nun, ausserhalb dem Wald' auf eine Anhöhe gekommen, an deren Fuss das Kloster gebaut war. Rechterhand an einem Eichenwalde ging die Sonne ganz golden unter. Sie spielte noch auf den umgebognen Spitzen der Saat, die vor ihnen, wie ein sanfter Strom dahin schwamm. Drüber hin waren Gespinnste von Spinneweben wie ein Teppich ausgebreitet, die im Stral der Sonne alle Regenbogenfarben trugen. Hoch in der Luft sangen noch die Lerchen, deren Flügel, wenn sie sich ein Bischen wendeten, wie Gold glänzten. Ein Arm der Donau, der ganz still zwischen Weiden hin floss, fasste das Bild des roten Abendhimmels auf, und man konnte die ganze rotdämmernde Gegend drinnen sehen. Zur linken Seite ward der Himmel schon dunkler; unten am Tannenwalde war er grau, und oben gelbrot. Vor ihnen lag das Kloster in ruhiger Stille. Die, mit weissem Blech belegten Dachkuppeln glänzten noch ein wenig; hinter dem Gebäude erhuben sich zwanzig oder dreissig hohe schwarzgrüne Tannen; alles war jetzt still, da die feierliche harmonische Betglocke erklang, und die ganze Gegend um den jungen Siegwart her zu einem Tempel machte. Seine Seele war jetzt weich wie Wachs; unwillkührliche Tränen, die das Mittel zwischen Wehmut und Freude hielten, glänzten ihm im Auge. Er sprach nichts; mit halbfrohem und halbbangem Zittern kam er dem Kloster immer näher, und nun waren sie am Tor. Ein alter ehrwürdiger Kapuziner in schneeweissen Haaren empfieng sie mit der Freundlichkeit eines Engels, und führte sie, weil er den alten Siegwart kannte, in den Speisesaal. Hier sassen dreissig Väter, mehrenteils ehrwürdige Greise mit einer Glatze, und langen silberfarbnen Bärten. Sie standen alle auf, bewillkommten mit einem stillen heitern Lächeln den alten Siegwart, und umarmten ihn, einer nach dem andern, mit brüderlicher Liebe; Sie gaben auch dem jungen Siegwart die Hand, dem das Herz laut schlug. Die beiden Ankömmlinge mussten sich mit zu Tische setzen, und das kleine mässige Mahl mit geniessen. Stille heitre Zufriedenheit sass auf allen Stirnen; jeder begegnete dem andern mit Freundlichkeit und Liebe. Der junge Siegwart sah einen nach dem andern an, und verlohr sich in dem Gedanken von dem Glücke dieser Väter; er fing jeden an zu lieben, und freute sich, wenn er bald von diesem, bald von jenem angelächelt, oder angeredet wurde. Besonders nahm der ehrwürdige Vater Anton, neben dem er sass, seine ganze Seele ein, denn er sah wie ein Apostel aus, und begegnete seinem Vater mit der treuherzigsten Liebe.
Wie lange sind Sie nun, sagte dieser zu dem eisgrauen Pater Gregor, der die zwote Stelle an der Tafel einnahm, hier im Kloster? Vier u. fünfzig Jahre sinds, Gottlob! antwortete Gregor, dass ich von der Welt mich abgesondert habe, und hier im Kloster meinem Gott diene, und dem Tod entgegen sehe. In meinem zwanzigsten Jahre tat ich Profess, und seitdem weiss ich von der bösen Welt nichts mehr. Ich bin niemals krank gewesen, aber nun fühl ichs, dass mein ende nahe ist. Es sind mir so viele vorgegangen, von denen ich geglaubt habe, dass sie mich begraben würden: endlich muss die Reihe doch auch an mich kommen. Die nächste Leiche wird wohl mir gelten, meine Brüder! und hier sah er alle, heiterlächelnd, an. Das wolle Gott nicht, sprachen die Paters einmütig; nein, das wolle Gott nicht, dass wir dich so bald verlieren! Der alte Mann sah mit einem blick gegen Himmel, und wischte sich die Augen. Nun ward ein lange Stille, welche keiner unterbrechen wollte, bis der Guardian vom Tische aufstand, dem die andern alle nachfolgten. Anton und noch ein andrer Pater baten den alten Siegwart, die Nacht im Kloster zu schlafen, weil der Mond, den er abwarten wollte, doch erst um halb 10 Uhr aufginge. Wir haben zwar im Kloster keine weiche Betten, sagte er, aber unser Verwalter draussen soll Sie gut beherbergen. Wir müssen wieder einmal einen Abend mit einander gemessen, wer weiss, wie lange uns diess auf der Welt vergönnt ist? Der alte Siegwart war es zufrieden.
Nach dem Abendgebet ging man in den Garten, wo die Levkoje und die Nachtviole mit der Apfelblüte süsser düftete. Viele Gänge zwischen hohen Hekken durchkreuzten sich. In der Mitte des Gartens plätscherte das wasser des Springbrunnens lieblich. Von hier konnte man alle Gänge übersehen, in die sich die Väter, je Paar und Paar, verteilt hatten. Die sich gleich geschaffen waren, schlossen ihre Herzen vor einander auf, entdeckten sich ihre Gedanken, sahen zum gestirnten Himmel, sprachen vom grab, von der Trennung, vom Wiedersehen, und der Ewigkeit. Andere, die die Freundschaft in der Jugend schon vereinigt hatte, sprachen von den Tagen ihrer Kindheit, von ihren Freuden oder Leiden, von den Freunden, welche sie verlassen hatten, ob sie wohl noch lebten, oder sie im Himmel schon erwarteten?
Sie teilten sich ihre Besorgnisse wegen andrer mit, von denen sie wusten, dass sie ehedem der Welt und ihren Leidenschaften zu sehr nachgehangen, und nicht rechtschaffen gedacht und gehandelt hätten; und nun beteten sie gemeinschaftlich mit Worten, oder auch mit Blicken für ihr Wohl ihre Besserung.
In andern Gängen schlichen weniger edelgesinnte Männer, die der Neid gegen andre, oder das Misvergnügen über ihre Vorgesetzten vereinigt hatte, und die sich mit den Fehlern oder Schwachheiten ihrer Mitbrüder beschäftigten, und boshafte Kränkungen für sie aussannen – Weg