Terese, du sprichst hier von Nonnenklöstern, und da weiss ich nichts davon, hab mich auch niemals drum bekümmert, aber bei uns – – –

Terese. Nun? ist es bei euch wohl anders? Seid ihr denn nicht auch Menschen, wie wir? Habt ihr nicht anuch Fleisch und Blut? Bei Euch, denke ich, sollt's noch ärger sein, da ihr die Freiheit mehr gewohnt seid, stärkere Leidenschaften habt, und euch weniger schmiegen könnt, als wir. Wir müssen uns so vieles in der Welt gefallen lassen; sind an Unterwerfung und Gehorsam schon von Jugend auf gewöhnt; leben immer einsamer, als ihr, und sind oft ganze Wochen lang zwischen unsre vier Wände eingesperrt, da ihr indessen volle Freiheit habt, in der Welt anzufangen, was ihr wollt. Von uns sollte man weit eher denken, dass das Kloster für uns wäre, und doch ist es nicht.

Xaver. Gut, Schwester! Aber das must du doch auch sagen, dass zwischen Manns- und Nonnenklöstern ein gar himmelweiter Unterschied ist. Ihr seid ewig eingesperrt, und wir können zu gesetzter Zeit ganze Tage lang herumgehen; können unter Menschen leben, wie vorher.

Terese. Ja, das ist schon etwas; aber viel hast du nicht damit gewonnen. Wenn Ein Unglück kleiner ist, als das andere, so bleibts deswegen immer noch ein Unglück, dem man ausweichen muss, wenn man kann. Die Hauptsache bleibt doch immer dieselbe; du must auch das Gelübde des Gehorsams, der Keuschheit und der Armut beschwören; must Dinge beschwören, gegen die sich deine ganze natur empört. Für was gab denn Gott uns Freiheit, wenn wir sie nicht brauchen sollen? Warum schuf er zweierlei Geschlechter, wenn sie sich durch Mauren von einander absondern wollen? Und Geld und Gut sind doch auch Gaben Gottes; soll man sie verachten und wegschmeissen, und von andrer Menschen Arbeit leben? Ich glaube nicht, Xaver, dass das recht ist; und sich selber unglücklich machen, soll man auch nicht.

Xaver. Du bist streng, Schwester, und von der Seite hab ichs noch nie angesehen. Ja, wenn man sich ins Kloster einsperrt, und keinem Menschen dienen will, als sich; dann, glaube ich, ist das Mönchsleben unverantwortlich; aber, sieh, so, wie ichs habe kennen lernen, ist es ganz was anders. Ich hab dir vorgestern vom P. Martin, und vom P. Gregor, und noch mehr vom P. Anton erzält, was das für Leute sind. Da must du doch gestehen, dass sie hundertmal mehr Gutes tun, als andre Weltmenschen.

Terese. So viel mehr Gutes eben nicht; und dann sind das ausserordentliche Leute, deren es wenig gibt, und die gewiss in der Welt eben so viel Gutes würden ausgerichtet haben. Sieh nur unsern Papa an, wie der um die Menschen sich verdient macht! Er hält das ganze Dorf in Ordnung, verschafft dem Fürsten seine Abgaben, ohne dass die bauern drunter leiden. Jedermann im Dorf hat ihn lieb, und segnet ihn. Allen Armen, die es wert sind, tut er Gutes. Die selige Mama hat er, wie sich selbst geliebt, und ihr diese Welt zum Himmel gemacht. Uns hat er mit der grössten Sorgfalt fromm und christlich erzogen, dass wir gute Menschen werden, und der Welt nützen können. Wir haben tausend Gutes von ihm gelernt, tausend Wohltaten genossen, und geniessen sie noch täglich. Sag einmal, Bruder, ist das nicht ein Leben, das wohltätig ist, und Gott wohlgefallen muss? (Xaver weinte) Und so sieh jeden rechtschaffnen Hausvater hier im Dorf an, ob der nicht auch tut, was er kann? Ob er nicht auch Segen in dieser und in jener Welt einerndten muss, ohne eben ins Kloster zu kriechen?

Xaver. Ich glaube aber, Schwester, dass ich mehr ins Kloster taug, als in die Welt. Dass ich da mehr Gutes ausrichten kann, als anderswo. Gott weiss, dass ich keine andre Absicht habe, als den Menschen so viel Guts zu tun, als in meinen Kräften ist. Darauf hab ich immer gesehen. Und da kenn' ich für mich, keinen Stand, in dem's besser anginge, als im Geistlichen. Was mein eigenes Glück betrift, so find ichs gewiss nirgends eher