vertieft, durch die stille Feier der natur dahin gingen, kam ein Bote aus dem Nonnenkloster Bergkirch schnaubend hergelaufen, und verlangte den Guardian zu sprechen. P. Anton ging mit ihm auf die Seite, und kam dann wieder zu Siegwart, der langsam vorausgegangen war. Ich habe, sagte er, einen Auftrag an dich, mein lieber Siegwart. Eine Nonne liegt in Bergkirch in den letzten Zügen, und verlangt ihren Beichtvater und die letzte Oelung. Du must eilig hinüber, weil P. Hildebrand krank ist.
Siegwart nahm den Auftrag willig an, ob ihm gleich das Herz schlug, als er von einem Nonnenkloster hörte. Mit den lebhaftesten und traurigsten Gedanken an seine Mariane ging er nach dem Kloster, und kam mit Untergang der Sonne an. Die äbtissin liess ihn vor sich kommen. Er sagte, der ordentliche Beichtvater P. Hildebrand sei krank, und sein Guardian hab ihm aufgetragen, seine Stelle zu versehen. Man führte ihn in eine dunkle Zelle, wo eine junge Nonne äusserst schwach auf einem Bette lag, um das ein paar andre Nonnen herum standen. Als man der Kranken sagte, der Beichtvater sei da, so verlangte sie zu beichten; die andern Nonnen gingen also weg, nachdem sie erst eine düstre Lampe auf den in der Ecke der Zelle stehenden Tisch gesetzt hatten. Siegwart setzte sich zu ihr ans Bette, um die beichte zu hören. Der Ton ihrer stimme schien ihm bekannt zu sein. – Gott im Himmel! Es war Marianens stimme! Mariane war die Nonne! – Mit einem lauten Schrei, und dann sprachlos stürzte er über sie her, und hielt sie fest in seinen Armen. – Erst nach einer Viertelstunde kam er wieder zu sich selber. Bist dus? Bist dus? rief er. – Mit gebrochener stimme sagte sie: Siegwart! Ich bin Mariane ... Lebst du noch? – – Er taumelte auf, nahm die Lampe, hielt sie ihr vors Gesicht. Es war Mariane, todtenbleich, und abgezehrt. Auf ihrer Brust lag das weisse Schnupftuch, mit dem Blutfleck von seiner Wunde. Sie schlug ihr mattes auge auf, und sah ihn an. Er liess die Lampe fallen, und stürzte wieder über sie her. – – Man hat dich getäuscht, sagte sie, in Marienfeld – – ich war nicht gestorben – – – hier lies! – – (Indem sie aus ihrem Busen etlich versiegelte Blätter langte, und ihm gab.) ... Siegwart! Siegwart! ... Leh wohl ... Komm nach! ... Sie sprach noch etlich Worte, ohne zu merken, dass er ohnmächtig im Stuhl lag.
Erst nach ein paar Stunden gingen die Nonnen, denen es zu lang dauerte, mit einem Licht in die Zelle. Mariane lag tot auf dem Bette Siegwart war, noch halb ohnmächtig und sprachlos im Sessel zurückgelehnt.
Die Nonnen waren voll Bestürzung, wussten nicht, was vorgefallen war, und brachten ihn in einem andern Zimmer aufs Bette. Die ganze Nacht durch fiel er von einer Ohnmacht in die andere. Den andern Morgen tat man sogleich Bericht an sein Kloster. Pater Anton kam selbst nach ein paar Stunden. Jesus, Maria! Sagte er, indem er ins Zimmer trat, was hat sich mit dir zugetragen, Siegwart? – Nichts, antwortete dieser ganz matt. Das Gewitter ist vorüber ... und die Sonne lacht.. und der Tag bricht an.. und Ruhe ... Anton bat, Man möchte ihn mit Siegwart allein lassen! Nun erfuhr er von ihm, Mariane sei die Nonne gewesen. – Lebt sie noch der Engel? sagte er, und richtete sein auge auf Anton, indem er seine Hand ausstreckte, als ob er die Hand seines Freundes suchte. – Sie hat ausgelitten, sagte P. Anton. – Nun Gottlob! sagte Siegwart, und faltete die hände; bald auch ich ....
Und wo bin ich jetzt? – fragte er nach einiger Zeit wieder.. In ihrem Kloster, war die Antwort.. – Ihr so nah? ... Gott sei Dank!.. Ihr so nah ...
P. Anton war im tiefsten Schmerz. Siegwart wurde immer schwächer; sprach zuweilen nur ganz abgebrochen: Gottlob!.. Engel! ... Mariane! Gott sei Dank! Jesus!, bald! ...! u.s.w.
Man hatte nach einem Arzt geschickt. Dieser machte höchstens noch auf fünf bis sechs Tage hoffnung. Kann ich nicht noch meinen Kronhelm sehen, und Teresen? sagte Siegwart.
Man schickte nach ihnen, und sie kamen. Siegwart hatte wieder etwas wenige Kräfte bekommen, als sie kamen, und sass in einem Lehnstuhl. P. Anton, der beständig um ihn war, hatte sich nur etliche Stunden entfernt, um nach seinem Kloster zu gehen. Also war Siegwart allein, als Kronhelm und Terese ins Zimmer traten. – Bruder! riefen beide, gingen auf ihn zu, und lehnten sich zu beiden Seiten schweigend an den Lehnstuhl. Er tröstete sie, und sagte, sie sollten ihm Glück wünschen, denn er sei am Ziel.
Als sie sich von ihrem Schmerz etwas erholt hatten, erzählte er ihnen kurz den Vorfall; zog das versiegelte Papier, das ihm Mariane gegeben hatte, hervor, und gabs seinem Kronhelm, mit der Bitte, es ihm vorzulesen.
Unter tausend Tränen