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Schlaf. Der Arzt, der eben kam, und ihm im Schlaf den Puls berührte, sagte, dass er sehr gut gehe. Man möchte nur recht still und ruhig sein, um ihn nicht aufzuwecken, weil er durch den Schlummer neue Kräfte bekommen könne. Terese und Kronhelm entfernten sich also in ein anliegendes Zimmer, wo sie alle Bewegungen zu hören hoften. Siegwart schlief bis gegen elf Uhr aneinander fort. Terese war ein paarmal leise ins Zimmer gekommen, um nach ihm zu sehen. Als sie fand, dass er immer noch sehr fest schlief, so ging sie wieder auf ihr Zimmer, setzte sich in einen Lehnstuhl, und schlief endlich, weil sie von dem vielen Wachen, und dem tiefen Schmerz äusserst abgemattet war, ein.

Um elf Uhr wachte Siegwart von einem sehr lebhaften Traum, indem ihm seine Mariane erschienen war, und ihm zuwinkte, auf. Sein Blut war in starker Wallung. Er fühlte sich von dem langen Schlaf gestärkt. Seine Phantasie war von dem Traume, und dem schnellen Umlauf des Geblüts stark erhitzt. Er stand auf, und ging ans Fenster. Der Mond, der durch dünne Wölckchen halb düster schien, warf etlich blasse Strahlen an das Kreuz auf Marianens Grab. Es schossen ihm Tränen in die Augen, und ein unwiderstehlicher Zug trieb ihn, auf das Grab zu gehen. Er ging, mit dem Kranz am Arm, an die tür, machte sie leise auf, ging durch den Kreuzgang, und suchte einen Ausgang nach dem Gottesakker. Zu gutem Glück fand er eine tür dahin; hastig lief er aufs Grab, stürzte sich drauf hin, umarmte das Kreuz, hieng den Kranz dran, und weinte laut. – O Mariane, Mariane! rief er, auf deinem Grab, auf deinem Grab! ... Nimm mich zu dir! Nimm mich zu dir, Engel! – Von der heftigen Bewegung, und der schnellen Verkältung entkräftet, sank er ohnmächtig an dem Kreuz nieder.

Terese wachte erst um Ein Uhr wieder auf. Sie erschrack, weil sie dachte, lang geschlafen zu haben, sprang auf, und eilte auf das Zimmer ihres Bruders. Die tür war offen, zitternd trat sie hinein, undJesus Maria! Das Bette war leer. –

Siegwart! Bruder! Siegwart! rief sie laut und ängstlich. Kronhelm sprang herzu; auch ein paar Nonnen. Er ist fort, fort! Mutter Gottes! sagt, wo ist er? – Die Bestürzung ward allgemein. Terese riss ihre Haare auseinander. Alle liefen umher und suchten, und wussten nicht, was sie wollten und suchten. –

Auf dem Grab! Auf dem Grab! rief endlich Kronhelm, der am Fenster stand. Alle flogen hinab auf den Kirchhof, und der edle Jüngling lag erstarrt und tot im blassen Mondschein auf dem grab seines Mädchens, dem er treu geblieben war bis auf den letzten Hauch.

Man brachte ihn aufs Zimmer. Kronhelm flog auf

seinem Pferd zu Pater Anton mit der schaudervollen Nachricht, und der letzten Bitte seines toten Freundes. Anton las sie. Ja sie soll dir gewährt werden, rief er, Teurer, Unvergesslicher! – Mit Tagesanbruch war er schon in Bergkirch, und sprach mit der äbtissin. Sie war es zufrieden, dass Siegwart bei Nacht in aller Stille neben seiner Mariane solle begraben werden.

Die Nacht drauf begrub man ihn. Die beiden Mär

tyrer der Liebe ruhten bei einander. Auch auf sein Grab ward ein Kreuz gesetzt. Terese vereinigte die beiden Kreuze durch eine Blumen- und Cypressenkette.

Ihr und ihrem Kronhelm und dem frommen P.

Anton war ihr Andenken heilig, bis auch sie ins Land der Ruhe eingingen, wo Zärtlichkeit und Menschheit keine Tränen mehr vergiessen.

Fussnoten

1 Wenn ich bete, so wird mein Herz weiter, wie gewöhnlich. Es hebt sich leichter, und naht sich Gott mit grössrer Zuversicht; nie bin ich andächtiger gewesen: als wenn ich Marianen in der Kirche beten sah, oder gleich darauf zu haus betete. Wenn ich erst an sie denke, dann wird mein Herz weich, und fühlt sich zur Andacht vorbereitet. Liebe ist gewiss die Mutter der Menschlichkeit, und grosser Tugenden.