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und sann ihres Bruders Schicksal nach. Tausend traurige und schreckliche Bilder, die die Phantasie, die Stille der Nacht, und der blasse Mond, der seine Stralen an die weisse Wand der kammer warf, noch vergrösserte, stiegen vor ihr auf Sie schlief endlich unter Tränen ein. Gleich am Morgen ging sie auf das Zimmer ihres Vaters, und brachte ihm seine Suppe; denn er trank niemals Kaffee; sie machte sich allerlei zu schaffen, räumte die Papiere auf; stopfte seine Pfeife; hustete, weil sie reden wollte, und nicht konnte. Wenn ein Wort schon auf ihrer Zunge schwebte, unterdrückte sie es wieder. Als er gegessen hatte, ging sie hinaus, um ihrem vollen Herzen Lust zu machen, und ihres Vaters Pfeife anzustecken. Sie kam wieder, stellte sich an die Kommode, schlug die Augen nieder, krabbelte mit den Fingern, oder spielte mit einer Feder. Sie ging ans Fenster, machte es auf und wieder zu, und fing endlich, mit weggewandtem Gesicht an: Papa, ist es denn wirklich Ernst mit Xaver? Soll ich ihm Weisszeug auf die Reise zurecht machen?

Der Vater. Allerdings, Terese! du wirst dich freilich wundern, dass ich so schnell einen Entschluss fasse, den ich selber nie vermutet hätte. Aber ich hab dir schon gesagt, wie es dem Knaben im Kloster so wohl gefiel, und wie die Paters mir zusetzten, dass ich ihn der Kirche nicht entziehen sollte; und gestern fand ich ihn vollends ganz und gar verändert; er sah und hörte nichts, als das Kloster; seine ganze Seele haftet dran, und es wär sein Unglück, wenn man ihn jetzt davon losreissen wollte. Er ist so veränderlich nicht, als er scheint; ich habs oft erfahren. Was er Einmal recht fest gefasst hat, das lässt er so leicht nicht wieder fahren.

Terese. Das ist schon gut, Papa; aber jetzt ist er noch, wie betäubt. Wenn er wieder zu sich selber kommt, und sieht, wie weit er schon vorwärts gegangen ist, ohne dass er mehr zurück kann, wie wird's ihm dann gehen?

Der Vater. Du machst mir aufs neue bang, meine Tochter; ich war vorher schon nicht ruhig. Aber, sag, wie ichs anders hätte machen können? Der Knabe kommt ins Kloster; alles ist ihm neu, gefällt ihm, blendet ihn. Anton fragt, ob ich keinen Sohn ins Kloster geben wolle? Xaver bricht los, sagt ja; die andern Paters erfahren's; nehmen mich beim Wort, und stellen mir die Sache als eine Gewissenssache vor. Nun wusst' ich weder aus noch ein, und suchte mir nur dadurch Verzögerung und einen Ausweg zu verschaffen, dass ich Xavern versprach, er könnte einige Tage im Kloster bleiben. Vielleicht, dachte ich, wird ihn die Einsamkeit bald wieder auf andere Gedanken bringen, und ihm die Freiheit desto angenehmer machen. Aber es ging umgekehrt. Er will von nichts anders mehr wissen, als vom Klosterleben. Ich kanns nicht ändern, und ich denke doch, dass es so auch gut gehen werde, da sein Trieb so stark und beinahe übernatürlich ist. Es würde mir überdiess auch schwer fallen, ihn auf andre Art in der Welt unterzubringen, da ich doch für euch genug zu sorgen habe. Es ist dein Nutzen auch, Terese, wenn er so versorgt wird, und ich kann dir einmal dafür mehr zum Brautschatz geben.

Terese. Ach, Papa, daran mag ich gar nicht denken! Lieber wollt ich alles fahren lassen, als meinen Bruder, und gerade diesen, unglücklich sehen.

Der Vater. Ich weiss, wie du denkst, Terese, und ich sags auch nicht deswegen; es ist nur so nebenher. Aber jetzt kann ichs warlich nicht mehr ändern. Ich habe den Paters mein Wort gegeben, und sie haben meinetwegen schon an die Piaristen geschrieben. Doch auch das sollte nichts verschlagen, und ich wollt es schon so machen, dass ich mich auf eine gute Art herauszöge; aber Xaver würde nicht damit zufrieden sein, und ich will meine Kinder zu keiner Sache zwingen, am wenigsten zur Wahl einer Lebensart, von der ihr künftiges Glück oder Unglück abhängt; du kennst meine Art schon. Wenn du glaubst, dass es schlechterdings sein Unglück ist, wenn er Mönch wird, so magst du meinetwegen dein Heil bei ihm versuchen, und sehen, was du ausrichtest! Ich wollte gern, dass es dem Knaben so wohl ginge, als er seiner Folgsamkeit und seines guten Herzens wegen verdient! Sprich mit ihm davon!

Terese. Wenn Sie's erlauben, Papa, so will ich mit ihm sprechen, und ihm meine Meinung frei heraus sagen. Denn hier hilft das Schweigen nichts, man möchte es nachher zu spät bereuen, und sich Vorwürfe drüber machen.

Der Vater. Gut, meine Tochter, ich überlass es deiner Klugheit; nur must du ihm das Klosterleben auch nicht gar zu traurig abmalen! Es möchte eine schlimme wirkung bei ihm haben, da er einmal ganz dafür eingenommen ist.

Terese ging nun mit etwas leichterm Herzen weg, als sie hergekommen war. Sie suchte ihren Bruder diesen Morgen noch zu sprechen; aber Wilhelm, der bei ihm auf dem Zimmer sass und durch keinen Worwand wegzubringen war, hinderte sie daran. Den Nachmittag kam ein alter Prediger vom nächsten Dorf, den Terese oft auf ihren Spaziergängen besuchte, und, seiner