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, und dem blauen Kelch! Es ist nur eine gemeine Blume, die der Kenner wenig schätzt, und ist doch so schön. Pflück mir doch diese Aurikel hier! Ich rieche nichts lieber. – Was für ein Balsam aus der Blume fliesst! Er stärkt alle Nerven. Alles ist zur Lust des Menschen da, alles sucht ihm zu gefallen. Und der Mensch erkennts so wenig, geht dran vorbei, als obs von ungefähr da wäre. Wenn ich allein spatzieren gehe, dann ist mir kein Gedanke heiliger und süsser, als die Bewunderung und Anbetung des Gottes der Liebe. Die Gedankenlosigkeit setzt den Menschen weit zurück; er könnte weit früher Gott ähnlicher werden, und ihm näher kommen. Daher hab ich immer die Dichter sehr geliebt, weil sie alles Schöne so sehr empfinden, und ihre Leser drauf aufmerksam machen. In der Bibel ist es eben so; Christus nimmt fast alle seine Gleichnisse von den Dingen her, die auf dem Feld um ihn herum waren. – Hier wurden alle saiten der Seele Siegwarts getroffen, denn niemand war auf die natur aufmerksamer, als er.

Sie kamen nun dem Kloster nah, und der alte Siegwart ging auf sie zu. Sein Sohn eilte ihm entgegen, und drückte ihm die Hand; Anton umarmte ihn. Du hast einen lieben Sohn, Siegwart! sagte er; seine Gesellschaft hat mir diese Zeit über viel Vergnügen gemacht. Ich sehe, du hast ihn gut erzogen; Gott vergelt es dir! Und mit dem Kloster, denke ich, hats nun auch seine Richtigkeit; Nicht wahr, Xaver?

Der junge Siegwart. O ja, Papa; ich bitte Sie, Lassen Sie mich nun recht bald darein! Es ist gar ein herrliches Leben; Ich kanns Ihnen nicht genug beschreiben.

Der alte Siegwart. So gefällt dirs so wohl, Xaver? Nun, Nun! ich will dir nichts in den Weg legen. – Deine Brüder und Schwestern lassen dich grüssen; Sie glaubten schon, ich würde dich gar nicht mehr mitbringen. Terese war recht traurig drüber.

Der junge Siegwart. Aber sie ist es doch zufrieden, Papa, dass ich geistlich werde? Den andern, weiss ich, ist es schon recht; sie sagtens oft.

Der alte Siegwart. Das kommt auf mich, und dich an, Xaver! Sie haben in dergleichen Dingen nichts drein zu reden. Doch werden sie sichs auch gern gefallen lassen. Terese fürchtet nur, du könnest's im Kloster nicht gewohnt werden.

Der junge Siegwart. Ei, was weiss die? Ich will ihrs schon sagen, wie's so gut ist.

Indem kamen ein paar Paters, und luden die Gäste, auf Befehl des Guardian, ins Gartenzimmer. Alle fünfe gingen hin. Der alte Siegwart ward bewillkommt und ihm, wegen seines Sohns, Glück gewünscht. Es ward nun für ausgemacht angenommen, dass Xaver nichts anders werden sollte, als ein Mönch. Der Guardian versprach, gleich Morgen an die Piaristen im nächsten Landstädtchen einen Brief zu schreiben, und dem jungen Menschen eine Stelle auszumachen. Ein andrer Pater sagte, dass er seinem Bruder, Pater Philipp, der ein Lehrer an der Piaristenschule sei, schreiben, und den jungen Siegwart seiner besonderen Aufsicht empfehlen wolle. Die ganze Gesellschaft war nun sehr vergnügt; der Guardian liess guten alten Nekkarwein auftragen, den das Kloster erst von einer witwe geschenkt bekommen hatte, und man trank fleissig herum. Unserm Siegwart wurde eine Gesundheit nach der andern aufs künftige Klosterleben zugetrunken; sie nannten ihn im Scherz Bruder Augustin, weil man im Kloster den Namen ablegt, den man in der Welt gehabt hat. Diese Vertraulichkeit und der Wein, den er nicht gewohnt war, so gut, und so viel zu trinken, machten ihn ganz munter und beredt.

Der Vater, der oben bei dem Guardian sass, und nun, wegen seines Sohnes, alles mit ihm ausgemacht hatte, dass dieser nämlich in sechs oder sieben Jahren ganz gewiss ins Kloster sollte aufgenommen werden, stand endlich um sechs Uhr auf, und nahm von den Paters Abschied. Als der Sohn diese Zurüstungen sah, ward ihm das Herz auf einmal schwer, und das Auge trüb. Es war ihm, als ob er in eine Einöde zurückkehren sollte, so sehr hatte er sich schon ans Kloster gewöhnt. Eine Zeitlang stand er stumm und zitternd da; dann sprang er aber eilends weg, und kam nach einigen Augenblicken wieder, mit den Büchern unterm Arm, die ihm P. Ignatz geborgt hatte. Er ging zu ihm hin, und sagte: Leider hab ich die geschichte vom heiligen Franz nur halb, und die andern Bücher gar nicht durchlesen können; aber ich dank Ihnen doch reckt sehr. Nein, mein lieber Xaver, sagte Ignatz, so ist es nicht gemeint; Er soll die Bücher zum Andenken von mir behalten, oder sie mir erst wieder zurückgeben, wenn er hier Profess tut. Mach er keine Umstände! Sie sind sein. Xaver sah seinen Vater an, als ob er fragte, was er tun sollte? Ja, wenn der Herr Pater nicht anders will, Xaver, sagte dieser, so must du's eben annehmen. Aber das Geschenk ist gar zu gross, Herr Pater! Ich weiss nicht, was ich Ihnen dagegen anbieten soll? Schicken Sie uns Ihren Sohn bald, wieder, sagte Ignatz, das ist alles, was ich wünsche. Der alte Siegwart machte eine Verbeugung. Lass